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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Jugendliche Weltmeister im "Wochenendsaufen"

14 Prozent der 13- bis 14-Jährigen in Österreich konsumieren regelmäßig Alkohol. Bei den 15-Jährigen sind es bereits mehr als ein Drittel. Drei Prozent der 16-Jährigen haben einen problematischen Alkoholkonsum.

Kontrollverlust und Black-Outs

"Besonders die wiederholten Alkoholräusche und das "Wochenendsaufen" spielen bei Jugendlichen eine große Rolle. Hier sind die österreichischen Jugendlichen europäische Spitzenreiter", berichtet Dr. Wolfgang Beiglböck, Leiter der Behandlungseinheit für jugendliche Alkoholabhängige am Anton-Proksch-Institut (API) Kalksburg.

Die Gefahr bei diesem Rauschtrinken besteht in einer Entgleisung, die mit Kontrollverlust und gelegentlich sogar Black-Outs einhergehen kann, bis hin zur Alkoholvergiftung. Ob die Prävalenz pathologischen jugendlichen Alkoholkonsums in den letzten Jahren generell zugenommen hat, sei, so Beiglböck, nicht leicht zu beantworten, da entsprechende Langzeituntersuchungen fehlen. Auch ist nicht jeder Jugendliche, der zu viel trinkt, sofort als alkoholabhängig einzustufen. Hierfür sind die internationalen ICD-10-Kriterien heranzuziehen.

Beiglböck: "Von den zur Beurteilung einer Alkoholabhängigkeit erforderlichen sechs Kriterien sind bei Jugendlichen am ehesten die sozialen Komponenten zu beachten. Der Alkoholkonsum hat in diesem Alter noch nicht so sehr körperliche Auswirkungen, Entzugserscheinungen sind selten."

Sobald Alkohol für den Betroffenen eine bestimmte Funktion bekommt, die über ein Genussmittel hinausgeht, oder ein selbstschädigendes Verhalten erkennbar ist, sollte auf jeden Fall gehandelt werden. Eltern, Lehrer und Ärzte müssen Alkoholmissbrauch ernst nehmen und entsprechende aufklärende Gespräche führen. Allerdings werden Allgemeinmediziner in der Regel eher erst spät kontaktiert. Liegt eine Abhängigkeit vor, so ist es ratsam, Kontakt mit einer entsprechenden Institution aufzunehmen.

Aufgrund des international nicht zu unterschätzenden Problems des Alkoholkonsums Jugendlicher hat die WHO im Februar dieses Jahres eine Deklaration betreffend "Jugendliche und Alkohol" verabschiedet. Der zweite europäische Alkoholaktionsplan, laufend von 2000 bis 2005, ist daher besonders den Präventions- und Behandlungsmaßnahmen für Jugendliche gewidmet. Das API führt bereits seit mehreren Jahren umfassende präventive Kampagnen in Schulen und bei Lehrlingen durch. Auch ein moderierter Chatroom im Internet bietet Hilfe für Jugendliche.

Probleme in Familie und Ausbildung

Ein zweiter Schwerpunkt der Tätigkeit des API liegt in der Behandlung jugendlicher Alkoholabhängiger. Hier existiert die erste auf Jugendliche von 16 bis 25 Jahren spezialisierte Behandlungseinheit. Deren spezielle Situation erfordert eine gesonderte Behandlung: Denn Jugendliche erwerben sich im Zusammenhang mit ihrer Alkoholabhängigkeit häufig schwere Probleme in relativ kurzer Zeit. "Diese Patienten weisen deutliche Beziehungsstörungen auf, sie kommen meist aus Broken-home-Situationen und haben nicht nur vermehrte familiäre Defizite, sondern auch Probleme mit ihrer Ausbildung", weiß Beiglböck zu berichten.

Daher ist eine Therapie auf mehreren Ebenen im sozialen, arbeitsrechtlichen, psychologischen und auch sportlichen Bereich nötig, um ein "Wieder-leben-lernen" zu bewerkstelligen. "Ideal wäre natürlich eine Änderung des gesellschaftlichen Umganges mit Alkohol", wünscht sich Beiglböck. Vorerst sollten jedoch zumindest die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Ausgabe von Alkohol an Jugendliche eingehalten, Alkohol nicht billiger als alkoholfreie Getränke ausgeschenkt werden.
Wichtig sei die Vorbildwirkung der Erwachsenen und ein weitgehend alkoholfreies Umfeld. "Wenn Alkohol zudem von den Eltern nicht als Genussmittel, sondern als Medikament eingenommen wird, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch der Jugendliche alkoholabhängig wird."

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