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DDr. Ferdinand Sator
 
Allgemeinmedizin 28. September 2015

„Es sind häufig Bilder von Erschöpfung, die sich uns bieten, banale Infekte, Kinder, die Fieber haben“ 2 Zeilen

3 Fragen, 3 Antworten

Aus der Not heraus entstand die Ambulanz am Westbahnhof. Doch was ist, wenn der Flüchtlingsstrom nicht abreißt, wovon auszugehen ist. Werden die ehrenamtlichen Helfer, Rotkreuz-Sanitäter und Ärzte auch in drei Jahren noch da sein? Kinderarzt Ferdinand Sator glaubt das nicht und wünscht sich geregelte Strukturen.

Wie funktioniert ihre Behelfs- Ordination am Westbahnhof?

Sator:Das spielt sich so ab. Wenn ein Zug ankommt, stellt sich ein Dolmetscher vor jedes Abteil. Die erklären denen, die beim Eingang stehen, was los ist und was zu tun ist. Dann lassen sie die Leute eine Zeit lang nicht aussteigen und erst, wenn sich die Information im ganzen Waggon verbreitet hat, steigen sie ziemlich geordnet aus. Dann wird ihnen auch gesagt, dass es hier eine Sanitätsstation gibt. Es gibt in der Ambulanz ein eigenes Kinderzimmer, es gibt die üblichen Medikamente, man kann hier arbeiten wie in einer normalen Ordination. Die Qualität der Kinderärzte ist die, dass die Erwachsenen-Notfallsmediziner die medizinischen Themen meist dramatischer einschätzen als sie real sind.

Typisches Beispiel: Ein drei Monate alter Säugling hat das letzte Mal in der Früh getrunken, dann stieg die Mutter mit ihn in den Zug nach Wien und kam um 5 Uhr am Nachmittag an. Zwölf Stunden lang konnte die Mutter ihr Kind in dem vollen Zug nicht stillen. Dadurch waren beide erschöpft. Der Säugling vom Schreien und der Müdigkeit und dem Hunger und die Mutter von der Flucht allgemein. Man hat ihnen nur einen ruhigen Platz verschaffen müssen, auch weil diese Frauen es nicht gewohnt sind in der Öffentlichkeit zu stillen.

Anderes Beispiel: Ein behinderter Bub, 8 Jahre, ist am Vater gehängt, der Vater war hundemüde, das behinderte Kind war auch sehr müde, aber gesund. Es hat aber sehr dramatisch ausgeschaut, dadurch dass es behindert war. Normalerweise würde so ein Kind in einem Rollstuhl sitzen, der ist aber auf der Flucht verloren gegangen oder war in der Enge des Zugs ohnehin nicht zu verwenden. Es sind häufig Bilder von Erschöpfung, banale Infekte, Kinder, die Fieber haben.

Eine völlig andere Lage also, sie sich den Helfern in Traiskirchen bietet?

Sator: In Traiskirchen ist die Situation anders, dort sieht man die Folgen von Kriegsverletzungen. Verletzungen, die vier bis sechs Wochen zurückliegen, und auf der Flucht nur schlecht ausgeheilt sind. Da kann man mit kosmetischer, mit plastischer Chirurgie einiges wettmachen, bei Verbrennungen zum Beispiel.

Welche besonderen ärztlichen Herausforderungen bietet die Arbeit in der Ambulanz am Wiener Westbahnhof?

Sator: Die sogenannten großen Notfälle kommen hier nicht vor. Zwei- bis dreimal am Tag müssen wir tatsächlich einen Flüchtling in ein Krankenhaus einweisen. Das sind meist chronische Fälle, Dauerkrankheiten, bei denen z. B. der Diabetes völlig entglitten ist, weil die Medikamente ausgegangen sind. Eine besondere Qualität haben die freiwilligen Dolmetscher. Durch sie gelingt es mir hier wesentlich besser, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen, als in meiner eigenen Ordination. Die Dolmetscher sind meist Österreicher der zweiten Generation, die drängt es hierher.

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