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Die epidurale Rückenmarkstimulation wird seit Jahrzehnten bei neuropathischen Schmerzen oder Rückenschmerzen eingesetzt.
 
Allgemeinmedizin 27. März 2015

Wenn Medikamente nicht mehr helfen

Neue Optionen in der Neuromodulation für individuellere Therapie.

Bei nicht-krebsbedingten chronischen Schmerzen, die mit medikamentösen Therapien nicht beherrschbar sind, hat sich die epidurale Rückenmarkstimulation als wichtige minimal-invasive Behandlungsoption etabliert. Neue Optionen ermöglichen es, dieses Verfahren zunehmend auf die persönliche Situation und den individuellen Bedarf von Schmerzpatienten zuzuschneiden.

Die epidurale Rückenmarkstimulation (SCS, Spinal Cord Stimulation) ist ein seit Jahrzehnten etabliertes minimal-invasives Verfahren, das zum Beispiel neuropathischen Schmerzen oder Rückenschmerzen eine wichtige Therapieoption darstellt. Das Verfahren wird laufend verbessert. „Neue Optionen wie etwa die Hinterwurzel-Stimulation, die Hochfrequenz- oder die Hochdichte-Stimulation geben uns die Möglichkeit, die Stimulation auf die individuelle Situation und den individuellen Bedarf von Schmerzpatienten zuzuschneiden“, berichtet Prof. DDr. Hans-Georg Kress, Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie, AKH/MedUni Wien, und Past-President der Europäischen Schmerzföderation EFIC, bei einer Pressekonferenz anlässlich des 19. Wiener Internationalen Schmerzsymposiums Ende Februar in Wien. „SCS ist aber nur ein Bestandteil der Therapie“, betont Kress. „Sie muss immer begleitet werden von den weiteren Elementen eines multimodalen Konzeptes zur Behandlung chronischer Schmerzen.“

Sicher im MRT mit SureScan-Technologie

Eine Verbesserung für Patienten hat die SureScan-Technologie gebracht, die es ermöglicht, auch mit einem implantierten SCS-System Ganzkörper-Magnetresonanz-Untersuchungen durchzuführen. Früher war das nicht möglich, weil befürchtet wurde, dass das SCS-System durch die großen Magnetfelder während der MRT-Untersuchung stark erhitzt und eventuell beeinträchtigt werden könnte. „Die neuen Elektroden sind so abgeschirmt, dass sie sich nicht mehr erhitzen können“, erklärt Kress. MRT-Untersuchungen bis zu 3 Tesla sind damit möglich.

Die neue Technologie ist besonders für chronische Rückenschmerzpatienten von praktischer Bedeutung, denn gerade bei diesen Patienten ist eine MRT-Untersuchung oft notwendig.

Direkte Stimulation der Hinterwurzel

Mithilfe neuer Elektroden und spezieller Implantationstechniken können nun auch einzelne Hinterwurzeln direkt gezielt stimuliert werden (Dorsal Root Ganglion Stimulation, DRG). „Davon haben wir immer geträumt“, sagt Kress. „An die Hinterwurzeln kam man immer schlecht heran, die Elektroden verrutschten leicht.“ Die neuen Elektroden dagegen „schmiegen“ sich an die Hinterwurzel an.

Die Hinterwurzel-Stimulation ist besonders für segmental begrenzte neuropathische Schmerzzustände, sowie für das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS), für Ilioinguinalis- und Iliohypogastricus-Neuropathien und andere Mononeuropathien geeignet.

Hochfrequenz-Stimulation: Deutliche Schmerzreduktion

Ein neues Verfahren ist auch die Hochfrequenz-Stimulation, die mit einer Frequenz von 10.000 Hz arbeitet. Bei der konventionellen SCS sind nur Frequenzen von 30 bis 70 Hz üblich. In Studien hat die Hochfrequenz-Stimulation zu einer signifikanten Schmerzreduktion bei chronischen Bein- und Rückenschmerzen geführt, wobei auch die Einnahme von Opioid-Arzneimitteln deutlich reduziert werden konnte. Außerdem sprachen auch viele Patienten auf die Hochfrequenz-Stimulation an, bei denen die herkömmliche SCS keine Schmerzlinderung brachte.

Eine andere Besonderheit dieser Methode: Es kommt während der Operation nicht zu dem typischen „Kribbelgefühl“, wie es herkömmliche SCS-Verfahren erzeugen. Daher erfolgt auch die Implantation der Elektroden ohne den bei der konventionellen SCS notwendigen intraoperativen Parästhesie-Test, bei dem der Patient angeben muss, wo er das Kribbeln spürt. Die Positionierung der Elektroden kann daher unter Sedierung und Lokalanästhesie erfolgen, weil die Mitarbeit des Patienten nicht erforderlich ist.

„Obwohl ohne Mithilfe des Patienten implantiert wird, funktioniert die Hochfrequenz-Stimulation überraschend gut“, berichtet Kress. Eine aktuelle Head-to-head-Studie, die kürzlich beim Amerikanischen Neuromodulationskongress in Las Vegas vorgestellt wurde, hätte gezeigt, so Kress, dass die Hochfrequenz-Stimulation nicht nur gleichwertig, sondern bei Kreuz- und Beinschmerz im Vergleich zu konventioneller SCS sogar überlegen ist (Abstracts, NANS 18th Annual Meeting, 11.–14. Dezember 2014, Las Vegas).

Automatische Anpassung bei Positionswechsel

Eine der Schwächen herkömmlicher Stimulationssysteme ist die Tatsache, dass Intensität und Qualität der Stimulation von der Körperposition abhängig sind. Patienten müssen die Stimulationsparameter daher oft anpassen. Hier kann die sogenannte Adaptive-Stim-Technologie Abhilfe schaffen, bei der Bewegungssensoren die Körperposition erfassen. Dadurch wird die SCS-Impulsstärke bei Positionswechseln automatisch angepasst.

Wie Kress berichtet, konnte in einer US-Studie gezeigt werden, dass fast neunzig Prozent der mit der Adaptive-Stim-Technologie behandelten Patienten eine bessere Schmerzlinderung erlebten als unter herkömmlicher SCS (Schultz DM et al., Pain Physician 2012, 15:1–12).

Quelle: Pressegespräch „Schmerztherapie: Chancen und Risiken“, Wien, 27. Februar 2015

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