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Allgemeinmedizin 11. Juli 2005

Anämie als Waffe bei chronischen Leiden

Die Anämie wird häufig falsch diagnostiziert und in der Folge nicht richtig ­behandelt, kritisiert Prof. Dr. Günter Weiss, Universität Innsbruck.

Weiss hat das Wissen über Blutarmut zusammengefasst und neue Strategien zur Diagnose und Therapie entwickelt. Grund für Blutarmut sind in 80 Prozent der Fälle Blutungen bzw. ein Eisenmangel im Körper. Zwei Milliarden Menschen – also jeder dritte Erdenbürger – sind davon betroffen. Auch Patienten mit chronischen Krankheiten wie Krebs, Infektionen oder Autoimmunerkrankungen weisen oft einen relativen Eisenmangel und damit in weiterer Folge eine Blutarmut auf. Dies bedeutet aber nicht immer, dass im Körper zu wenig Eisen vorhanden ist. Vielmehr versucht der Organismus gerade durch die Ablagerung von Eisen in den Makrophagen, den Eisengehalt im Blut zu senken. Damit entzieht er den Krankheitserregern die Lebensgrundlage, da Tumorzellen und Mikroorganismen Eisen als wichtigen Wachstumsfaktor benötigen. Da Eisen auch massive Effekte auf das Immunsystem ausübt, stellt der Entzug von Eisen bei Infektionen und Tumorerkrankungen eine geniale Abwehrstrategie des Körpers zum Aushungern von Pathogenen dar, was in weiterer Folge auch über komplexe immunologische Mechanismen zur Blutarmut bei chronischen Erkrankungen führt.

Individuelle Therapiewahl

Allein durch die Bestimmung von Eisen kann zwischen diesen zwei häufigsten Formen der Blutarmut (Eisenmangelanämie durch Blutungen und Anämie chronischer Erkrankungen) nicht unterschieden werden. Die vorliegende Arbeit gibt hierbei Anleitungen zur exakten und möglichst spezifischen diagnostischen Abklärung. Weiss: „Eine unreflektierte Behandlung des Eisenmangels ohne definitive Diagnose kann negative Folgen für den Krankheitsverlauf und die Lebenserwartung der Patienten haben.“ Da eine Anämie generell nicht nur das Wohlbefinden des Patienten, sondern auch die Funktion des Herz-Kreislaufsystems und der Nieren und damit die Lebenserwartung negativ beeinflusst, ist eine sorgfältige und individuell optimierte Auswahl der Maßnahmen zur Behandlung der Blutarmut bei chronischen Erkrankungen entscheidend. Seit 15 Jahren forscht Weiss nach den Ursachen der Blutarmut bei chronischen Erkrankungen, einige wichtige Mechanismen im Eisenstoffwechsel des Körpers konnte er mit seinem Team bereits aufklären. Nun hat er gemeinsam mit Prof. Lawrence T. Goodnough von der Universität Stanford, USA, die zugrunde liegenden Mechanismen von Blutarmut bei chronischen Erkrankungen, die diagnostischen Kriterien und Möglichkeiten und die therapeutischen Maßnahmen kritisch evaluiert. Die Medizin müsse bei der Beurteilung der Blutarmut alle relevanten Faktoren berücksichtigen, um Fehldiagnosen zu vermeiden. In der Behandlung gelte es die Vor- und Nachteile genau abzuwägen. Während eine Blutarmut die Lebenserwartung generell senke, hat der einer Anämie chronischer Erkrankungen zugrunde liegende Entzug von Eisen auch positive Effekte auf die körpereigene Immunabwehr gegenüber Tumorzellen und Mikroorganismen.

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