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Allgemeinmedizin 11. Mai 2015

Toxische Beziehungen

Vergiftungen nach Biss oder Stich eines Gifttieres verlaufen stets akut.

In den Tropen, im Meer wie auf dem Land, sind Gifttiere besonders artenreich vertreten. Obwohl ein Tourist eher selten durch Gifttiere verletzt wird und eine Vergiftung erleidet, sind die Chancen für einen solchen Unfall bei einem Langzeitaufenthalt größer. Gifttiere dosieren ihr Gift nicht, Kinder erhalten die gleiche Dosis wie ein Erwachsener und sind daher besonders gefährdet. Wenn Antidote (z. B. Antiseren) nicht vorhanden sind, ist eine symptomatische Therapie die einzige Option.

Sie stechen und beißen, sie vergiften ihre Opfer oder verursachen eine allergische Reaktion: Eine unliebsame Begegnung mit Gifttieren hat schon zu manch schmerzhafter und folgenreicher Urlaubsüberraschung geführt.

Nicht nur in tropischen Gefilden, sondern auch im Atlantikbereich (Frankreich, Spanien und Portugal) sind Quallen allgegenwärtig. Eine verbreitete Spezies ist etwa die Portugiesische Galeere (Physalia physalis). Bei Kontakt sondert sie ihr Gift ab, das sie in den Nesselzellen, der bis zu 1,5 Meter langen Tentakeln, verborgen hält. Der professionelle Taucher ist meist durch einen Taucheranzug ausreichend geschützt.

Eine Qualle sieht oft einer luftgefüllten Plastiktüte ähnlich, für den „normalen“ Schwimmer können solche Verwechslungen lebensgefährlich werden. Nesselverletzungen machen oft Fasziotomien notwendig, die Langzeitfolgen sind manchmal gravierend: Verstümmelung der Hände, Hauttransplantationen oder durch Muskelentfernung verursachte Bewegungseinschränkungen.

Als die gefährlichste aller Quallen gilt die sogenannte „Seewespe“ (Cubomeduse Chironex fleckeri). „Von der Schmerzintensität wirkt ein Kontakt mit ihren Tentakeln wie ein hundertfacher Wespenstich“, erklärte Prof. Dr. Dietrich Mebs, vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität Frankfurt. Durch das plötzliche, unangenehme Ereignis kommt es oft zu Panikreaktionen und in der Folge zum Ertrinken.

Die Gefahr aus dem Meer

Die beste Prävention vor einer Nesselvergiftung sind die Beachtung der Warnhinweise an den Stränden, sowie das Anlegen eines dünnen Lycra-Anzugs. Als Erste Hilfe hat sich Weinessig als am wirksamsten herausgestellt. Auf keinen Fall darf die Wunde mit Süßwasser behandelt werden. Da Meerestiere in einer hypertonen Umgebung mit hoher Elektrolytkonzentration von drei bis vier Prozent Kochsalzlösung leben, werden durch einen „Süßwasserschock“ die restlichen Nesselzellen erst freigesetzt. „Beim Erstkontakt werden nur etwa 10 bis 20 Prozent der Nesselzellen entladen, aber dann der Rest“, sagt Mebs.

Auch Stachelrochen verbergen unter ihrem Schwanz äußerst gefährliche Waffen: ein, zwei oder manchmal sogar drei Stacheln. Diese können eine Länge von bis zu 15 Zentimeter und die Schärfe eines Messers haben. Tritt man auf einen Stachelrochen, schlägt dieser mit dem Schwanz um sich und der bzw. die abgespreizten Stacheln treten in den Fuß bzw. in das Bein ein. Aber nicht nur die unteren Extremitäten sind gefährdet, ein gezielter Stich im Thoraxbereich kann tödlich sein.

