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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Die "neuen Süchte": Internet, Glückspiel & mehr

Sucht-Experten schlagen Alarm: Immer mehr Menschen leiden an neuen, so genannten nicht stoffgebundenen Formen der Abhängigkeit wie Internet-, Spiel-, Kauf- und Sex-Sucht. Gegenwärtig sind rund 50.000 Österreicher krankhaft Internet-abhängig, bis zu sechs Prozent von Spielsucht betroffen, und auch immer mehr Männer erkranken an Essstörungen.

In der neuen Suchtberatung Baden bietet deshalb das Kalksburger Anton-Proksch-Institut Therapien für die "neuen Süchte" sowie für Alkoholismus, Nikotin-, Medikamenten- und Drogen-Abhängigkeit "unter einem Dach" an.
"Seit einigen Jahren treten in zunehmendem Ausmaß so genannte nicht stoffgebundene Formen von Abhängigkeit auf, dazu zählen Spiel-, Internet- und Kauf-Sucht sowie verschiedene Formen von Ess-Störungen", so Prim. Prof. Dr. Rudolf Mader, Ärztlicher Leiter und Vorstand des Anton-Proksch-Instituts (API) Kalksburg, Wien.

Einzigartiges Therapiekonzept

In der vom API betriebenen neuen Suchtberatung Baden, die Anfang November eröffnet wurde, wird deshalb ein für Österreich - und europaweit - bislang einzigartiges Therapie-Konzept verwirklicht: Sowohl für stoffgebundene Formen der Sucht wie Alkohol-, Medikamenten-, Nikotin- und Drogen-Abhängigkeit, als auch für die "neuen Süchte" werden Behandlung und Beratung angeboten.
"Von Spielsucht sind insgesamt bereits vier bis sechs Prozent der Österreicherinnen und Österreicher in unterschiedlichem Ausmaß betroffen", rechnet Dr. Roland Mader, der Ärztliche Leiter der neuen Suchtberatung Baden, vor. "Drei bis vier Prozent der Erwachsenen sind so genannte "problematische Spieler". Weitere ein bis zwei Prozent sind als "pathologische Spieler" einzustufen, das heißt, dass die Betroffenen bereits in einem sehr hohen Ausmaß an ihrer Sucht leiden, jedoch selbst nicht in der Lage sind, diese zu beenden." Auf Basis dieser Prozentangaben, so Mader, könne für Wien eine Zahl von 7.000 bis 14.000 pathologischen Spielern angenommen werden, für das Land Niederösterreich eine Zahl von etwa 10.000 bis 20.000 pathologischen Spielern. International spricht man sogar von bis zu 4 Prozent "pathologischen Spielern".
Laut entsprechenden Erhebungen ist auch bekannt, dass 90 Prozent der Spielsüchtigen Männer sind. Der Anteil der Frauen hat jedoch in den vergangenen Jahren langsam aber stetig zugenommen.
"Besonders Besorgnis erregend ist, dass immer mehr Jugendliche gefährdet sind", meint Mader. "Das Einstiegalter liegt in 45 Prozent der Fälle von Spielsucht unter 18 Jahren. Ein Trend, der durch Glücksspiele via Internet noch zusätzlich verstärkt wird."

Die "Glücksspielkarriere"

Männer steigen vergleichsweise früher in das Glücksspiel ein als Frauen: 50 Prozent der männlichen Spielsüchtigen sind jünger als 18 Jahre, allerdings nur 17 Prozent der spielsüchtigen Frauen. 34 Prozent der spielsüchtigen Frauen steigen erst nach dem 40. Lebensjahr ein. Geschlechterspezifische Unterschiede gibt es auch bei den beliebtesten Spielen. Mader: "Männer bevorzugen Spiele wie Black Jack, die
eine Illusion von strategischer Beeinflussbarkeit vermitteln, Frauen hingegen bevorzugen Spiel-Automaten."
Pathologische Spieler haben im Durchschnitt eine "Glücksspiel-Karriere" von 15 Jahren hinter sich, bis sie schließlich eine Beratungs-Stelle aufsuchen. In der Therapie sind für Spielsüchtige Gruppen-Gespräche mit anderen Betroffenen besonders hilfreich. Außerdem werden in der Suchtberatung Baden in Kooperation mit Sozialarbeitern für pathologische Spieler Finanzpläne und Möglichkeiten der Schulden-Regelung erarbeitet. Mader: "Im Verlauf einer Spiel-Sucht verschulden sich die Betroffenen oft in einem hohen, die Existenz gefährdenden Ausmaß. 89 Prozent derer, die eine Suchtberatungs-Stelle aufsuchen, sind mit durchschnittlich 50.000 Euro verschuldet."
Durch das Internet werde das Phänomen der Spiel-Sucht aktuell noch verstärkt, sagt Dr. Hubert Poppe, Facharzt für Psychiatrie am API: "Dieses Medium steht jederzeit und an jedem Ort zu Verfügung. Die Hemmschwelle, es auch zu benutzen, ist dementsprechend gering." Neben der Spielsucht seien auch über das neue Medium ausgelebte Kauf- und Sex-Sucht sowie eine Form der generellen Abhängigkeit vom Internet immer häufiger zu beobachten, ergänzt Poppe: "Es kann davon ausgegangen werden, dass insgesamt in Österreich rund 50.000 Menschen vom Internet krankhaft abhängig sind."
Internet-Sucht entstehe deshalb, weil im Chat-Room, bei Internet-Spielen oder durch Online-Sexkonsum scheinbar die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Zuwendung, Verständnis und Liebe befriedigt werde, so der Psychiater: "In der Realität erlebt der Internet-Abhängige jedoch keine echte, sinnliche Beziehung. Die Folge ist innere Einsamkeit, worauf dann aufs Neue der Einstieg in die elektronische Welt vorgezeichnet ist, um den realen Gegebenheiten auszuweichen."

Kauf-, Spiel- und Sex-Sucht im Internet

Neben der allgemeinen Abhängigkeit vom Internet - also dass generell zu häufig und zu lange gesurft wird - können auch drei spezielle Formen von Suchtverhalten im Web unterschieden werden: Kauf-, Spiel- und Sex-Sucht. Der krankhafte Konsum von Gütern hat bei Internet-Süchtigen meist ähnliche Gründe wie die Kauf-Sucht in der reellen Welt, erklärt Poppe: "Es geht weniger darum, Dinge zu besitzen, sondern der Prozess des Einkaufens selbst gibt den Abhängigen eine tiefe Befriedigung. Die Betroffenen erleben beim Einkaufen ein Glücksgefühl und können dadurch gleichzeitig innere Unruhe betäuben sowie Ängste oder depressive Symptome unterdrücken."
Auch Essstörungen werden von Experten den nicht stoffgebundenen Formen der Sucht zugeordnet. "Gestörtes Ess-Verhalten wird immer noch als typische Frauenkrankheit gesehen, jedoch ist bereits jeder zehnte Betroffene ein Mann", stellt Mag. Sandra Waigmann-Pölzl, Klinische und Gesundheits-Psychologin und Psychotherapeutin in der Suchtberatung Baden fest. "In der Gruppe der 15- bis 35-Jährigen kommen Essstörungen besonders häufig vor."

Männer und die Binge-Eating-Disorder

Männer seien hauptsächlich von der so genannten ¢Binge-Eating-Störung² betroffen, so Waigmann-Pölzl: "Dabei kommt es, ähnlich wie bei Bulimie, immer wieder zu regelrechten Heißhunger- oder Fress-Attacken. Allerdings führen die Betroffenen keine Maßnahmen zur Gewichts-Reduktion wie Erbrechen oder Abführmittel-Missbrauch durch." Menschen mit einer Binge-Eating-Störung haben das Gefühl für die Grenzen der körperlichen Sättigung völlig verloren. "Übergewicht und Adipositas sind die Folge, aber auch ein vermindertes Selbstwert-Gefühl, soziale Isolation und weitere psychische Probleme", erklärt die Psychologin.

Ambulante Therapie für alle Süchte

In der neuen Suchtberatung Baden werden alle neuen Formen der Abhängigkeit wie Spiel-, Internet- und Ess-Sucht in bewährter Weise ambulant behandelt. Weiters werden in bewährter Weise auch Beratungen und ambulante Behandlungen für Alkoholkranke, Medikamenten- und Nikotin-Süchtige und Drogen-Abhängige durchgeführt und bei Bedarf stationäre Aufenthalte vermittelt.

Kontakt:
Anton-Proksch-Institut,
Suchtberatungsstelle Baden
2500 Baden, Helenenstraße 40
Tel. 02252/25 94 47
E-Mail:

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