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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Ist zu viel Obst ungesund?

Organophosphate zählen heute zu den am meisten eingesetzten Pestiziden. Im Vergleich zu den früher verwendeten chlororganischen Verbindungen, zum Beispiel DDT, neigen sie weniger dazu, sich in der Umwelt anzureichern.Dennoch sind aber auch Organophosphate gesundheitlich nicht völlig unbedenklich. So gibt es etwa Hinweise darauf, dass sie bei chronischer Exposition das Nervensystem schädigen können. Untersuchungen aus Deutschland und Italien haben gezeigt, dass sich im Urin der Allgemeinbevölkerung hohe Konzentrationen an Organophosphaten bzw. ihren Metaboliten finden. Die Zufuhr erfolgt vor allem über Rückstände in Lebensmitteln.

Eine interessante Kasuistik zum Thema "Obstgenuss und Pestizidbelastung" präsentierte Dr. Ursel Heudorf, Umweltmedizinerin beim Gesundheitsamt Frankfurt/Main, auf der 4. Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Umweltmedizin (ISEM) im Herbst 2000 in Hannover. "Im Rahmen unserer umweltmedizinischen Sprechstunde untersuchten wir eine Familie, bei der kein Hinweis auf berufliche oder sonstige Belastung gegenüber Pestiziden vorlag", berichtete Heudorf. Während der Vater und der 5-jährige Sohn unauffällige Organophosphat- Werte im Urin aufwiesen, fanden sich bei der Mutter sehr hohe Konzentrationen, die in einer Kontrolluntersuchung bestätigt wurden.

Es stellte sich heraus, dass die Mutter sehr viel Obst aß - sechs bis acht Stück pro Tag. Das Obst kaufte sie im nahe gelegenen Supermarkt ein.
"Wir vermuteten daher, dass die auffälligen Werte durch den hohen Obstkonsum und die damit in Verbindung stehende Pestizidbelastung bedingt sein könnten", erklärte die Umweltmedizinerin. In der Folge stellte die Mutter ihre Ernährung um. Einerseits aß sie weniger Obst, andererseits bezog sie Obst, Gemüse und Salate nur mehr aus dem Naturkostladen bzw. vom Biobauernhof. Bei der nächsten Untersuchung lagen ihre Werte daraufhin im unteren Normbereich. Heudorf: "Da die Ernährungsweise der Frau ungewöhnlich war und von der üblichen Mischkost deutlich abwich, kann diese Kasuistik keine Hinweise auf die Ursache der hohen Organophosphat-Belastung in der Allgemeinbevölkerung geben. Even- tuell lassen sich so Maximalwerte in der (beruflich nicht belasteten) Bevölkerung erklären."

Auffallend sei jedenfalls, dass die Organophosphat-Gehalte in Urinproben der Bevölkerung deutlich höher sind, als aufgrund der bei Lebensmitteln durchgeführten Rückstandsuntersuchungen zu erwarten wäre. Möglicherweise komme es bereits auf der Pflanze zu einer hydrolytischen Spaltung der Pestizide und dadurch zu einer relevanten Aufnahme von Metaboliten durch den Konsumenten. "Die bisher üblichen Rückstandsuntersuchungen von Lebensmitteln erfassen jedoch ausschließlich die Wirkstoffe, keine Hydrolyseprodukte", so Heudorf. Sie forderte, entsprechende Analysen sowie eine toxikologische Bewertung der gewonnenen Daten durchzuführen. Auch Prof. Fritz Schweinsberg, Institut für Allgemeine Hygiene und Umwelthygiene der Universität Tübingen, vertrat die Ansicht, dass eine verstärkte Beschäftigung mit der Organophosphat-Problematik sinnvoll sei. Schließlich legen aktuelle Ernährungsempfehlungen der Bevölkerung nahe, fünfmal am Tag Obst und Gemüse zu essen.

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