zur Navigation zum Inhalt
© Sonja Werner
Gang ohne Wiederkehr für sechs Prozent der Wochenend-Patienten.
 
Allgemeinmedizin 20. April 2015

„Wochenend-Effekt“ durch verschleppte Symptome

Wer am Wochenende ins Krankenhaus muss, hat schlechtere Karten als an Werktagen: Die Wahrscheinlichkeit, dem Leiden zu erliegen, ist dann höher. Das liegt aber laut einer dänischen Studie nicht an den Kliniken, sondern daran, dass die Patienten schwerer erkrankt sind.

An einem Wochenende sind die Chancen am größten, die Klinik nicht lebend zu verlassen. Ob dies jedoch tatsächlich mit einer schlechteren Versorgung am Samstag und Sonntag zusammenhängt oder schlicht mit der Tatsache, dass diejenigen, die unbedingt am Wochenende ins Krankenhaus müssen, besonders schwer krank sind, das war bislang weitgehend unklar. Ist Letzteres der Fall, nützt es natürlich nichts, bis Montag zu warten: Dann stirbt man vielleicht nicht im Krankenhaus, aber mit umso höherer Wahrscheinlichkeit zuhause.

Nach einer großen Analyse dänischer Krankenhausdaten lässt sich die erhöhte Mortalität am Wochenende nun tatsächlich nicht damit begründen, dass der Chefarzt beim Segeln statt auf Station ist. Vielmehr hätten diejenigen, die in der Notaufnahme auftauchen, besser ein paar Tage früher kommen sollen (Vest-Hansen et al.: BMJ Open 2015; 5).

Für die Untersuchung wurden sämtliche dänischen Klinikeinweisungen des Jahres 2010 ausgewertet. Unberücksichtigt blieben Aufnahmen innerhalb von 30 Tagen nach einer vorhergehenden Krankenhauseinweisung. Letztlich kamen sie so auf knapp 175.000 Patienten.

Wie erwartet, kamen werktags zu den üblichen Geschäftszeiten die meisten Patienten in die dänischen Kliniken, und zwar genau die Hälfte. In dieser Zeit erfolgten auch die meisten Überweisungen durch Haus- und Fachärzte. Nur ein Viertel suchte eine Klinik an Werktagen abends oder nachts auf, an den Wochenenden kamen knapp 17 Prozent tagsüber und acht Prozent nachts. Wie sich herausstellte, bevölkerten wochentags eher ältere Patienten die Notaufnahmen: Zwei Drittel waren über 60 Jahre alt. Dagegen stellten die über 60-Jährigen nur rund die Hälfte der Patienten an den Wochenenden. Auffällig war auch, dass werktags tagsüber nur etwa 15 Prozent mit dem Notarztwagen eingeliefert wurden, aber 34 Prozent der Patienten, die nach 17 Uhr in eine Klinik mussten. Am Wochenende war dieser Anteil mit 30 Prozent tagsüber und 33 Prozent nachts ebenfalls deutlich höher.

Wochenend-Patienten brauchen häufiger Intensivmedizin

Die Analyse der Sterbedaten ergab, dass 5,1 Prozent der Patienten, die werktags zwischen 8 und 17 Uhr eingeliefert wurden, in den folgenden 30 Tagen starben. Das traf auch auf 5,7 Prozent der Patienten zu, die an Werktagen abends und nachts kamen. Deutlich mehr waren es am Wochenende: Hier lagen die Mortalitätsraten bei 6,4 Prozent (tagsüber) und 6,3 Prozent (nachts). Entscheidend für das Sterberisiko scheint also weniger die Tageszeit als tatsächlich der Wochentag zu sein.

Eine Erklärung für diesen Effekt wird mit einem Blick auf die Intensivstationen deutlich: Nur zwei Prozent der werktags zwischen 8 und 17 Uhr aufgenommenen Patienten mussten in den folgenden Tagen dorthin. Mehr als doppelt so hoch war der Anteil bei den Patienten, die nachts am Wochenende kamen. In den übrigen Zeiten lag der Anteil mit knapp über drei Prozent in der Mitte. Entsprechend benötigten Patienten nachts am Wochenende auch am häufigsten bestimmte Intensivtherapien wie mechanische Beatmung, Nierenersatztherapie, Inotropika oder Vasopressoren. Offenbar waren die Patienten, die zu diesen Zeiten kamen, also besonders schwer krank.

Die Einweisungsdiagnose scheint keine so große Rolle zu spielen, denn der Wochenend-Effekt war bei 17 der 20 häufigsten Einweisungsursachen festzustellen: Es scheint sich also nicht um ein krankheitsspezifisches Phänomen zu handeln, wenngleich der Effekt bei den einzelnen Erkrankungen unterschiedlich stark ausgeprägt war. Besonders deutlich zeigte er sich bei Patienten mit Sepsis, Anämie, Angina pectoris, Vorhofflimmern, COPD und Synkopen. Hier fand sich bei Wochenend-Einweisungen zum Teil eine zwei- bis dreifach höhere 30-Tages-Mortalität als bei Einweisungen tagsüber werktags.

Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Viele Patienten, die am Wochenende ernste Symptome entwickeln, versuchen zunächst, bis zum Montag durchzuhalten. Den weniger bedrohlich Kranken gelingt dies auch, den anderen nicht. Entsprechend kommen an einem Tag am Wochenende weit weniger Patienten in die Klinik als an einem Werktag, dafür sind diejenigen, die kommen, aber schwerer krank.

CL/springermedizin.de, Ärzte Woche 17/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben