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Allgemeinmedizin 3. Oktober 2005

Macht uns der „Elektrosmog“ krank?

Wir sind überall erreichbar, lassen uns aus der Ferne informieren und unterhalten. Ohne den Strom aus der Steckdose wären wir aufgeschmissen. Dass wir dafür ständig von Funk- und Fernsehwellen, elektrischen und magnetischen Feldern umgeben sind, nehmen wir so nebenbei in Kauf. Man sieht und spürt davon ja nichts. Aber der so genannte „Elektrosmog” birgt doch Gefahren.

Das Wort „Smog” (zusammengesetzt aus Smoke und Fog) stammt aus dem Bereich der Luftverschmutzung und kennzeichnet Situationen, die ein gesundheitsgefährdendes Potenzial haben: einerseits den so genannten Sommersmog (Ozon, Stickoxide, Peroxyacetylnitrat) und andererseits den Wintersmog (Schwefeldioxid, Partikel).„Elektrosmog” hingegen wird meist als Sammelbezeichnung für elektrische, magnetische sowie für elektromagnetische Felder verwendet, wobei – unabhängig von der Art, Stärke und Frequenz – ein negativer Effekt impliziert wird.

Die elektromagnetische Umwelt

Die Bezeichnung „Elektrosmog” ist aus biomedizinischer Sicht unwissenschaftlich und wird daher im Folgenden nicht verwendet. Besser ist es, von elektromagnetischer Umwelt zu sprechen. Darunter versteht man die Gesamtheit aller elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Felder aus den natürlichen Feldern der Atmosphäre, aber auch aus Hochspannungsleitungen, Haushaltsgeräten, Radio- und Fernsehsendern und aus Mobilfunksendern und -empfängern.

Feldtheorie

  • Ein elektrisches Feld umgibt eine ruhende elektrische Ladung. Seine Stärke wird in V/m (Volt/Meter) angegeben. Elektrische Felder können durch dünne Metallnetze beziehungsweise -folien (Faraday’scher Käfig) nahezu vollständig abgeschirmt werden.
  • Ein magnetisches Feld entsteht durch bewegte elektrische Ladungen. Wenn Strom fließt, ist also nicht nur ein elektrisches, sondern stets auch ein magnetisches Feld vorhanden. Die magnetische Feldstärke wird in A/m (Ampere/Meter) gemessen. Normalerweise gibt man, um die Größe eines magnetischen Feldes auszudrücken, die magnetische Flussdichte in T (Tesla) an. Für das Medium Luft entspricht die Feldstärke 1 A/m der Flussdichte von 1,25 µT. Eine Abschirmung statischer oder niedrigfrequenter Magnetfelder ist nur unvollständig, z. B. durch Platten aus speziellen Legierungen, möglich.
  • Elektromagnetische Felder (EMF) entstehen aus elektrischen und magnetischen Feldern, die miteinander in physikalischer Wechselwirkung stehen: Ruhende elektrische Ladungen besitzen nur ein elektrisches Feld. Erst wenn sich die elektrische Ladung bewegt, ensteht auch ein magnetisches Feld.

Zeitlich veränderliche magnetische Felder erzeugen ihrerseits aber auch zeitlich veränderliche elektrische Felder. Niederfrequente elektromagnetische Felder (bis 30 kHz) bleiben in der Nähe eines Geräts beziehungsweise einer Leitung. Dagegen breiten sich hochfrequente elektromagnetische Felder (über 30 kHz) im Raum aus. Mobilfunk wird mit einer gepulsten Hochfrequenzstrahlung abgewickelt.

Auswirkung auf den Menschen

Die biologischen Effekte nicht ionisierender elektromagnetischer Felder werden kontrovers diskutiert. Für niederfrequente elektromagnetische Felder (zum Beispiel durch Haushaltsstrom) existieren bereits gute personenbezogene Expositionsabschätzungen. Im hochfrequenten Bereich (zum Beispiel Mobilfunk) ist die Personendosimetrie noch in der Entwicklungsphase.

