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Dr. Peter Sigmund Praktischer Arzt in Gamlitz, Stmk.
© Photographee.eu / fotolia.com
 
Allgemeinmedizin 5. Oktober 2015

Schwierige Situationen und Krisen

Expertenbericht: Schicksal-gebeutelte Patienten und die damit einhergehenden Herausforderungen in der ärztlichen Praxis. Ein Seminar soll darauf vorbereiten.

Hausärzte sind oftmals die ersten, die mit trauernden, depressiven oder suizidgefährdeten Personen konfrontiert sind. Der richtige Umgang mit solchen Situationen und das Leisten von psychischer Erste Hilfe ist dann notwendig.

Ärzte in Praxis und beim Hausbesuch sind oftmals erste Ansprechpartner für Patienten und deren soziales Umfeld in schwierigen Situationen und Krisen. Vielfältige Problemstellungen und komplexe Zusammenhänge können eine große Herausforderung darstellen, weil diese vielfach als Schicksalsschlag unerwartet eintreten. Das Einüben kommunikativer Grundfähigkeiten und vorausschauende Planung mit wohlüberlegten Handlungsplänen kann äußerst hilfreich sein, fachlich richtig und emotional kompetent ärztlichen Beistand leisten zu können. Das Erspüren der eigenen Stärken und Kompetenzen im Umgang mit Patienten und das Vertrauen in die eigene Beziehungsfähigkeit sollen gefördert werden – denn wenn es auch vielfältige unterstützende medizinische Fachspezialisten gibt, die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist nicht delegierbar!

Es sind doch regelmäßig wiederkehrende Ausnahmezustände, die im ärztlichen Alltag bewältigt werden müssen. Ausgehend von den im Seminar 57 (Samstag, 10. Oktober im Grazer Congress) von den Teilnehmern eingebrachten Problemstellungen werden Themenschwerpunkte interaktiv behandelt werden.

Psychische Erste Hilfe

Aus den Erfahrungen im Aufbau des Kriseninterventionsteams hat Psychologe Dr. Günter Herzog ein Handlungsschema mit vier Elementen (S-T-O-P) der psychischen Ersten Hilfe entwickelt:

• Stabilize (Sicherheit/Setting/Sorge; www.mmw.de )

• Talk/Teach (Sprich und hör zu)

• Operate (Aktivität/Rituale/Handlungsplan)

• Peer (soziale Unterstützung)

Ein Ziel des Seminars ist das Kennenlernen, Verstehen und die praktische Umsetzung dieses als Grundgerüst für „Stresssituationen“ nutzbaren Handlungsschemas.

Umgang mit Verlust und Trauer

Menschen mit schweren, weit fortgeschrittenen und oft unheilbaren Erkrankungen beizustehen, schafft Bedürfnisse bei Betroffenen wie auch bei den Angehörigen und den Helfern. Dabei Unterstützung zu finden setzt sich die Leitlinie „palliativ care for patient with incurable cancer or advanced desease, part 3: grief and bereavement (http://bit.ly/1yhQiN8) der Universität von British Columbia sehr wirkungsvoll zum Ziel.

Im Seminar soll erfahren und geübt werden, welche wesentlichen Themen dabei im Gespräch aufgegriffen werden können, um Erleichterung zu schaffen. Der kritische Einsatz von Medikamenten bei akuten Trauerreaktionen und die Weiterführung von akuter zur weiteren kontinuierlichen Betreuung werden dargestellt.

Das Überbringen schlechter Nachrichten

Empathisch geführte Dialoge mit Patienten und Angehörigen sind Basis dafür, wie Informationen aufgenommen und psychisch verarbeitet werden können. Nach Schaffen des passenden zeitlichen und räumlichen Gesprächsrahmens wirkt professionelles und sachliches Auftreten beruhigend. Aufmerksam soll immer wieder überprüft werden, was an Botschaften wirklich angekommen ist.

