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Allgemeinmedizin 9. März 2015

Lustkiller Schmerz

Sexuelle Funktionsstörungen werden bei Schmerzpatienten häufig unterschätzt.

Erektile Dysfunktion, Libidoverlust und andere sexuelle Funktionsstörungen sind bei chronischen Schmerzpatienten doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung. Sie können Folge der Grunderkrankung oder der Medikation, aber auch psychisch getriggert sein.

„Sexuelle Funktionsstörungen liegen laut Definition vor, wenn individuelle Ansprüche an eine erfüllte Sexualität nicht erreichbar sind und die Person unter Leidensdruck steht. Sie können primär oder sekundär, generalisiert oder situativ, sowie partnerabhängig oder -unabhängig sein und sowohl psychisch als auch physisch bedingt sein“ erklärt Doz. Dr. Martin Aigner, Leiter der Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln, bei einem Pressegesprächs anlässlich des 19. Internationalen Wiener Schmerzsymposiums. Davon betroffen ist etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung, bei chronischen Schmerzpatienten sind es aber doppelt so viele. Das Risiko von sexuellen Funktionsstörungen müsse daher in das Konzept einer Schmerztherapie mit einbezogen werden, Sexualmedizin sollte in die Schmerzmedizin integriert werden. Ein aktives Ansprechen im Erstgespräch sei entscheidend für den Therapieerfolg, meint Aigner.

Angst vor dem vorzeitigen Erguss

Bei männlichen sexuellen Funktionsstörungen dominieren Erektions- und Orgasmusstörungen: vorzeitiger Samenerguss, Ejaculatio praecox oder seltener verzögerte Ejakulation (Ejaculatio retardata). „Bei der Ejaculatio praecox spielt vor allem die Angst vor einem vorzeitigen Samenerguss eine entscheidende Rolle. Die Häufigkeit beträgt etwa ein bis drei Prozent in der Allgemeinbevölkerung, tatsächlich tritt die Angst davor jedoch etwa zehnmal häufiger auf“, sagt Aigner. Das völlige Ausbleiben des Samenergusses aufgrund von Schmerzen bei sexuellem Kontakt tritt sehr selten auf.

Über reduziertes sexuelles Verlangen klagen je nach Studie zehn bis 15 Prozent der Männer. „Appetenzstörungen sind oft mit anderen psychischen oder körperlichen Problemen vergesellschaftet“, so Aigner.

Wenn Schmerz das Sexualleben stört

Die körperlichen Ursachen für sekundäre sexuelle Funktionsstörungen umfassen ein breites Spektrum von möglichen Faktoren. Häufigste schmerzassoziierte Erkrankungen sind beispielsweise Rückenschmerzen, rheumatische Erkrankungen und Spannungskopfschmerz bzw. Migräne. So zeigt eine Studie bei Patientinnen mit chronischem Beckenschmerz (Chronic Pelvic Pain, CPP) in 68 Prozent sexuelle Dysfunktionen, hingegen in der gesunden Vergleichsgruppe nur in 32 Prozent.

„Auch bei Männern finden sich beim chronischen Beckenschmerz hohe Raten sexueller Funktionsstörungen“, berichtet Aigner. Beim chronischen Kreuzschmerz (Chronic Low Back Pain, CLBP) finden sich ähnliche Verhältnisse: Die Prävalenz sexueller Probleme bei den Schmerzpatientinnen mit CLBP liegt bei 71 Prozent, bei den gesunden Kontrollen bei 37 Prozent. Bei Männern mit CLBP gibt es in 60 Prozent erektile Dysfunktionen, in der gesunden Kontrollgruppe hingegen nur 25 Prozent. Patienten mit rheumatischen Erkrankungen geben 24 bis 70 Prozent sexuelle Funktionsstörungen an, die sexuelle Abstinenzrate liegt bei 24 bis 40 Prozent. Auch eine Prostatitis kann Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen.

„Psychische Faktoren wie Depressivität und Ängste spielen bei sexuellen Funktionsstörungen ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle“, betont Aigner. So leiden etwa 70 Prozent der depressiven Patienten an diesen Störungen. „Häufig entsteht auch ein Teufelskreis, der über die Depression mediiert wird. Aufgrund der Schmerzen entwickeln sich sexuelle Funktionsstörungen und damit eine Depression.“

Einfluss von Medikamenten

„Es gibt jedoch auch eine Reihe von Medikamenten in der Schmerztherapie, vor allem Antidepressiva oder Opioide, die zu einer sekundären sexuellen Funktionsstörung führen können“, so Aigner. Im neuen Diagnoseverzeichnis DSM 5 wurde diesem Umstand nun Rechnung getragen und die neue Klassifikation durch die „medikamenten- und substanzinduzierten sexuellen Funktionsstörungen“ ergänzt.

Antidepressiva spielen als Therapeutikum bei chronischen Schmerzen eine nicht unwesentliche Rolle, auch ohne dass eine Depression vorliegt. „Vor allem bestimmte Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer werden schon seit längerer Zeit mit sexuellen Funktionsstörungen in Verbindung gebracht. Daher muss bei der Auswahl von Antidepressiva auch der Aspekt der Qualität des Sexuallebens der Patienten mitberücksichtigt werden“, meint Aigner.

Aber auch Opioide verursachen bei Langzeitzeitnahme Appetenz- und Orgasmusstörungen durch eine Beeinflussung der Sexualhormone, ebenso Antipsychotika und Phasenprophylaktika. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist laut Aigner jedoch auch, dass etwa ein Drittel der Schmerzpatienten ein Substanzproblem hat, etwa mit Alkohol, Nikotin, Beruhigungsmitteln oder Schlafmitteln, die per se für sexuelle Funktionsstörungen verantwortlich sein können.

Sexualität direkt ansprechen

„Entscheidend für den Therapieerfolg bei der Betreuung chronischer Schmerzpatienten ist es, das Thema Sexualität miteinzubeziehen“, mahnt Aigner. Schon im ersten Gespräch sollte der Arzt die Frage nach der sexuellen Zufriedenheit stellen. Spontan berichten nämlich nur wenige Patienten über ihre sexuellen Funktionsstörungen, bei direktem Ansprechen geben dann aber beinahe viermal so viele diese Probleme an. Erfolgt das aktive Ansprechen nicht, leidet das Arzt-Patienten-Vertrauen und damit auch die Therapie-Adhärenz. Aigner empfiehlt die Frage „Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Sexualleben?“ Damit überlasse man dem Patienten die Entscheidung, ob er diesbezügliche Probleme besprechen will oder nicht.

Das Wissen um sexuelle Funktionsstörungen ermöglicht aber jedenfalls dem Arzt, bei der Wahl der Medikation diesen Aspekt zu berücksichtigen oder bei Bedarf die Therapie umzustellen, um Patienten vor einem Teufelskreis aus sexuellen Funktionsstörungen, daraus resultierenden Versagensängsten und Depressionen, die wiederum das Selbstwertgefühl vermindern, zu bewahren.

Quelle: Pressegespräch zum 19. Internationalen Wiener Schmerzsymposium: „Schmerztherapie: Chancen und Risiken“, Wien, 27. Februar 2015

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