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Ein Kritikpunkt mancher Mediziner am Arzthandbuch war das teilweise Auseinanderklaffen der Programminhalte mit den aktuellen Behandlungsleitlinien. Das wurde nun mithilfe einer Aktualisierung geändert.
 
Allgemeinmedizin 18. Mai 2015

„Mehr Struktur bedeutet auch mehr Sicherheit“

Das Betreuungsprogramm „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ unterstützt Ärzte in ihrer Arbeit mit Diabetes-Patienten. Die Sozialversicherung hat in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Diabetesgesellschaft die Programminhalte neu überarbeitet.

Der Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft, Prof. Dr. Thomas Wascher, hat der Ärzte Woche ein Interview gegeben. Im Fokus des Gesprächs standen die Aktualisierung des Arzthandbuches „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“, der Nutzen von Disease-Management-Programmen für Ärzte und die Vorbereitungen an einem neuen Fortbildungs-Curriculum Diabetes.

Das Disease Management Programm (DMP) „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ ist seit einigen Jahren ein wichtiger Baustein in der strukturierten medizinischen Betreuung von Patienten mit Diabetes Typ 2. Dabei werden zwischen den betreuenden Ärzten – niedergelassene Allgemeinmediziner oder Internisten – und ihren in das Programm eingeschlossenen Patienten individuelle Zielsetzungen vereinbart sowie regelmäßige Untersuchungen und daraus abgeleitete, notwendige Behandlungen durchgeführt. Damit gelingt es, die Lebenserwartung und Lebensqualität gleichermaßen zu erhöhen, indem Folgeerkrankungen – so verdoppelt sich etwa das Risiko einer Herz-Kreislauf- oder einer Bluthochdruck-Erkrankung, das Schlaganfallrisiko potenziert sich gar um das Zehnfache – verhindert bzw. frühzeitig erkannt und entsprechend therapiert werden. Die medizinische (sowie volkswirtschaftliche) Sinnhaftigkeit des Programms wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Evaluierung erst kürzlich bestätigt – die Ärzte Woche hat über die Detailergebnisse dieser Evaluierung ausführlich berichtet (Ausgabe 15/2015, Seite 35).

Aktueller Stand

Aktuell sind etwas mehr als 42.000 Patienten in das Programm eingebunden, das derzeit in sieben Bundesländern angeboten wird. Die noch fehlenden Länder Tirol und Kärnten sollten in Kürze integriert werden, entsprechende Verhandlungen sind gerade im Laufen. Betreut werden sie von 1.140 Therapie-aktiv-Ärzten. Die Nachfrage ist groß, die Erfolge ebenfalls – das Angebot aber bleibt knapp. Die Sozialversicherung, die das Programm entwickelt und maßgeblich finanziert hat, würde gerne mehr Ärzte als bisher dazu motivieren, daran teilzunehmen.

Einer der Kritikpunkte mancher Mediziner am Programm war neben dem bürokratischen Zusatzaufwand das teilweise Auseinanderklaffen der Programminhalte mit den aktuellen Behandlungsleitlinien. Um dieser Kritik entgegenzuwirken, haben die Programmverantwortlichen in der Sozialversicherung im Rahmen eines intensiven Prozesses mit der Österreichischen Diabetesgesellschaft die Programminhalte überarbeitet und mit den Leitlinien – und damit dem internationalen Stand der Wissenschaft – abgeglichen.

Experten unterstützen das Programm zu 100 Prozent

Über Zielsetzung, Verlauf und Ergebnisse dieses Prozesses sprach die Ärzte Woche mit Prof. Dr. Thomas C. Wascher, Leiter Diabetologie an der 1. Medizinischen Abteilung des Wiener Hanusch Krankenhauses und Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG).

Die Österreichische Diabetesgesellschaft hat sich in den vergangenen Monaten intensiv in der Weiterentwicklung des „Therapie aktiv-Programms“ engagiert – warum?
Wascher: Das Grundproblem war, dass das aktuelle Arzthandbuch von Therapie aktiv – sozusagen ein medizinischer Leitfaden für Ärzte, die sich an dem Programm beteiligen – in manchen Bereichen nicht mehr dem Stand der medizinischen Wissenschaft entspricht. Wir haben uns daher als Fachgesellschaft mit Vertretern der Sozialversicherung über einen Zeitraum von vier Monaten regelmäßig zusammengesetzt, um gemeinsam dieses Arzthandbuch so zu aktualisieren, dass seine medizinischen Inhalte den Leitlinien der Fachgesellschaft – und damit auch den internationalen Standards – entsprechen. Dieser Prozess ist nun abgeschlossen, die Inhalte sind absolut konform. Das war auch die Voraussetzung, um als Fachgesellschaft sagen zu können: Wir halten das Programm aus medizinischer Sicht für gut und sinnvoll und unterstützen es zu 100 Prozent.

