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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Kultur beeinflusst Suchtverhalten

Nicht nur die Ethnizität, auch das Geschlecht bestimmt das Verhalten und den Umgang mit Drogen. Das Wissen um diese Einflussnahme lässt auch die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungserfolges abschätzen. So beschreibt das „Gender Paradox“ einen annähernd gleichen Therapieerfolg bei Frauen und Männern, obwohl die Ausgangssituation in der Frauengruppe ungleich schwieriger war.

In London werden 307 verschiedene Sprachen gesprochen! Diese Vielfalt verglich Prof. Dr. Michael Gossop vom National Addiction Centre, Maudsley Hospital in England, mit der ausgeprägten Individualität der Drogenkonsumierenden. Der internationale Kongress zum Thema „Ethnicity and Addiction“ bot in Wien Mitte September den multikulturellen Diskussionshintergrund. „Die ausgeprägte Vielfalt kann auf ein breites Spektrum soziokultureller Faktoren zurückgeführt werden“, erläuterte Gossop, „das üblicherweise Gender und Ethnizität beinhaltet.“ Doch ist die Vielfalt im Verhalten der Drogenmissbrauchenden von vielen Faktoren beeinflusst.

Ethnische Unterschiede

„Die von unserem Institut durchgeführten Untersuchungen zeigten signifikante Unterschiede in der intravenösen Applikationsform von Heroin“, berichtete der Psychiater, „so fand sich diese Anwendung beispielsweise am häufigsten im Süden des United Kingdom. Die mit Abstand geringste Rate war im Nordosten festzustellen. Ähnliches gilt für das Konsumverhalten von Crack Kokain. Untersucht man nun die ethnischen Gruppen auf bevorzugte Substanzen, so fällt auf, dass Asiaten am häufigsten Heroin und Crack Kokain konsumieren.“ Im Benzodiazepin-Konsum liegen Asiaten und weiße Briten im Spitzenfeld. Kokain Pulver und Amphetamine sind die von den Afro-Karibianern am meisten verwendeten Rauschmittel, dazu kommt ein nicht unbeträchtlicher Alkoholkonsum.

Das „Gender Paradox“

Nicht nur die Ethnizität, auch das Geschlecht nimmt Einfluss auf Drogenmissbrauch und Behandlungserfolg. „Trotz der Tatsache, dass Frauen sich vor Therapiebeginn oft in schwierigsten Situationen mit heftigen Problemen befanden“, betonte Gossop, „brachten die therapeutischen Bemühungen bei Frauen und Männern annähernd gleiche Erfolge. Die mangelnde Ähnlichkeit der Situation vor Behandlungsbeginn und der daraus erwartet unterschiedliche Behandlungsausgang, der sich jedoch nicht einstellte, wurde als ,Gender Paradox’ beschrieben.“ Viele weibliche Drogenabhängige leben in Beziehungen zu Drogenabhängigen, und nicht selten erleben sie von den Männern gegen sie gerichtete körperliche Gewalt. Drogenabhängige Frauen wurden studienbelegt häufiger geschlagen als nicht abhängige Frauen, zumeist von ihren Partnern.„Viele Frauen leben in einer gewalttätigen missbrauchenden Beziehung und fühlen sich gleichzeitig nicht in der Lage, diese zu verlassen“, weiß Gossop. Die Obsorge der Kinder liegt unproportional häufig bei den Müttern. Dadurch bleibt weiblichen Abhängigen weniger Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse. Sie sind mit der Versorgung der Kinder ausgesprochen beschäftigt und leben zusätzlich in der Angst, dass ihre Kinder in Erziehungsanstalten kommen könnten.

Abhängigkeit im Alter

Wenig beachtet bleibt immer noch die Tatsache, wie häufig auch ältere Menschen betroffen sind. Bei ein bis drei Prozent der 65-jährigen ist Substanzmissbrauch bekannt geworden. Betagte Konsumenten nehmen sowohl verordnete als auch rezeptfreie Medikamente ein; besonders Benzodiazepine werden zu lange, zu hoch dosiert und „indikationslos“ missbräuchlich eingesetzt. „Nicht diagnostizierter Drogenmissbrauch bei Älteren kann schwerwiegende Folgen haben“, warnte der Experte, „wo exzessiver Drogenmissbrauch betrieben wird und zusätzlich Wechselwirkungen mit Alkohol auftreten, kann leicht der falsche Verdacht auf eine Alzheimer Demenz auftreten.“ Verschiedenheit sollte weniger als eine Sache der „Speziellen Gruppe“ gesehen werden als vielmehr als Thema der einzelnen Drogenabhängigen, die mit verschiedenen Bedürfnissen ernst genommen werden wollen. Als kontraproduktiv erwiesen sich die Fraktionierung und Ghettoisierung der Drogenkranken, da sie den einzelnen kranken Menschen nicht gerecht werden. Die substanzgebundenen Behandlungseinrichtungen lenken implizit ihr Hauptaugenmerk auf das Rauschmittel, anstatt den konsumierenden Menschen in seiner Ganzheit und eventuell auch vorhandenen Polytoxikomanie wahrzunehmen, vor allem auch in seiner individuellen Bedürftigkeit.

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