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© Martin Burger
Grundausstattung des PHC in Wien 6, das am 18. Mai aufsperrt.
© David Bohmann / PID

„Wie schlägt das sozial demokratische Herz?“ will Dr. Mayrhofer von WGKK-Obfrau Reischl und Stadträtin Wehsely (v.l.n.r.) gerne wissen.

 
Allgemeinmedizin 4. Mai 2015

Schöner ordinieren in Mariahilf

Das erste PHC Wiens bietet 50 Stunden Mindestöffnungszeit und soll den Hausarztjob attraktiver machen.

Das erste Primärversorgungszentrum in Wien ist eröffnet. Das Ärzteteam hat Umzug und Einrichtung finanziert. Für das zweite Zentrum, beim SMZ Ost, sucht die Ärztekammer noch die Idealbesetzung.

Ein Raum in Weiß. Das Primärversorgungszentrums Mariahilf ist farblich klassisch, also steril, gehalten, die Behandlungszimmer sind (noch) fast leer. Nur das antike, liebevoll renovierte Schreibtisch-Ungetüm in einem der Arbeitszimmer des neuen Primary Health Care-Zentrums, genannt: PHC Medizin Mariahilf, passt nicht ganz ins unauffällige Bild. Es ist Einweihungstag. Die geladenen Gäste sind angemessen beeindruckt. „Nicht so eine versiffte Gemeindebaupraxis“, meint ein anwesender Arzt erleichtert.

SPÖ-Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, WGKK-Obfrau Ingrid Reischl und Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart reden nebenan. Sie loben die mit der Schaffung der PHC einhergehende „Attraktivierung der Allgemeinmedizin“ im Allgemeinen und die wöchentliche Mindestöffnungszeit von 50 Stunden im Besonderen.

Steinhart meint, das Ärzteteam sei ein nicht zu unterschätzendes wirtschaftliches Risiko eingegangen. Erklärung: Die Mediziner stemmen den Umzug in die adaptierten Räumlichkeiten einer ehemaligen Tangoschuh-Filiale, davor war hier ein Fleischhauer situiert, selbst. Fotos der Umbauarbeiten flimmern über einen Bildschirm. „Wir haben uns das mit unserem Steuerberater und einem Betriebsprüfer durchgerechnet“, sagt Dr. Franz Mayrhofer, Mitglied des PHC-Ärzteteams. In fünf Jahren wollen die Ärzte den Kredit bei der Bank zurückgezahlt haben. WGKK-Obfrau Ingrid Reischl erläutert auf Nachfrage, dass 200.000 Euro pro Jahr für die Leistungen der Ärzte budgetiert seien, zuzüglich einer 20.000 Euro-Pauschale für Mehrleistungen.

Die Investition hätten sie „so oder so“ getätigt, meint Wolfgang Mückstein, Mitglied im Ärzteteam des PHC Mariahilf. Stadträtin Wehsely meint, dass die „Abstimmung mit den Füßen“ zugunsten der Primärversorgung ausgehen werde.

Dutzende Journalisten drängen in den Behandlungsraum, in dem Ärztekammer-Vize Steinhart sagt, er spüre „Zukunftswind“ und die „sehr schöne Umgebung“ erwähnt, in der sich die Patienten wohl fühlen würden. Allgemeinmediziner Wolfgang Mückstein führt volkswirtschaftliche Vorteile des PHC ins Treffen („Entlastung der Ambulanzen“), sowie starke Kundenorientierung („Keine Urlaubssperre“). Der SPÖ-Bezirksvorsteher Markus Rumelhart sagt auch etwas Freundliches. Er habe bei den Mariahilfern „Neugierde und Interesse“ wahrgenommen, und, in Richtung Wehsely, er sei schon gespannt „wie sich das erweitern wird“. Wehselys Reaktion? Höfliches Lächeln, kein breites Grinsen. Soll heißen: Danke, ganz lieb, aber Wien ist groß, und es gibt noch viel zu tun.

Zurückhaltung ist angezeigt. Denn es gibt Anlaufschwierigkeiten bei der Organisation von PHC Nummer zwei, das nahe dem SMZ Ost entstehen soll. Steinharts Begründung: Eine PHC lasse sich eben nicht so einfach besetzen „wie eine normale Ordi“. Das PHC Medizin Mariahilf rekrutiert sein Personal aus einer seit Jahrzehnten bestehenden Ordination, die ganz in der Nähe des PHC ihre angestammte Adresse hat. Das Team in Wien 22 muss erst gefunden werden. Steinhart: „Es gibt Interessenten, aber es sind Einzelbewerbungen, man konnte sich bislang nicht als Team bewerben.“ Mangelndes Interesse der Hausärzte an den Primärversorgungszentren, nennt das Dr. Christian Euler.

Der Präsident des österreichischen Hausärzteverbandes kritisiert außerdem, die PHCs würden „mehrfach gegen das österreichische Recht verstoßen“. Dies zeige ein Gutachten des Medizinrechtsexperten Dr. Alfred Radmer. Verletzt werde das Kartellgesetz ebenso wie das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Da es sich bei den Primärversorgungszentren in Wahrheit um „verkleidete Ambulanzen“ handle, wären Betriebsbewilligungen und die Durchführung von Bedarfsprüfungen vorgeschrieben.

Reischl fühlt sich legistisch auf sicherem Terrain. Basis sei der Gruppenvertrag, das ASVG sehe die Möglichkeit vor, „abweichend zu honorieren“. Auch das kritisiert Euler: „Während Hausärzte leistungsbezogen von den Krankenkassen honoriert werden, erhalten Primärversorgungszentren kassenvertragswidrige Honorarzuschläge“. Für Gesundheitspolitikerin Wehsely ist hingegen entscheidend, dass „sich die Allgemeinmedizin anders aufstellt“. Einen Plan, wie viele Primärversorgungszentren es geben soll, habe sie nicht.

Das Kernteam des Mariahilfer Pilotprojektes besteht aus drei Allgemeinmedizinern, Dr. Franz Mayrhofer, Dr. Wolfgang Mückstein und Dr. Fabienne Lamel, diplomiertem Pflegepersonal sowie medizinischen Ordinationsassistenten. Sozialarbeiter und ein Psychotherapeut seien „eingebunden“. Sie alle stehen den Patienten ab 18. Mai zur Verfügung (http://medizinmariahilf.at). Dann nimmt das Zentrum in der Mariahilfer Straße 95 seinen regulären Betrieb auf.

WGKK-Ambulanz in der Nähe

Von Vorteil werde die Zusammenarbeit mit dem WGKK-Gesundheitszentrum Mariahilf sein, das nur rund 100 Meter entfernt sei, sagt Reischl. „Ob Labor oder Röntgen, viele Untersuchungen, die bisher im Spital gemacht wurden, können Betroffene nun schnell erledigen.“ Für PHC-Patienten werden Termine in der Ambulanz freigehalten, hieß es.

Das „PHC Medizin Mariahilf“ ist eine Kassenordination. „Das war mir wichtig“, sagt Dr. Mayrhofer, „bei uns müssen die Patienten nur die eCard zücken, aber nicht die Kreditkarte.“ Für Steinhart hat der Hausarzt nach wie vor Bedeutung, da die Medizin aber „extrem verweiblicht“, seien gemeinschaftlich geführte Versorgungszentren für Mütter attraktiv. „Das ist der Einstieg in eine neue Entwicklung.“

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