Die Nachrichten sollen klar und mit einfachen Worten übermittelt werden: Was ist passiert? Wie wurde zu helfen versucht? Was ist medizinisch gesichert – was war die Todesursache? Ton und Stimme sollen der Situation angepasst sein. Verschnörkelungen und lange Erklärungen sind problematisch. Es geht um Erkennen von psychischen Reaktionen, die unmittelbar einer fachkundigen (psychiatrischen) Weiterbetreuung bedürfen. Brauchen Betroffene oder Angehörige Unterstützung bei somatischen Problemen im Rahmen der Belastungsreaktion (Schlafprobleme, Schmerzen…)? Soll weitere psychosoziale Unterstützung koordiniert werden? Entlastend wirken kann auch das aktive Ausspüren, Erfragen und Ansprechen von unangebrachten Selbstvorwürfen und damit zusammenhängenden Schuldgefühlen („Hätte ich/man nur mehr getan“).

Somatoforme, depressive Störung

69 Prozent der Patienten mit Depression suchen ihren Hausarzt wegen körperlichen Beschwerden im Rahmen der Depression auf (Simon et al. 1999): wenn da nicht die „Brücke gespannt“ wird zwischen Soma und Psyche droht der Frust auf allen Seiten und es besteht die Gefahr eine „Drehtürmedizin“.

Für die Depression gelten laut ÖGAM-Konsensus, Management der Depression in der Allgemeinmedizinischen Praxis (2010):

• Lebenszeitprävalenz: 15–17 %

• Stichtagprävalenz: ca. 10 %

• Punktprävalenz in Allgemeinpraxis: 10 %

Bei derart großer Häufung der Depressionserkrankung ist es notwendigerweise Aufgabe der allgemeinärztlichen Grundversorgung, die Diagnose zu stellen und die Therapie einzuleiten. Brisante Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das Erkennen von Suizidalität. Und wieder trifft dies Ärzte in der Grundversorgung als erste – oft noch bevor der Patient als schwer psychiatrisch krank und selbstmordgefährdet tituliert wird.

85 Prozent der Personen mit Suizidversuch waren vorher innerhalb drei Monate in Hausarztbehandlung. 40 Prozent hatten in der Vorwoche einen Termin bei Hausarzt, wobei mehr als die Hälfte über seelische Probleme klagten ( Pfaff JF, Acres J, Wilson M.; The role of general practitioners in parasuicide: A Western Australia perspective. Archives of Suicide Research 1999;5:207–214 ). Lebensüberdruss-Gedanken anzusprechen wirkt für die Patienten oftmals entlastend.

Die doch zahlreichen möglichen Differenzialdiagnosen der Depression machen eine genau ärztliche Untersuchung unverzichtbar. Diagnosekriterien, Therapieplanung und das Differenzieren der hausärztlichen und fachärztlichen Aufgabenbereiche sowie Zugänge zur psychologisch-psychotherapeutischen Versorgung sollen praxisnahe dargestellt werden.

Kraftquellen der Helfer

Psychische Betreuung braucht Zeit. Der maßvolle Umgang mit den eigenen Kraft- und Zeitressourcen ist von grundlegender Wichtigkeit. Wiederholte Kontakte können die Belastungen aufteilen und das Hinzuziehen weiterer Helfer wie Familienangehörige, Nachbarn und professionelle Helfer (Notfallseelsorge, Kriseninterventionsteam, Fachärzte, psychosoziale Zentren) kann das Versorgungsnetz tragfähiger machen. Belastete Helfer sollen nicht scheuen, für sich selbst Gespräch, Supervision und Coaching in Anspruch zu nehmen.

Praxisnaher Workshop

In diesem interaktiven Seminar mit dem Ziel, das persönliche Bewältigungsrepertoire der Teilnehmer für Krisensituationen zu steigern, wird die fachpsychologische Kompetenz von Dr. Günther Herzog dargeboten zusammen mit der praktischen Umsetzung im Ordinationsalltag durch Dr. Peter Sigmund.

Peter Sigmund, Ärzte Woche 41/2015

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