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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Schizophrenie und Sucht

Etwa 10 bis 40 Prozent aller Personen mit einer Schizophrenie konsumieren Drogen, vor allem jüngere Männer aus den unteren sozialen Schichten. Liegt die Doppeldiagnose einer endogenen Psychose mit einer sekundären Suchterkrankung vor, so kann es allerdings zu Schwierigkeiten bezüglich der Zuständigkeit kommen: Die Patienten werden zwischen Suchtabteilungen und allgemein psychiatrischen Einheiten hin- und hergeschickt - entsprechende Therapieangebote für diese Klientel wären von Nöten.

Schizophrenie treibt in die Sucht

Chronisch psychisch kranke Personen kommen durch die zunehmend ambulante Versorgung außerhalb psychiatrischer Abteilungen immer mehr auch mit Suchtmitteln in Kontakt. Zudem treibt die Schizophrenie an sich die Patienten in die Sucht: Durch den gesellschaftlichen Abstieg aufgrund der Erkrankung, häufige Arbeitslosigkeit, die soziale Isolation und die finanzielle Not geraten viele Betroffene in die Suchtgiftszene.

Es existieren mehrere Gründe für den Drogenkonsum schizophrener Patienten: Vom ersten Symptom einer Psychose bis zum ersten Klinkaufenthalt vergehen oft viele Jahre. Die Kranken versuchen die sich etablierenden Basisstörungen oft mit Alkohol oder Cannabiskonsum zu "behandeln.".

Manchmal wird mittels psychotroper Substanzen oder Schlafentzug eine Psychose sogar absichtlich induziert, um diese als "Rausch" erleben zu können. Auch Nebenwirkungen von verordneten Neuroleptika werden von vielen Behandelten mit Suchtmitteln selbst "therapiert". Wird bei Schizophrenen der erhebliche Verlust an Lebensqualität durch Drogenmissbrauch auch nur teilweise wiedergewonnen, so ist die entscheidende Konditionierung bereits erfolgt.

Zur Diagnosestellung müssen schizophrenieartige organische Psychosen von einer primären Schizophrenie abgegrenzt werden: Bei der "drogeninduzierten Psychose" wird durch Drogenkonsum eine Demaskierung einer endogenen Psychose getriggert, deren weiterer Verlauf dann unabhängig vom weiteren Drogenkonsum ist. Von der psychotischen Symptomatik kann man auch nicht auf die verursachende Droge rückschließen.

Bei der "Drogenpsychose" ist im Gegensatz dazu die psychotrope Droge an sich für die Symptomatik verantwortlich. Es kann zu nicht erwarteten Wirkungen, wie Halluzinationen, Denk- und Affektstörungen kommen. Nach der Elimination der Substanz klingen die Symptome jedoch ab. "Vor der Stellung der Doppeldiagnose einer endogenen Schizophrenie und einer sekundären Sucht muss die Differenzialdiagnose zu schizophrenieartigen organischen Psychosen gestellt und behandelbare kausale Grunderkrankungen ausgeschlossen werden", so der Psychiater.

Dopaminerges System von Bedeutung

Sowohl für die Sucht als auch für die Schizophrenie ist das dopaminerge System von Bedeutung. Über die Blockade der Dopaminrezeptoren durch Neuroleptika kann es einerseits zu extrapyramidalen Nebenwirkungen kommen, andererseits wirken sie auch dem als angenehm empfundenen Belohnungseffekt psychotroper Substanzen entgegen. Dies führt zu einer geringen Compliance der Patienten. Als pharmakotherapeutische Mittel der ersten Wahl gelten daher nebenwirkungsarme atypische Neuroleptika wie Amisulprid (Solian®).

Für die Behandlung dieser Symptomkombination sind alle Atypika bezüglich Negativsymptomatik den klassischen Neuroleptika überlegen. Die Akzeptanz bei den Patienten liegt daher entsprechend höher. Aufgrund der pharmakokinetischen Eigenschaften und der praktisch fehlenden Leberverstoffwechselung eignet sich Amisulprid gerade für Alkoholpatienten. Allerdings sollte auf die gleichzeitige Einnahme von Alkohol verzichtet werden.

Ein dauerhafter Therapieerfolg ist jedoch nur dann möglich, wenn die zugrundeliegenden hirnbiologischen Störungen der psychiatrischen Erkrankung durch die Möglichkeit der "neuronalen Plastizität" etwa durch Lernprozesse verändert werden können. Nur im Zusammenwirken von Psychotherapie, pharmakotherapeutischen Ansätzen und Sozialtherapie ist ein zufriedenstellender Therapieerfolg zu erreichen.

Quelle: MMW vom 28.5.2001, "Schizophrenie und Sucht" von Dr. Jürgen Wettig, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Eichberg, Eltville am Rhein, Deutschland.

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