Welche Inhalte des Arzthandbuches wurden konkret adaptiert?
Wascher: Unter anderem wurden zahlreiche Zielwerte neu definiert und neue Zielwertbereiche festgelegt, etwa für die Blutzuckerwerte oder Cholesterin. Das war mir persönlich ein besonderes Anliegen, weil ich glaube, dass dies für den Alltag der Patienten besonders hilfreich ist. Außerdem haben wir eine ganze Reihe antidiabetischer Substanzen eingearbeitet, die bisher noch gar nicht berücksichtigt waren. Zusätzlich ist es auch gelungen, einige diagnostische Algorithmen gegenüber der alten Version deutlich zu vereinfachen.

Welche Vorteile ergeben sich daraus für Ärzte, die sich am Programm beteiligen?
Wascher: Alle Disease Management Programme verfolgen das Ziel, die Strukturqualität der Versorgung chronisch kranker Menschen zu verbessern, indem sie Ärzte dabei unterstützen, um die wichtigen Dinge wie Untersuchungen, Zielwerte und Algorithmen nicht zu übersehen. Man muss sich dazu den Alltag der Ärzte immer vor Augen halten, die in der Ordination in hoher Frequenz mit unterschiedlichsten Diagnosen und Therapien konfrontiert werden. Das stellt für alle Ärzte, besonders für Hausärzte, wo die Bandbreite an Themen enorm ist, eine große Herausforderung dar.
So sehr wir als Ärzte auch versuchen, selbst strukturiert zu arbeiten, so gelingt uns das nicht immer, da nehme ich mich selbst gar nicht aus. Das hat nichts damit zu tun, dass wir schlechte Ärzte wären, sondern damit, dass wir alle Menschen sind. Je höher der Grad der Strukturierung, desto geringer die Gefahr, Wichtiges zu vergessen. Disease-Management-Programme sind dafür da, die Strukturen zu verbessern, damit Patienten die notwendigen Untersuchungen rechtzeitig bekommen und im Fall von Auffälligkeiten auch entsprechend rasch darauf reagiert werden kann. Kurz gesagt: Mir als Arzt gibt das Programm schlicht und einfach mehr Sicherheit, dass ich nichts übersehe.

Und was hat der Patient davon?
Wascher: Exakt das Gleiche: Der Patient bekommt durch das Programm eine höhere Sicherheit, dass sein behandelnder Arzt nichts Relevantes übersieht.

Als ein nächstes Ziel der Fachgesellschaft streben Sie eine fachliche Spezialisierung für Diabetes im niedergelassenen Bereich an. Wie sollte diese Spezialisierung zukünftig aussehen?
Wascher: Solche Spezialisierungen gibt es in vielen europäischen Ländern bereits – und überall zeigt sie entsprechenden Erfolg. Ein Beispiel ist etwa Deutschland, hier können Hausärzte, Internisten, aber auch andere niedergelassene Ärzte eine Zusatzqualifikation erwerben, deren Curriculum von der DDG – der Deutschen Diabetesgesellschaft – entworfen worden ist. Sie haben am Ende der Ausbildung einfach mehr fundierte Kenntnisse und Fertigkeiten für die Betreuung von Diabetespatienten. Das kommt den Patienten in Form einer höheren Versorgungsqualität ebenso zugute wie den Ärzten, die damit Verrechnungspositionen bekommen, über die andere Kollegen nicht verfügen. Wir sind als Fachgesellschaft jetzt gerade dabei, ein vergleichbares Curriculum auch für Österreich zu erarbeiten.

Wie müsste aus Sicht der Fachgesellschaft eine solche Zusatzqualifikation hier in Österreich ganz konkret aussehen, was müsste sie umfassen?
Wascher: In diesem Prozess sind wir bereits weit fortgeschritten. Ich denke, dass wir mit der Arbeit innerhalb der nächsten paar Monate fertig sein werden. Dann liegen einmal die Inhalte aus medizinischer Sicht auf dem Tisch. Anschließend werden wir das Gespräch mit den zuständigen Gremien suchen und versuchen, in konkrete Verhandlungen zu kommen. In den Verhandlungen gilt es dann zu klären, ob sich auf Basis des vorliegenden Curriculums ein entsprechendes Fortbildungsangebot organisieren und finanzieren lässt. So etwas kann eine Fachgesellschaft alleine naturgemäß nicht umsetzen, dazu braucht sie Partner. Sollte es zu solchen Verhandlungen kommen, wird sich zeigen, ob unser Anliegen auf fruchtbaren Boden stößt.

Das aktualisierte Diabetes-Arzthandbuch soll Ärzten, die sich am DMP-Programm „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ beteiligen, als eine Art medizinischer Leitfaden unterstützen. Es wird in Kürze veröffentlicht.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 21/2015

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