zur Navigation zum Inhalt
© klickerminth / fotolia.com
Familien mit Neugeborenen sollten in schwierigen Situationen möglichst früh unterstützt werden.
 
Allgemeinmedizin 16. März 2015

Plötzlich Familie

Eine Studie der Uni Linz zeigt, was junge Eltern brauchen.

Drei Viertel der Frauen sind nach der Geburt ihres Kindes vom Baby Blues betroffen, etwa jede zehnte leidet unter einer schweren postnatalen Depression. Junge Eltern brauchen Hilfe und Unterstützung, um sich in ihrer neuen Lebenssituation von Anfang an zurecht zu finden.

Statistische Daten, wissenschaftliche Literatur und die Meinung von insgesamt 70 befragten Personen – das alles umfasst der erstmalige sozialwissenschaftliche Gesundheitsbericht zu Schwangerschaft und Geburt, eine Studie zur Versorgungssituation in Oberösterreich.

„Zu einer guten medizinischen Betreuung von Frauen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und auch in den Wochen und Monaten danach gehört eine ganzheitliche Betrachtung einer nachhaltigen Versorgung“, erklärt die Gesundheitssoziologin Dr. Anna Maria Dieplinger vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz. „Der gesundheitliche Versorgungsstandard in Oberösterreich ist hoch. In der Studie geht es uns darum, notwendige und vorhandene Angebote zielgerichteter auszugestalten und zu fragen, was brauchen die Menschen wirklich.“ Gemeinsam mit dem Institut für klinische Epidemiologie der Tilak Innsbruck ist dieser umfassende Forschungsbericht entstanden.

„Junge Eltern brauchen qualitativ hochwertige Angebote, vor allem während der Schwangerschaft, zur Geburt und auch in den ersten Monaten danach“, meint OÖGKK-Obmann Albert Maringer. Die Ergebnisse dieser großen Studie sieht er auch als Wegbereiter, um bestimmte Angebote auszuarbeiten und zu erweitern. „Es ist eine so entscheidende und sensible Lebensphase für die Gesundheit von Eltern und Kind. Der Grundstein für ein gesundes Leben wird bereits in frühester Kindheit gelegt.“

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

Rund um die Geburt:

• Die Fertilität sinkt, das durchschnittliche Fertilitätsalter steigt: Beim ersten Kind sind Frauen statistisch betrachtet 28,8 Jahre alt. Die Fertilität ist in Oberösterreich mit 1,55 Kindern überdurchschnittlich; der Bundesschnitt liegt bei 1,44 Kindern.

• Medizinische Eingriffe rund ums Geburtsgeschehen haben zugenommen: Signifikant angestiegen sind Vakuumgeburten und Kaiserschnitte. Bei der Sectio liegt Oberösterreich aber mit 26,2 Prozent unter dem Österreichschnitt von 30,1 Prozent.

• 13,3 Prozent, der in Oberösterreich geborenen Kinder landen auf der Neonatologie, österreichweit sind es 6,7 Prozent. Die Überlebensrate von Frühgeborenen beträgt 93,8 Prozent und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.

• Die Angebote der anonymen Geburt wurden in Oberösterreich seit 2011 32-mal in Anspruch genommen. 2014 war die LFKK mit sechs Fällen bisher Spitzenreiter.

• Vom Babyblues sind drei Viertel der Frauen betroffen. Schwere postnatale Depressionen kommen bei acht bis zehn Prozent der Frauen vor.

„Eine gute, umfassende Versorgung mit seriösen und qualitätsgesicherten Informationen zu Schwangerschaft und Geburt sowie der Wunsch nach der vermehrten Berücksichtigung psychosozialer Aspekte sind für mich markante Ergebnisse“, so Dieplinger. „Hier gibt es bereits gute Leistungen, es besteht aber sicher noch Handlungsbedarf. Die Angebote zur Entwicklung elterlicher Fähigkeiten und Hilfestellungen in Krisensituationen sind ein ganz wichtiges Thema.“

Hier hat die OÖGKK mit ihrem Projekt „..von Anfang an!“ schon Pionierarbeit geleistet und erreicht seit 2012 junge Eltern mit wertvollen und kostenlosen Informations- und Kursangeboten. Mit „Gut begleitet von Anfang an!“ wird der Ansatz der „Frühen Hilfen“ seit dem Vorjahr auch in Oberösterreich verwirklicht. Familien mit Neugeborenen sollen dabei in schwierigen Situationen möglichst früh unterstützt werden, damit die Babys eine vertrauensvolle Bindung zu ihren Eltern aufbauen können. „Gut begleitet von Anfang an!“ hat 2014 als Pilotprojekt mit 50 Familien in Linz gestartet und wird heuer gemeinsam mit dem Land OÖ auf Vöcklabruck und Steyr ausgerollt.

