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© Guido Hadt
Dr. Horst Schalk Allgemeinmediziner, Wien
© Julian Stratenschulte/dpa

Gekommen, um zu bleiben: die gleichgeschlechtlichen Ampel-Pärchen in Wien

 
Allgemeinmedizin 27. Mai 2015

Zwischen Angst und wurscht

Nur wenige Ärzte wagen ihr Coming out. Die, die es tun, sagen: Lieber schwul als homosexuell.

Soeben hat die Vorjahressiegerin Conchita Wurst den Eurovision Song-Contest in Wien mit „Rise like a Phoenix“ eröffnet. Durch die Euphorie über den ersten österreichischen Gewinner seit Udo Jürgens ist Akzeptanz von Homosexuellen wieder Thema. Wie hält es das Land mit der Toleranz gegenüber jedweder sexueller Orientierung? Das mediale Dauerfeuer deckt manch gestrige Geisteshaltung zu. Dennoch: Homosexualität befindet sich auch in der Medizin auf dem Weg zur gesellschaftlichen Mitte. Symbol dafür: Ampeln bringen gleichgeschlechtliche Paare zum Leuchten, um den Verkehr zu regeln.

Falls es Ihnen nicht bewusst war: Am 17. Mai war der internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. Die Bilanz des Erreichten ist hierzulande durchwachsen. Die rechtliche Lage von homosexuellen Paaren wird schrittweise jener heterosexueller Paare angeglichen. So hob der Verfassungsgerichtshof zu Beginn dieses Jahres das Adoptionsverbot von gleichgeschlechtlichen Paaren auf.

Aber wie sieht der Alltag von Ärzten mit homosexueller Orientierung aus?

„Ich ziehe die Bezeichnung schwul vor. Das Wort homosexuell reduziert uns auf die Sexualität. Es geht auch um Partnerschaft und andere Freundschaften.“ Horst Schalk, 53, Allgemeinmediziner in einer Gruppenpraxis im neunten Wiener Gemeindebezirk, hat sich auf schwule Patienten und HIV-Infizierte spezialisiert, da er da eine enorme Nachfrage sieht. Obwohl sein Angebot prinzipiell auch für Lesben und Transgender-Personen gilt, kommen hauptsächlich schwule Patienten.

Privates bleibt meist geheim

Als Obmann des Vereins „Homed“, der vor rund zehn Jahren gegründet wurde, setzt er sich aber auch für die andere Seite des medizinischen Spektrums ein. Homed stellt ein Angebot für schwule Männer dar, die im medizinischen System arbeiten: Studenten, Ärzte, Pflegepersonal, Psychotherapeuten und Gesundheitsmanager. Letztlich ist das Ziel die Akzeptanz schwuler Männer im Gesundheitsberuf. „Wo Angst herrscht, findet kein Outing statt“, attestiert Schalk. „Viele Kollegen tun ihr Privatleben nicht kund, weil sie fürchten, diskriminiert zu werden.“

Dabei empfiehlt der schwule Arzt, seine Orientierung bekannt zu geben: „Manche stehen öffentlich dazu, platzieren zum Beispiel den Partner als Bild auf ihrem Schreibtisch. Davor haben manche Angst. Aus meiner Sicht kann ich nur jedem raten, auch beruflich das Coming Out zu machen. Man sollte sich von seinem Partner abholen lassen können, nicht ständig eine Frau erfinden zu müssen, mit der man auf Urlaub war, sich überlegen, wer auf welchen Fotos zu sehen ist. Es wird ja immer schwieriger eine Scheinwelt aufzubauen und diese aufrecht zu erhalten.“

Digitale Vernetzungen und soziale Netzwerke wie facebook würden diese Inszenierungen zusätzlich erschweren. Gleichzeitig bietet das Internet enorme Möglichkeiten. Das Kennenlernen Gleichgesinnter wird erleichtert. „Viele Ärzte sind aus Angst nicht geoutet. Ich finde das schade, weil da sehr viel Persönlichkeit verloren gehen muss, was aber wichtig ist für die Arzt-Patienten-Beziehung. Und zum anderen auch viel Energie in die Geheimhaltung verschwendet wird“, meint Schalk.

Kollegen wissen Bescheid

Dabei handelt es sich um eine Analyse, die nicht jeder Schwule teilt: „Ich bin als Arzt asexuell. Ich habe nicht das Gefühl, mich vor meinen Kollegen oder Patienten verstellen zu müssen“, meint Dr. Alfred A. (Name geändert). Er arbeitet als Assistenzarzt für Neurologie in einem Landeskrankenhaus in Niederösterreich. Seine Kollegen wissen über seine sexuelle Orientierung Bescheid, trotzdem zieht er es vor, nicht genannt zu werden.

Anfangs hatte er Angst. „ Diese war aber unbegründet, meine Position ist heute gefestigt. Auch hat ein Generationenwechsel in den Chefetagen stattgefunden.“ Noch besser sieht A. die Lage für jüngere Kollegen: „Die Generationen nach mir sehen das lockerer, sie sind anders mit dem Thema aufgewachsen.“

Schwule machen Karriere

Für die weitere Karriere von schwulen Ärzten ist der junge Mediziner zweigespalten: „In meiner Abteilung habe ich keine Probleme. Aber ich möchte nicht wissen, wie das in anderen Abteilungen ist, oder wenn es um höhere Posten geht. Schwul-Sein kann aber auch ein Vorteil sein. Man könnte bevorzugt werden, wenn man keine Kinder hat, und mehr Zeit für den Job übrig hat.“ In seinem Turnus hatte es unangenehme Situationen gegeben. Da musste er hören, wie über homosexuelle Patienten schlecht geredet wurde.

Andererseits weiß er aus dieser Zeit über positive Erlebnisse zu berichten. So beobachtete er, wie in einem Wiener Ordensspital ältere schwule Patienten in Behandlung waren. Dem Personal attestiert er einen „hervorragenden Umgang“ mit diesen.

Die Behandlung von Patienten ist auch für „Homed“ ein Anliegen: „Wir verstehen uns als Ombudsstelle für medizinisches Personal, aber auch für schwule Patienten, wenn sie Probleme im Gesundheitssystem haben. Zum Beispiel bei der HIV-Infektion: Da gab es den Fall eines Patienten, der Probleme bei der Physiotherapie hatte. Eine Physikalische Fachärztin hatte verlangt, dass er sich Handschuhe anzieht. Da können sich Patienten an uns wenden, wir vermitteln“, sagt Schalk.

Für schwule Patienten diagnostizierte Schalk vor 20 Jahren, als er nach Wien kam, ein Manko: „Ich habe angenommen, dass es ein Angebot für schwule Männer gibt. Das war 1994 nicht so. Ich habe mir gedacht, dass ein Bedarf da ist, dass man als Patient offen über sexuelle Infektionen reden können muss, den Partner mitnehmen kann und keine Freundin erfinden muss.“ Heute sieht Schalk, Vizepräsident der österreichischen AIDS-Gesellschaft, den Bedarf vermehrt außerhalb Wiens. „Wir wollen schwulen Patienten schwule Ärzte vermitteln. In Wien gibt es da heute keine Probleme. In den anderen Bundesländern gibt es keine schwulen Ärzte als Ansprechpartner, ein Kollege in Linz ist die einzige Ausnahme.“ Schalks Aufruf: „Schwule Ärzte gesucht!“ Speziell am Land scheinen niedergelassene Ärzte zu fürchten, Patienten zu verlieren.

Im Vergleich sieht der Arzt Österreich gut positioniert: „Ich sehe eine Verbesserung im staatlichen, juristischen Bereich.“ Aber leider seien diese Verbesserungen bei vielen noch nicht angekommen. Deshalb trauen sich viele Kollegen nicht sich zu outen.

Dabei komme auch der Berichterstattung eine wichtige Rolle zu: „Dort gibt es die schwulen Identifikationsfiguren, wie den früheren Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit.“ Aktive Sportler schrecken vor einem Coming out zurück, weil sie fürchten, dass ihnen die Männlichkeit abgesprochen wird.

Der Wiener Krankenanstaltenverbund setzt auf Diversity Management. Heuer läuft das Projekt „Verschiedene Lebensweisen – Diversitätsstrategie 2015 für sexuelle Orientierung“. Ein eigener Beauftragter steht als Ansprechperson für LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) zur Verfügung. Eine psychologische Service-Stelle hilft bei Problemen am Arbeitsplatz.

Ein Medium namens Conchita

Bei den befragten Ärzten herrscht Einigkeit über die Bedeutung von Conchita Wurst:

„Sie ist ein ganz wichtiges Ereignis. Viele, die dem Schwul-Sein kritisch gegenüber gestanden sind, konnten sich ihr nicht entziehen. Die wichtigste schwule Person der letzten Jahre“, meint Schalk. Und Dr. A. sagt: „Toll. Sie macht das gut. Aufgrund des Erfolges von Conchita Wurst hatte ich viele Diskussionen in der Arbeit mit Kollegen. Oft nur 5-Minuten-Gespräche, aber sie verschaffen Offenheit. Sie bewirken etwas.“

Tipp

Der Verein „HOMED – Homosexuelle im Gesundheitswesen“ bezweckt die Prävention und Bekämpfung von Diskriminierung von Menschen im Gesundheitswesen auf Grund ihrer sexuellen Orientierung, sowie die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in sozialen, rechtlichen und standespolitischen Belangen.

Homed: c/o Dr. Horst Schalk, A-1090 Wien, Zimmermannplatz 1

Auf der Website findet man Kontakte und Wissenswertes: www.homed.at .

In Linz ordiniert der Männerarzt Dr. Georg Pfau. Der Sexualmediziner beschreibt seine (Beratungs-)Leistungen auf der Website www.maennerarzt-linz.at.

Norbert Peter, Ärzte Woche 22/2015

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