Niederfrequenzbereich

Die auch in der Öffentlichkeit diskutierte Studie von Wertheimer und Leeper, die ein erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern in der Nähe von Hochspannungsleitungen gezeigt hatte, konnte durch andere Studien zunächst nicht bestätigt werden. In neueren Untersuchungen gibt es jedoch gewisse Hinweise auf ein erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern, wenn diese dauerhaft gegenüber Magnetfeldern über 0,3 bzw. 0,4 µT mit 50- bzw. 60-Hz-Feldern (Haushaltsstrom) exponiert sind. Für Häufungen anderer Krebserkrankungen gibt es bisher keine Anhaltspunkte.

Hochfrequenzbereich

Das Auftreten von Leukämieerkrankungen im Umfeld von Sendetürmen wurde in mehreren Studien systematisch untersucht. Die meist negativen Studienergebnisse sind jedoch aus verschiedenen Gründen nicht hinreichend geeignet, eine fundierte Bewertung zu erlauben:

  • kleine Fallzahlen (mit dem Risiko falsch-negativer Studienergebnisse),
  • problematische Expositionsabschätzung,
  • lediglich ökologisch orientiertes Studiendesign (keine individuelle Zuordnung der Expositionsab-schätzung).

Mobilfunk

Studien über gesundheitsschädigende Effekte im Umkreis von Mobilfunk-Basisanlagen sind problematisch, denn der Abstand der Basisstation zur Wohnung beziehungsweise zum Aufenthaltsort erlaubt keine validen Rückschlüsse auf die tatsächliche Feldbelastung. Diese ist nämlich ganz wesentlich auch von der Oberflächenmorphologie der Umgebung (Gebäude etc.) sowie von der Auslastung der Basisstation abhängig. Drei Fall-Kontroll-Studien haben bislang keine Hinweise auf ein erhöhtes Hirntumorrisiko ergeben. Diese Studien sind jedoch aufgrund der kurzen Latenzzeiten unzureichend. Eine deutsche Studie ergab bei Nutzern von Mobiltelefonen und anderen Funk-Kommunikationseinrichtungen ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko für Melanome der Uvea. Eine Bestätigung steht noch aus. Einen Überblick über den derzeitigen Kenntnisstand gibt die Tabelle. Die passiv zu erduldende, ungewollte „Befeldung” nehmen viele Menschen als Bedrohung wahr. Ein Nachweis vollständiger Unbedenklichkeit (Nullhypothese) kann naturwissenschaftlich niemals belegt werden. Interessen der Mobilfunkbetreiber und subjektiv berichtete Überempfindlichkeiten stehen jedoch einander gegenüber.

Elektrosmog und Psyche

Das Gefühl, den Interessen der Betreiber ausgeliefert zu sein, bestimmt oft die öffentliche Diskussion. Eine transparente, ehrliche Risikokommunikation ist deshalb dringend vonnöten. Dabei ist es ein absolut nachvollziehbares, ethisch gegenüber den nachwachsenden Generationen gebotenes Anliegen, mangels Langzeiterfahrungen vorsichtig mit elektromagnetischen Feldern, wie sie unter anderem beim Mobilfunk vorkommen, umzugehen.

Problem der mangelhaften Expositionserfassung

Das Problem der mangelhaften Expositionserfassung gilt vorrangig für hochfrequente elektromagnetische Felder (zum Beispiel Mobilfunk). Technische Fortschritte, die eine personenbezogene Expositionserfassung verschiedener Frequenzen im Hochfrequenzbereich ermöglichen werden, sind seit kurzem verfügbar. Wir stehen somit erstmals vor der Möglichkeit, eine personenbezogene valide Quantifizierung der Exposition zu biologischen Effekten in Beziehung zu setzen.

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