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Allgemeinmedizin 5. August 2005

"Leichter Leben ohne Rauch"

Fast ein Drittel der Österreicher raucht, das entspricht 2,3 Millionen. Mehr als die Hälfte davon sind dissonante Raucher, das heißt, sie wollen entweder mit dem Rauchen aufhören (18 Prozent) oder ihren Tabakkonsum reduzieren (37 Prozent). Und 12.000 bis 14.000 ÖsterreicherInnen sterben jährlich an den Folgen ihres Tabakkonsums - diese Fakten lassen die Wichtigkeit der Diagnostik- und Therapie der Tabakabhängigkeit ins Zentrum ärztlicher Aufmerksamkeit rücken.

NIVIE (Nikotin Institut Wien) ist ein Institut unter der wissenschaftlichen Leitung von Univ. Prof. Dr. Michael Kunze und Prof. Dr. Rudolf Schoberberger vom Sozialmedizinischen Institut der Universität Wien. Das Institut bietet Raucherentwöhnungsprogramme an - bis jetzt haben bereits 1.000 Patienten teilgenommen.
Kunze: "Eine EU-weite Studie hat ergeben, dass Österreich gemeinsam mit Deutschland bezüglich gesundheitspolitischer Maßnahmen gegen den Tabakkonsum und dessen Folgen das Schlusslicht bildet. Im Diagnostik- und Therapiebereich der Tabakabhängigkeit bewegen wir uns aber europaweit im Spitzenfeld." Eine Primärprävention (wenn überhaupt möglich) reicht bei weitem nicht aus.

Tabak erfüllt alle Kriterien für Drogenabhängigkeit. Nikotin ist eine psychoaktive Substanz, die (ohne wesentliche akute Nebenwirkungen) sehr gut zur Beeinflussung der Stimmung eingesetzt werden kann. Nikotinrezeptoren im kortikalen Bereich und im limbischen System sind für die anregende beziehungsweise beruhigende, vom Raucher als entspannend wahrgenommene Wirkung verantwortlich.

Therapieziele erarbeiten

80 Prozent der Raucher beschreiben 24 bis 48 Stunden nach der letzten Nikotinzufuhr Entzugssymptome wie Unruhe, Gereiztheit, Müdigkeit, erhöhten Appetit, Ungeduld, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung, Ein-und Durchschlafstörungen etc. 
Nach dem bekannten Fagerström-Test zur Einteilung in leichte, mittelstarke und starke bis extrem starke Abhängigkeit und einer exspiratorischen CO-Messung muss gemeinsam mit dem Patienten ein Therapieziel erarbeitet werden: Optimal wäre die totale Abstinenz (obwohl es auch bei jahrelang abstinenten Tabakabhängigen jederzeit zu einem Rückfall kommen kann!); realistisch wird als Therapieziel aber oft nur die Reduktion des Rauchens sein.

Ziel kann auch sein, dem Patienten zu helfen, mit Nikotinersatztherapie in bestimmten Situationen das Verlangen nach der Zigarette zu kontrollieren. An Nikotinersatzmedikamenten stehen einerseits Nicorette®-Produkte (Pflaster, Kaugummi, Inhalator, Sublingualtablette und Nasalspray) zur Verfügung, andererseits Bupropion (Zyban®). Für Bupropion besteht aber nur dann eine Indikation, wenn als Therapieziel "Abstinenz" festgelegt wurde. Für die Therapieziele Reduktion und "Craving control" besteht bei Zyban® keine Indikation.

Cave Kontraindikationen

Doz. Dr. Ernest Groman vom Institut für Sozialmedizin der Universität Wien: "Die Zukunft liegt in der Kombinationstherapie von Nikotinersatz und Bupropion." Bei Bupropion ist allerdings wichtig, die Kontraindikationen zu beachten (Epilepsie, Anorexia nervosa, Bulimie, gleichzeitige Verabreichung von MAO-Hemmern, allergische Reaktionen auf Bupropion und andere Medikamente, die ebenfalls die Wirksubstanz enthalten).

Nikotinersatzprodukte wieNicorette® müssen richtig, nämlich auf keinen Fall unterdosiert werden: Jemand, der bis dahin 30 Zigaretten pro Tag geraucht hat, wird wohl nicht mit einem einzigen Kaugummi pro Tag auskommen. Die Gefahr einer Überdosierung besteht in der Praxis nicht. Groman: "Hochdosierter Nikotinersatz steigert die Erfolgsrate entscheidend!" Wichtig: Zur Nikotinersatztherapie darf auch geraucht werden! Nikotinersatztherapie kann auch bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit eingesetzt werden.

Das Gewichtsargument

Beliebtes Argument derer, die ihren Rauchstop-Versuch wieder abgebrochen haben: "Ich möchte zwar aufhören, aber kein Gewicht zunehmen - da rauche ich lieber." Langfristig beobachtet, nehmen die Patienten im Durchschnitt nur um drei Kilogramm zu; das Körpergewicht muss regelmäßig kontrolliert werden sowie das Essverhalten analysiert und entsprechend geändert werden. Wenn vom Patienten das Argument mit dem 90-jährigen Großvater kommt, der ja immer soviel geraucht hat und doch so alt geworden ist, besteht nach Groman "keine sehr große Erfolgswahrscheinlichkeit".

Die Motivation zur Veränderung des Rauchverhaltens ist ein zentraler Punkt in der angestrebten Nikotinabstinenz. Ein breites Spektrum an Möglichkeiten erlaubt eine individuelle und damit auch möglichst erfolgreiche Therapie. Eine in sinnvoller Weise ergänzende Intervention stellt die Verhaltensmodifikation dar, wobei die Klienten angehalten werden, mittels Selbstkontrolle ihre typischen Rauchmuster zu protokollieren.
Komplementärmedizinisch kommen Akupunktur, Hypnose und Homöopathie in Frage. Das Ansprechen eines möglichen Rückfalls ist eine vorbeugende Maßnahme, dass - sollte es zu einem Rückfall kommen - der Kontakt nicht aus Versagensgefühlen abgebrochen wird, sondern weiterhin Unterstützung und Hilfe geboten wird.

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