Schwarze Witwe

Der Biss der Schwarzen Witwe ist mit lang anhaltenden Schmerzen verbunden, aber nicht lebensgefährlich. Diese Spinnenart ist nicht größer als ein Fingernagel, und durch Ein- und Auswanderung mittlerweile weltweit verbreitet. Ihr ursprüngliches Gebiet lag im Mittelmeerraum, wo man sie auch heute noch zahlreich antrifft (ehemaliges Jugoslawien). Sie unterscheidet sich zu einer „herkömmlichen“ schwarzen Spinne durch einen farbigen Strich am Körper. Obwohl man meistens den Biss nicht bemerkt, sind die Folgen dramatisch: Schweißausbruch, starker Speichel- und Tränenfluss, heftige Muskelschmerzen am ganzen Körper (Facies latrodectisma). Das Gift der Schwarzen Witwe setzt innerhalb von zehn bis zwanzig Minuten sämtliche Neurotransmitter, allen voran das Acetylcholin, frei. Dennoch ist die Prognose gut, in der Regel dauert es jedoch 24 bis 36 Stunden, bis die Schmerzen einigermaßen nachlassen. Eine übliche Schmerztherapie wirkt kaum über den Placeboeffekt hinaus.

Afrikanischer und europäischer Skorpion

In der Sahara und ganz Nordafrika ist der Dickschwanz-Skorpion (Androctonus australis) weit verbreitet. Da er nachtaktiv ist, sollte man vor dem Hintreten, Hinsetzen oder Hinlegen immer alles sorgfältig mit der Taschenlampe ausleuchten. Man sollte auch nachts nie barfuß laufen sowie Kleider und Schuhe regelmäßig inspizieren, da die Skorpione vom menschlichen Schweiß angezogen werden.

Kinder sind am meisten gefährdet, jährlich sterben im nördlichen Bereich Afrikas auch 100 bis 120 von ihnen daran. Der Stich selbst ist nicht sehr schmerzhaft, die Symptome können aber auch hier folgenschwer sein: Blutdruck-Krise, Tachycardie, Herzinsuffizienz und Lungenödem. Wird Letzteres nicht unmittelbar behandelt, ist der Verlauf tödlich. Antiserum i. v. wirkt effektiv, ist aber in Afrika selbst schwer erhältlich.

Vollkommen harmlos hingegen ist der viel kleinere europäische Skorpion (Euscorpius italicus), der mit seinem Stachel die menschliche Haut nicht durchdringen kann.

Lähmender Schlangenbiss

Nach einem Schlangenbiss treten je nach Art der Schlange die unterschiedlichsten Symptome auf: Lähmung der Augen- und Gesichtsmuskulatur gefolgt von Atemlähmung (neurotoxische Symptome), Muskelschmerzen mit dunkelbraunem Urin (Myoglobinurie), Störungen der Blutgerinnung bis zur Ungerinnbarkeit des Blutes (Verbrauchskoagulopathie), lokales Ödem, Hämorrhagie und Nekrosen um die Bissstelle. Schlangenbisse sind stets als potenziell lebensbedrohlich anzusehen, die intravenöse Anwendung eines Antiserums ist die einzige spezifische Therapie. Dieses gehört jedoch in die Hand des Arztes, jede Selbstanwendung kann lebensgefährlich sein (Anaphylaxie!). Es sollte auch nichts an der Bissstelle manipuliert werden (z. B. einschneiden, ausschneiden, aussaugen oder abbinden), da wegen der Gerinnungsstörung die Gefahr des Verblutens besteht. Die neurotoxische Wirkung kann zu einer peripheren Lähmung der Muskulatur führen. Unbehandelt beträgt die Mortalitätsrate etwa 20 Prozent. „Und wenn man weiß, dass 90 Prozent aller Bissunfälle in den untersten Extremitäten erfolgen und sich alle Menschen mit geeignetem Schuhwerk ausrüsten würden, käme es sicherlich zu weniger tragischen Gifttierunfällen“, sagt Mebs.

Aber nicht Gift, sondern die Allergie stellt in unseren Breiten heute die größte Gefahr für den Reisenden dar. „Bienen, Wespen, Hornissen und Hummeln sind die eigentlichen Killer bei uns in Europa, denn ihre Gifte zählen zu den stärksten Allergenen“, sagt Mebs. Innerhalb eines kurzen Zeitraums von 10 bis 20 Minuten kann ein allergischer Schock zum Tod führen. Ein Allergiker sollte daher stets sein Notfall-Set dabei haben.

Reinhard Hofer, Ärzte Woche 20/2015

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