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Allgemeinmedizin 9. März 2015

Letzte Wirklichkeit

Wo uns folgerichtiges Denken im Stich lässt

Bei unseren Bemühungen, die Welt zu verstehen, haben wir es immer nur mit Erscheinungen, aber nicht mit dem „Ding an sich“ zu tun. Das erkannte schon Platon, wie er es in seinem Höhlengleichnis darstellte, das zeigte auch Immanuel Kant, als er die traditionelle Metaphysik erkenntniskritisch relativierte, wie der kürzlich verstorbene Sozialphilosoph Norbert Leser dies in einem seiner letzten Texte zitierte. Im Unterschied dazu behandelt der Materialismus diese Erscheinungen als wären sie die letzte Wirklichkeit des „Dings an sich“. Leser argumentiert dagegen, dass der materialistischen Weltsicht, die versucht, die Entstehung der Welt aus sich selbst zu erklären, wesentliche Aspekte fehlen, die ihr vorausgehen und „die Evolution in sich stattfinden lassen.“ Die Vernunft, das Wissen, das Bewusstsein und die Wahrheit sind es, die den Horizont bestimmen, in dem die Evolution stattfindet.

Bemerkenswert ist die Beobachtung, dass nicht nur Philosophen oder andere Geisteswissenschaftler zu der Erkenntnis gelangen, dass die Welt nicht nur mit materiellen Erklärungsmustern schlüssig zu beschreiben ist, sondern dass gerade herausragende Vertreter der Naturwissenschaften und hier gerade der Physik zu einer metaphysischen Quelle der Schöpfungsentwicklung gelangen. Norbert Leser nennt etwa Erwin Schrödinger ebenso wie Walter Thirring und schließlich auch Herbert Pietschmann und Anton Zeillinger. Die logische Rückführung auf den Ursprung der Dinge kommt bei ihnen letztlich zu einem Punkt, an dem sich Entwicklungen nicht mehr aus sich selbst erklären.

Der Abgrund zwischen Materie und bewusstem Geist

Leser hatte gegen die Vertreter des Materialismus und Evolutionismus den Vorwurf erhoben, sie verschwiegen, „dass es auch eine andere Möglichkeit der Betrachtung der Welt gibt, zu der sie aber keinen noch so kleinen Spalt öffnen wollen, weil sonst der Anspruch, eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit und nicht bloß eine Option vorzulegen, ins Wanken geriete.“ Aus der materiellen Welt das Bewusstsein herzuleiten, wird zwar mit Vehemenz von manchen Neurowissenschaftlern verfolgt, doch trotz aller Bemühungen der Gehirnforschung, so Leser, sei es dieser nicht gelungen, „den Abgrund zwischen Materie und bewusstem Geist zu überbrücken und auch nur so zu schließen, wie es die Deszendenztheorie mit der Herleitung der physischen Beschaffenheit des Menschen aus dem Tierreich zustande brachte, ohne damit freilich das Wesen und die Sonderstellung des Menschen erschöpfend aufgezeigt zu haben.“ Das Bewusstsein könne bestenfalls verdrängt, aber nicht völlig zum Verschwinden gebracht werden und es ist der eigentliche und letzte Baustein der Wirklichkeit. „Der Geist bestimmt die Materie.“

„Folgerichtiges Denken“, so hatte Schrödinger festgestellt, „führt in einer großen Zahl von Fällen zu einem Punkt, wo es uns im Stich lässt.“ Für Leser sind die sich so eröffnenden neuen Denkwege die vorsichtige Annäherung vieler Wissenschaftler – und Laien – „an eine höhere, erst auf Umwegen und indirekt erfassbaren Wirklichkeit.“ Die Vorsicht und die Demut, mit der ein solcher Weg beschritten wird, erfordern ein hohes Maß an Selbstreflexion und Mut zum Scheitern – wo auch immer dieser Weg schließlich hinführen mag und wie und ob überhaupt eine Benennung dieser letzten Gewissheit stattfindet.

Meint Ihre

Verena Kienast

 

1) Norbert Leser: Vom Urgrund der Wirklichkeit, Wiener Zeitung v. 5. 1. 2015

 

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