Nach einem Pilotprojekt in Linz wird heuer auch das Angebot „Starke Partnerschaft von Anfang an“ auf ganz Oberösterreich ausgedehnt. In diesen Workshops für werdende Eltern in Kooperation mit dem Institut Suchtprävention geht es um die Herausforderung, den Übergang vom Paar zur Familie erfolgreich zu meistern.

Gesundheitsverhalten und Zufriedenheit

Laut Studie ist das Gesundheitsverhalten der Schwangeren rund um die Bereiche Ernährung und Essverhalten überdurchschnittlich gut. Allerdings sind trotz allem immer noch 10,1 Prozent der werdenden Mütter adipös, 0,9 Prozent sogar schwer adipös. Aufholbedarf besteht bei Bewegung und Sport. Nur drei der 40 befragten Frauen gingen zur Schwangerschaftsgymnastik.

Dass Rauchen in der Schwangerschaft schadet – darüber sind sich alle Frauen bewusst. Nur ein Drittel der Raucherinnen schafft es, nach der Geburt oder Stillzeit rauchfrei zu bleiben. Den Alkoholkonsum haben 39 der 40 befragten Frauen während der Schwangerschaft völlig eingestellt.

Einen Geburtsvorbereitungskurs besuchte mehr als die Hälfte. Mit der Versorgung durch Fachpersonal zeigten sich drei Viertel der Frauen zufrieden. Sie wünschen sich allerdings ausführliche Beratung und Information in der Schwangerschaft, vor allem eine noch ausführlichere Hebammenbetreuung.

Mangelnde Aufklärung ist immer noch Hauptursache von Teenagerschwangerschaften. 308 Frauen haben 2013 in Oberösterreich im Alter zwischen 15 und 20 ein Kind geboren.

Sprachprobleme und Missverständnisse in der Kommunikation erschweren Beratungssituationen und medizinische Untersuchungen. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus wirkt sich ungünstig auf die Gesundheit aus.

Gleiche Chancen für alle

Niedrigschwellige Präventionsmaßnahmen sind eine wesentliche Forderung aus der Studie, vor allem um benachteiligte Familien ins Boot zu holen und ihnen einen ungehinderten Zugang zu Informationen und Angeboten zu ermöglichen. „Gesundheitliche Chancengleichheit ist uns besonders wichtig. Wir werden noch stärker versuchen, wirklich alle mit unseren vielschichtigen Angeboten zu erreichen. Vor allem benachteiligte Familien brauchen unsere Unterstützung, damit diese Eltern und ihre Kinder auch wirklich gesund bleiben können“, ist Maringer überzeugt.

So wird beispielsweise der Videoratgeber neben Deutsch auch in Englisch, Türkisch und Bosnisch-Serbokroatisch angeboten.

Bei „…von Anfang an“ setzt die OÖGKK neben Broschüren und herkömmlichem Infomaterial auch vermehrt auf neue Medien. YouTube und Facebook werden bespielt. „Derzeit entwickeln wir eine App, die alle Infos, Tipps, Lesenswertes, Rezepte und vieles mehr direkt aufs Handy liefert“, berichtet OÖGKK-Direktorin Andrea Wesenauer.

Projekt im Detail

Mit dem Gesamtpaket „…von Anfang an!“ informiert die OÖGKK seit 2012 flächendeckend in Oberösterreich die Eltern von rund 14.000 Kinder pro Jahr vom Beginn der Schwangerschaft bis zum dritten Geburtstag des Kindes über Ernährung, Zahngesundheit, rauchfreie Umgebung, Babypflege, Impfen und psychische Gesundheit. Jede werdende Mutter erhält gemeinsam mit dem Mutter-Kind-Pass von ihrem Arzt die Mappe „Mein Ratgeber von Anfang an!“. Darin befinden sich das Schwangerschaftstagebuch, die DVD „Eltern im Bild“ sowie Folder und Anmeldeinformationen zu konkreten Angeboten.

Weitere Informations- und Kursangebote, wie den neuen DVD-Ratgeber „Baby im Bild“ oder die sechs Newsletter-Ausgaben, gibt es nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren des Kindes. Angeboten werden aber auch Workshops und Beratungen. Gut etabliert haben sich die Ernährungskursangebote: Rund 290 „Gesund essen von Anfang an“-Workshops mit rund 2.700 Teilnehmerinnen sowie 280 Workshops „Babys erstes Löffelchen“ mit 2.600 erreichten Personen wurden bislang abgehalten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben