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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Drei Krügerl sind zu viel

Obwohl der Pro-Kopf-Alkoholkonsum nach dem Krieg mit wachsendem Wohlstand kontinuierlich gestiegen, in den 70er- Jahren seinen Höhepunkt erreicht und nunmehr etwas zurückgegangen ist, stellt der übermäßige Genuss der gesellschaftlich anerkannten Droge Alkohol nach wie vor ein großes medizinisches und soziales Problem dar. Die Alkoholsucht stand daher naturgemäß im Mittelpunkt des 5. Internationalen Suchtkongresses im Mai dieses Jahres in Baden.

Pro Jahr sterben 8.000 Alkoholiker in Österreich

Die dort präsentierten epidemiologischen Daten lassen die "österreichische Gemütlichkeit" in etwas anderem Licht erscheinen: So sterben in Österreich pro Jahr rund 8.000 Alkoholiker, die Lebenserwartung der alkoholabhängigen Personen verringert sich um bis zu 20 Jahre.
Die unmittelbaren Folgen einer Überdosierung mit Alkohol führen jährlich bei doppelt so vielen Menschen zum Tod wie die harten illegalen Drogen. Bei Jugendlichen ist der Alkohol nach wie vor Droge Nummer eins. In Westeuropa machen dem Alkohol zugeschriebene Todesfälle 13 Prozent der Gesamtmortalität bei Jugendlichen aus. Insgesamt sind 29 Prozent der Männer und 9 Prozent der Frauen in Österreich als Alkoholmissbraucher einzustufen. Dies bedeutet ein Überschreiten der "Gefährdungsgrenze" von 60 beziehungsweise 40 Gramm Reinalkohol pro Tag (zur groben Orientierung: 20 Gramm Alkohol entsprechen ungefähr einem halben Liter Bier, einem Viertel Liter Wein oder drei kleinen Schnäpsen - siehe Grafik).

Nach wie vor ist Bier das Lieblingsgetränk in der Alpenrepublik - es macht rund die Hälfte des Reinalkoholkonsums aus, Wein hingegen rund ein Drittel. Zu bedenken ist, dass Frauen im Vergleich zu Männern bei gleicher Alkoholmenge durchschnittlich höhere Blutalkoholwerte und höhere Alkoholkonzentrationen im Gewebe aufweisen. Gründe dafür sind das meist niedrigere Gewicht, der größere Körperfettanteil und ein hormonell bedingter verlangsamter Alkoholabbau. Je älter die Österreicher werden, desto mehr trinken sie. Besonders stark wirken sich hier das Ende der Berufslaufbahn und der Verlust des Partners aus.

Alkohol bekommt auch in vielen anderen Fällen einen Stellenwert, der weit über ein Genussmittel hinausreicht. Zudem wird Alkohol in geringer Menge auch eine gesundheitsfördernde und eine positive psychosoziale Wirkung zugeschrieben. Dr. Alfred Uhl, Leiter der Alkohol-Koordinations- und Informations- Stelle am API, warnt: "Einerseits wird die positive Wirkung stark überschätzt, andererseits durch gleichzeitig stattfindende gesundheitsschädigende Effekte kompensiert oder sogar überkompensiert." Dennoch tauchen immer wieder Meldungen über gesundheitsfördernde Eigenschaften von Alkohol auf, denen jedoch meist die wissenschaftlich empirische Grundlage fehlt. Erwähnt werden hier insbesondere der günstige Effekt von mäßigem Alkoholkonsum in Bezug auf die koronare Herzerkrankung. In diesem Zusammenhang kann eine Senkung des LDL-Spielgels und der Fibrinogenkonzentration im Plasma, sowie die Verminderung der Thrombozytenaggregation beobachtet werden. Phenolischen Inhaltsstoffen wird eine poten- ziell antioxidative Wirkung zuerkannt.

Alkohol gegen Stress und Soziophobie

Auch die Vereinfachung des sozialen Umgangs und die verbesserte Stressbewältigung durch Alkohol wird angeführt. Allerdings kann bereits ein mäßiger Alkoholkonsum, der dazu verwendet wird, eine Soziophobie oder ein depressives Zustandsbild zu überwinden, zu einer Abhängigkeit führen. Den Ärzten sollte die Relativierung der von der Bevölkerung oft missinterpretierten Erkenntnisse ein Anliegen sein, denn laut Studien aus den USA würde eine Empfehlung, regelmäßig Alkohol zu trinken, zehn Prozent der Angesprochenen zu Abhängigen machen.

Auch Dr. Ingrid Kiefer vom Institut für Sozialmedizin Wien betont die gefährdende Wirkung: So sollte etwa aus Sicht der Krebsprophylaxe gänzlich vom Alkoholkonsum abgeraten werden. Schließlich korreliert Alkoholkonsum mit der Inzidenz von sieben Krebsarten, darunter Malignome im Bereich des Mund und Pharynx, des Kehlkopfes sowie von Speiseröhre oder Leber. Alkohol ist und bleibt ein Genussmittel und sollte nicht therapeutisch eingesetzt werden, wie Kiefer betont. Es existiert zudem kein Schwellenwert für eine empfohlene Zufuhr, keine "gesunde Dosis", ab der die schädigende Wirkung mögliche positive Effekte übertrifft.

Therapeutische Optionen

Die Therapie einer Alkoholsucht gestaltet sich kompliziert. So erfolgversprechend der Entzug von Alkohol ist, so schwierig kann sich die dauerhafte Abstinenz erweisen. Das Entzugssyndrom beginnt wenige Stunden nach der letzten Alkoholeinnahme, bei schweren Trinkern kann es auch schon bei relativ niedrigen Blutalkoholspiegeln auftreten. Ohne therapeutische Interventionen bleiben die Beschwerden meist wenige Tage, längstens eine Woche bestehen.

Wie stark die Symptomatik ist und welche Störungen überwiegen, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Tritt beim Entzug allerdings das Vollbild eines Deliriums tremens mit Desorientiertheit auf, ist die sofortige Klinikeinweisung nötig. Im stationären Rahmen haben sich Clomethiazol oder Benzodiazepine bewährt. Für die akute Alkoholentzugstherapie werden auch Carbamazepin und der selektive Dopaminantagonist Tiaprid verwendet. Beide Substanzen können auch kombiniert werden.
Für einen verbesserten Behandlungserfolg ist vor allem die Beeinflussung des Abstinenzverhaltens ausschlaggebend. Acamprosat (Campral®) verändert die Reizleitung entlang von Neuronen. In einem klinischen Studienprogramm, das zwölf plazebokontrollierte Studien mit über 4.000 Patienten nach Alkoholentzug beinhaltete, zeigte sich, dass Campral® im Vergleich zu Plazebo die Abstinenzrate verdoppelt.
Naltrexon (Revia®), ein reiner Opiatantagonist, reduziert die psychische Begierde (Craving) nach Alkohol, wodurch sich die Rückfallrate reduzieren lässt.

Zur Therapie einer primären depressiven Verstimmung in Kombination mit Alkohol lassen sich auch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer einsetzen. Rezente Studien untersuchten den Effekt von Sertralin (Tresleen®) mit entsprechenden verhaltenstherapeutischen Maßnahmen. Es erwies sich hierbei als sichere und gut tolerierte Substanz. Sertralin scheint jedoch gerade bei Patienten ohne depressive Verstimmung einen Vorteil in Bezug auf die Reduzierung des Alkoholkonsums zu besitzen. Vor allem die Psychotherapie und die soziale Unterstützung für die Betroffenen sind wesentliche Bestandteile einer Behandlung, deren Effekte von Dauer sein sollen.

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