zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 5. August 2005

Die Suche nach dem guten Ruhekissen

Ein Viertel der Österreicher leidet unter Schlafstörungen. Definitionsgemäß sinddabei nicht nur die Nacht-, sondern auch die Tagesbefindlichkeit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. "84 Prozent der Betroffenen haben diese Schlafprobleme bereits seit über einem Jahr, also chronisch", betonte Prof. Dr. Anita Rieder, Institut für Sozialmedizin der Universität Wien, anlässlich einer Pressekonferenz am 21. März, dem "Internationalen Tag des Schlafes".

Nur ein Drittel sucht Hilfe bei Ärzten

Die Daten entstammen einer repräsentativen Stichprobe, die 1997 bei Österreichern ab 15 Jahren durchgeführt wurde. Prof. Dr. Bernd Saletu, Univ. -Klinik AKH Wien und Präsident der Österreichischen Schlafgesellschaft: "Erstaunlicherweise gaben nur 34 Prozent der Schlafgestörten an, mit ihrem Arzt darüber gesprochen zu haben." Rieder bringt das Problem auf den Punkt: "Die Patienten sagen nichts, weil sie ihre Schlafprobleme für eine Bagatellerkrankung halten bzw. die Ursachen im psychosozialen Bereich suchen, und der Arzt fragt nicht danach."

Dass Schlafstörungen keine Bagatellerkrankung sind, ist bereits seit langem offiziell anerkannt: Die für Ärzte seit 1991 weltweit richtungsgebende Internationale Klassifikation von Erkrankungen "ICD-10" der WHO führt Schlafstörungen als ernst zu nehmende Erkrankung gleichwertig neben KHK, Diabetes mellitus oder Lungenkrebs. Auch eine Sleep-EVAL-Telefonumfrage, die unter der Beteiligung der Universität Regensburg durchgeführt wurde, brachte alarmierende Fakten zutage. Prof. Dr. Göran Hajak, Psychiatrische Klinik der Universität Regensburg: "Fast die Hälfte der Patienten mit einer erhöhten Tagesmüdigkeit erleidet zum Teil lebensgefährliche Autounfälle. Aber auch Katastrophen wie jene von Tschernobyl, das Fährunglück ?Harald of Free Enterprise? oder die Ereignisse rund um das Space Shuttle 1986 und den Exxon-Valdes-Tanker sind auf Übermüdung bzw. zu wenig Schlaf zurückzuführen."

Moderne Therapie von Schlafstörungen

Nach Ausschluss organischer Ursachen wie beispielsweise Hyperthyreose oder Schmerzen sollte dem Patienten eine Kombination aus Verhaltenstraining und medikamentöser Therapie angeboten werden. Doz. DDr. Michael Lehofer, Allgemeinpsychiatrische Abteilung I der Landesnervenklinik Sigmund Freud, Graz: "Jeder Patient mit einer Schlafstörung sollte ein psychologisches Entspannungsverfahren erlernen. Beispielhaft seien hier die Methode der Stimuluskontrolle, die Methode der Schlafrestriktion und die Grübelstuhltechnik erwähnt." Begleitend sollten medikamentöse Therapiemaßnahmen angeboten werden.

Wann ins Schlaflabor?

Bei Menschen mit schwerwiegenden und chronischen Schlafstörungen ist eine genauere Untersuchung im Schlaflabor oft unumgänglich.

Saletu wünschte sich in diesem Zusammenhang die Einrichtung zusätzlicher Schlaflabors, in denen Schlafstörungen und deren Therapien objektiv und quantitativ gemessen werden können.

Einhellig beklagten die Experten, dass Schlaf in unserer modernen Leistungsgesellschaft zunehmend als notwendiges Übel betrachtet wird: "Wir sollten uns darauf besinnen, dass Schlaf in Wahrheit ein Genuss ist." Dieser Genuss wirke zudem lebensspendend und leistungsfördernd. So konnte die neueste Forschung nachweisen, dass beim Menschen der Tiefschlaf für bestimmte Lernprozesse erforderlich ist. Der Mensch kann deshalb abends geprobte komplexe Lern- und Übungsleistungen am nächsten Tag signifikant besser erbringen, wenn er nachts ausreichend lang und ungestört schlafen konnte. Damit dürfte die Wissenschaft den Nachweis erbracht haben, dass an der alten Weisheit vom "Lernen im Schlaf" doch etwas Wahres dran ist.

Hajak rät Schlafbedürftigen auch zu einer regelmäßigen "Siesta": "Ein kurzer Mittagsschlaf über maximal eine halbe Stunde kräftigt Seele und Körper der meisten gesunden Menschen." Ausnahme: Manche herzkranke Menschen sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, während eines Tagesnickerchens einen Infarkt zu erleiden.

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 13/2001

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben