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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Wenn die Diät zur Sucht wird

Wenn großteils magersüchtige Models von den Titelblättern der Illustrierten lächeln, scheint es nicht verwunderlich, wenn Jugendliche diesem Idealbild nacheifern und ein pathologisches Essverhalten an den Tag legen. Tatsächlich gibt es heute mehr Störungen in diesem Bereich denn je. Im Gegensatz zur Anorexia nervosa nimmt die Prävalenz der Bulimie zu.

Das Vollbild einer Anorexie ist bei ungefähr 0,5 Prozent, das einer Bulimie zwischen ein und drei Prozent der Hochrisikogruppe zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr zu finden. Jedes zweite Mädchen hat bereits Diäterfahrung gemacht, obwohl die Mehrheit in dieser Altersgruppe normal- oder untergewichtig ist. Nur fünf Prozent der essgestörten Patienten sind männlich.

Multifaktorielle Genese

"Ätiologisch ist von einer multifaktoriellen Genese auszugehen", erklärt Prof. Dr. Martina de Zwaan, Essstörungsambulanz an der Psychiatrischen Universitätsklinik, AKH Wien. Neben einer kulturabhängigen soziologischen Komponente können auch eine genetische Prädisposition oder eine neurobiologische Dysfunktion des Serotoninsystems vorliegen.

Es besteht zudem eine hohe Komorbidität mit affektiven Erkrankungen. Häufig spielen Minderwertigkeitsgefühle eine Rolle; es existiert der Wunsch, das eigene als mangelhaft gesehene Selbstbild einem Ideal anzupassen. Zudem kann diese Symptomatik als inadäquater Versuch gesehen werden, Probleme in der Familie oder im sozialen Umfeld zu bewältigen. Vor allem eine negative Selbstbewertung und ein Perfektionismus scheinen spezifische Risikofaktoren darzustellen.

Psychotherapie als Mittel der Wahl

De Zwaan: "Als Behandlungskonzept ist bei beiden Störungen nach wie vor die Psychotherapie Mittel der Wahl. Bei der Bulimie hat sich eine relativ hohe Dosis eines SSRI, zum Beispiel Fluoxetin 60 mg, bewährt." Wichtig wäre, so die Psychiaterin, dass sich der Hausarzt mehr Kompetenz im Umgang mit essgestörten Patientinnen erwirbt.

Neben der Zuweisung an einen Psychotherapeuten sollte idealerweise die körperliche Betreuung durch den Allgemeinmediziner erfolgen. Regelmäßige Gewichtskontrollen, Messung des Kaliumspiegels sowie die gelegentliche Durchführung eines EKG wären in der ambulanten Betreuung der Patientinnen möglich. Man müsse hier Geduld haben und den Betroffenen nicht wertend gegenüberstehen.

Bei einem starken Gewichtsverlust (BMI unter 13), einem schlechten körperlichen und psychischen Zustand, einer massiven Familienproblematik oder Suizidgefahr ist eine stationäre Behandlung indiziert, die sich meist über ein bis drei Jahre hinziehen kann. Dies sollte in einem Aufklärungsgespräch auch angesprochen werden, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Eine zu rasche Normalisierung des Essverhaltens ohne Verhaltensänderung und psychische Gesundung birgt die Gefahr der Verschiebung etwa in eine Depression. Die Heilungschancen sind bei entsprechender Behandlung mittlerweile als gut einzustufen.

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