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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Hat Sucht ein Geschlecht?

Prim. Dr. Susanne LentnerWie bei so vielen Dingen, gibt es auch im Suchtverhalten gravierende Unterschiede zwischen dem starken und dem schwachen Geschlecht. "Lange Zeit wurde das Problem der Suchtmittelabhängigkeit bei Frauen überhaupt nicht ernst genommen", kritisiert Prim. Dr. Susanne Lentner, stellvertretende ärztliche Leiterin des Anton-Proksch-Instituts, Kalksburg. "Frauen galten als die gesundheitsbewussteren Menschen." Tatsächlich aber finden sich beim weiblichen Geschlecht ähnliche selbstschädigende Verhaltensmuster wie bei Männern. Von den 1.2 Millionen Alkoholmissbrauchenden in Österreich ist ein Fünftel Frauen; 330.000 Österreicher sind alkoholkrank, davon ein Viertel Frauen. 110.000 Österreicher sind medikamentenabhängig, davon sind zirka 60 Prozent Frauen.
Tragisch sind das fehlende Problembewusstsein unserer Gesellschaft und die Toleranz gegenüber Abhängigkeiten - wie auch gewisse Rollenbilder von männlichem und weiblichem Konsum die Suchtsysteme fördern und stabilisieren.

Unterschiede in der Suchtentwicklung

Deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede finden sich in der Entwicklungsgeschichte, den Ursachen und Folgen der Abhängigkeit. Bei Frauen findet man schon in der Vorgeschichte häufiger psychosomatische Beschwerden; sie haben bei späterem "Einstieg" eine wesentlich schnellere Suchtentwicklung. Lentner: "Eine gravierende Rolle spielt die Doppelbelastung im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie. Bestimmende Lebensgefühle wie Verlust und Verzicht sind häufig in der Lebensgeschichte alkoholabhängiger Frauen zu finden."

Auslöserkonflikte

Auslöserkonflikte sind oftmals Beziehungsprobleme, Partnerkonflikte und auch Einsamkeit, gefolgt von depressiver Verstimmung und dem Empty-Nest-Syndrom. Besonders gefährdet sind auch alleinstehende, sozial isolierte ältere Frauen. An Auslöserkonflikten bei Männern sind an erster Stelle berufliche Schwierigkeiten zu nennen, gefolgt von körperlicher Erkrankung sowie Behinderung, Trennung oder Scheidung sowie prinzipiell externe Konflikte.

Beim Alkoholkonsum ist die Gefährdungsgrenze bei Frauen um etwa ein Drittel niedriger anzusetzen als bei Männern. Dies erklärt sich aus der geringeren Stoffwechselkapazität, geringeren Enzymaktivität und daraus resultierender verminderter Entgiftungsfunktion der Frau. Vergleicht man Frauen und Männer bei gleicher zugeführter Alkoholmenge, so finden sich bei Frauen höhere Alkoholwerte sowohl im Blut als auch im Gewebe. Als ursächlich sind das geringere Körpergewicht, der höhere Körperfettanteil und der hormonell bedingte langsamere Alkoholabbau anzusehen.
"Der Alkoholkonsum bei Frauen ist häufiger ein sporadischer und rauschhafter, während Männer zu regelmäßigem Konsum überhöhter Trinkmengen tendieren, dies allerdings unter Wahrung eines gewissen Sozialprestiges", meint Lentner.

Häufig Polytoxikomanien

Trinkenden Frauen gegenüber besteht ein eher restriktive Haltung, was wiederum das vermehrte Auftreten von Polytoxikomanien fördert. Psychopharmakakonsum ist nach wie vor eine Domäne der Frauen: Sedativa werden wegen der konfliktreichen Situation, die sich aus Doppelbelastung und der Aufgabe von persönlichen Entwicklungsinteressen ergibt, bevorzugt. Die Wirkung verspricht eher nur wenig Genuss; Unlust und Schmerz werden bestenfalls unterdrückt. Lentner: "Die Medikamenteneinnahme ermöglicht zumindest anfänglich die Aufrechterhaltung der Fassade und die von Frauen abverlangte Funktionsfähigkeit."

Als Reaktion auf Suchterkrankung stellen sich bei Frauen häufig Schuld und Scham ein, während Männer mit dem Gefühl der Unterlegenheit und vermehrten Selbstvorwürfen reagieren. Die Therapie des akuten Entzugssyndroms ist bei Männern und Frauen gleich. Die geschlechtsspezifische Suchtarbeit berücksichtigt die unterschiedlichen Vorraussetzungen des/der Einzelnen.

Klar definierte Ziele der Gruppentherapien sind Information, Erfahrungsaustausch und Angehörigeninformation. Insgesamt soll vermehrte Handlungskompetenz im Umgang mit Belastungssituationen erarbeitet und gefestigt werden. Im Einzelgespräch wird gezielt auf die individuellen Bedürfnisse und Defizite des Betroffenen eingegangen. "Für die geschlechtsspezifische Therapie muss das eindimensionale Denken von Mann versus Frau, von "entweder-oder" in ein zweidimensionales übergehen, damit werden die Grundvoraussetzungen für ein ganzheitlicheres, die Gesellschaft miteinbeziehendes Bild geschaffen", erklärt Lentner.

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