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Mag. Katharina Phillipp Geschäftsführerin des Verbandes der Ernährungswissenschafter Österreichs VEÖ
 
Allgemeinmedizin 27. April 2015

„Es wird halt auch viel Blödsinn erzählt“

Ernährungsberaterin Katharina Phillipp über fragwürdige Trenddiäten und die permanente Konfrontation mit Essen.

Trotz Zunahme von Adipositas – es gab noch nie so viele schlanke Menschen wie heute, sagt die Expertin. Die Gegenwart sei generell durch eine Fixierung auf das Extreme gekennzeichnet.

Katharina Phillipp hat sie alle in ihrer Ordi gehabt: Die Sportler, die Berge vertilgen können, ohne zuzunehmen, und die Damen mit Diät-Vergangenheit, die trotz Naturjoghurt und leichter Kost keine Bella Figura machen. „Es gibt Fälle, wo ich an meine Grenzen stoße“, sagt die Ernährungswissenschafterin. In vielen Fällen drehte sich die Behandlung eher um eine gesunde und bessere Ernärhungsweise denn ums Abnehmen.

Frau Mag. Phillipp, welchen Stellenwert hat Sport beim Abnehmen?

Phillipp:Alltagsbewegung bringt kalorisch etwas, aber es gibt auch andere Faktoren. Ich habe vor der Geburt meines Kindes wöchentlich sieben bis zehn Stunden trainiert, heute mache ich überhaupt keinen Sport, dafür aber wesentlich mehr Alltagsbewegung. Was ist das Ergebnis? Ich wiege weniger, obwohl ich sicher mehr esse als früher! Daraus lässt sich schließen, dass mein natürliches Körpergewicht niedrig ist. Ich war immer schon schlank.

Wenn in TV-Formaten wie „Biggest Loser“ den Kandidaten eingeschärft wird, sie alleine seien schuld an ihrem Gewicht, dann ist das nur die halbe Wahrheit?

Phillipp: Der Spruch „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ beschreibt das Problem. Ich will niemand aus der Verantwortung für sein eigenes Leben entlassen, aber das vererbte Verhalten zu ändern, ist sehr schwer. Rauchen muss ich nicht, Alkohol brauche ich nicht. Das sind Süchte die ich abstellen kann. Aber das Dilemma mit dem Essen ist: Ich muss mich ernähren – und ich muss mich mehrmals am Tag ernähren. Das Überangebot und das ständige Konfrontiertwerden mit Essen macht einem diese Umstellung nicht einfacher. In den letzten Jahrzehnten ist nicht nur das Angebot sondern auch die Kalorienaufnahme mehr geworden, vor allem aber ist die Bewegung weniger geworden.

Bewegung allein bringt nicht so viel wie man glaubt, die Umstellung der Ernährung muss man erst einmal durchhalten – Abnehmen, so scheint's, ist ein aussichtsloses Unterfangen?

Phillipp: Man muss unterscheiden: In der Öffentlichkeit reden viele sogenannte Experten mit, die ihre Diäten, derzeit boomt die Steinzeit-Diät, bewerben. Auch Allergieintoleranz ist ein Thema, natürlich wird das mehr, aber es ist auch schick so etwas zu haben. Wir wollen uns ja richtig ernähren, aber mehr als ein paar Wochen halten wir es nicht durch. Es wird halt auch viel Blödsinn geredet und Erwartungen geschürt – 10 Kilo in drei Tagen –, die suggerieren, jeder könne es schaffen.

Wie finde ich mein natürliches Gewicht?

Phillipp: Indem du dich selbst beobachtest. Es waren früher nicht alle schlank – Frauen im Dirndl mussten schon eine Oberweite haben, um zu gefallen –, aber seit das Fernsehen zum Leitmedium aufgestiegen ist, hat sich das Schönheitsideal geändert: Es hat wahrscheinlich noch nie so viele so schlanke Menschen gegeben wie heute.

Interview

Martin Burger, Ärzte Woche 18/2015

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