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© Mathias Ernert, Orthopädische Universitätsklinik
Selbst bei Eingriffen mit kleinen Wunden sind Low-grade-Infektionen eher die Regel als die Ausnahme.
 
Allgemeinmedizin 12. August 2015

Arthroskopie mit Keimproblem

Die für Low-grade-Infektionen verantwortlichen Erreger sind einer herkömmlichen Hautdesinfektion nicht zugänglich.

Infektionen werden zu einem zunehmenden Problem nach Schulter- und Ellenbogenoperationen. Weder Desinfektion-Standardtechniken noch die arthroskopische Chirurgie konnten dem bislang etwas entgegensetzen.

Postoperative Infektionen sind in der orthopädischen Chirurgie nach wie vor eine Herausforderung – insbesondere nach Schulter- und Ellbogenoperationen. „Daten der vergangenen 30 Jahre zeigen eine postoperative Infektrate von 0,4 bis 3,8 Prozent für das gesamte Spektrum der Eingriffe in der Schulter- und Ellbogenchirurgie. Bei Schulter-Endoprothesenoperationen liegt etwa die Häufigkeit von Infektionen bei 1,1 für anatomische und 3,8 Prozent für reverse Implantate. Bei der Versorgung von Rotatorenmanschettenrupturen bei 0,4 bis 1,9 Prozent und bei Ellbogenprothesen im Durchschnitt bei 3,3 Prozent, berichtete Dr. Robert Hudek, Rhön-Klinikum AG, Bad Neustadt an der Saale auf dem 16. EFORT Kongress in Prag, der sich als Schwerpunktthema die Infektion auserkoren hat. Dabei sind die sozioökonomischen Auswirkungen beträchtlich. Allein in England belaufen sich die zusätzlichen Kosten aller krankenhausassoziierten Infekte auf 1,4 Milliarden Euro“, so der Experte. „Vor allem die Low-grade-Infektionen entwickeln sich bei Schulter- und Ellenbogenoperationen zur zentralen Herausforderung. Deren Vermeidung, Erkennung und Behandlung beschäftigt die Schulter- und Ellbogenchirurgen ebenso wie klassische Infekte mit typischen Erregern wie Staphylococcus aureus oder das Problem der zunehmenden Resistenzen bei breitem Antibiotikaeinsatz“, so Hudek, ein Experte auf dem Gebiet der Schulterchirurgie.

Low-grade-Infektionen, die zuletzt verstärkt im Fokus der Forscher stehen, entwickeln sich sehr langsam, weisen nicht die typischen klinischen Symptome auf und führen im Schulterbereich zu Steife und hohem Schmerz. Möglicherweise ist wegen dieser Besonderheiten die Zahl der unerkannten Fälle hoch, so Hudek: „Solche Low-grade-Infektionen sind möglicherweise bisher in der Endoprothetik häufig als ‚aseptische Lockerung‘ deklariert worden, in Wirklichkeit stellen sie aber eine chronische Infektion dar.“

Desinfektionen versagen

Da die für Low-grade-Infektionen verantwortlichen Keime, insbesondere Propionibacterium acnes, einer herkömmlichen Hautdesinfektion nicht zugänglich sind, müssen neue Konzepte entwickelt werden. Dabei wäre insbesondere eine präoperative Reduktion der Talgdrüsen im Zugangsbereich zum Schultergelenk oder eine effektive Keimreduktion während der Operation, etwa durch häufige antiseptische Spülungen, denkbar. Beide Verfahren haben Nachteile und müssen in randomisierten Studien kritisch geprüft werden.

Obwohl die arthroskopische Chirurgie an der Schulter und am Ellbogen generell wegen der kleineren Zugangswege als weniger infektionsanfällig gilt, ist auch hier Low-grade-Infekte ein schwer beherrschbares Phänomen. Hudek: „Bei der offenen Chirurgie im Rahmen eines schulterchirurgischen Ersteingriffs konnten wir in 36 Prozent der Fälle trotz aller Vorsichtsmaßnahmen P. acnes intraoperativ nachweisen. Bei einem arthroskopischen Zugang war dies in 56 Prozent der Fälle gegeben.“

Jedoch entwickeln nicht alle Patienten, bei denen der Keim nachweisbar ist, auch eine Infektion. „Es scheinen spezielle Subtypen zu sein, die eine Infektion in einem Fall aufkeimen lassen und im anderen nicht“, sagte Hudek. So wird vermutet, dass P. acnes auch für chronische Rückenschmerzen verantwortlich ist. In einer doppelt verblindeten, placebokontrollierten und randomisierten Studie hatten Patienten mit bestimmten Wirbelsäulenveränderungen und chronischem Rückenschmerz für 100 Tage ein Antibiotikum erhalten. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Das Antibiotikum hatte die Testgruppe im Vergleich zu Placebogruppe praktisch geheilt. Selbst in Gewebeproben der Bandscheiben wurde P. acnes gefunden. Der Subtyp, der in der Wirbelsäule hauste, war in anderen Geweben nicht vorhanden. Somit scheint es aggressivere Varianten zu geben, über deren Pathologie aber wenig bekannt ist.

Die Verwendung bestimmter Desinfektionsmittel oder das präoperative Baden des Patienten scheinen zwar keinen relevanten Einfluss auf die Infektionsrate allgemein bei Operationen zu haben, allerdings offenbaren neue Erkenntnisse im Bereich der Infektionsprophylaxe bei der Schulter- und Ellbogenchirurgie einen Trend zur akribischen Reinigung der Haut, der zurückhaltenden Anwendung einer präoperativen Rasur und einer zeitgerechten prophylaktischen Antibiotikagabe. Die Compliance der Spitäler ist gerade in diesem Bereich stark gestiegen.

Quelle: Aussendung B&K Kommunikationsberatung

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