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Allgemeinmedizin 9. März 2015

Die Angst im Auge des Betrachters

Gefühlte und tatsächliche Risiken im Gesundheitswesen und deren Kommunikation.

Das Leben der Menschen wird vor allem durch ihre subjektiv empfundenen Ängste mitbestimmt. Während die kleinen Ängste das Leben individuell prägen, können größere Befürchtungen, die von den Medien transportiert werden und nicht wissenschaftlich begründet sind, das Verhalten einer ganzen Bevölkerung mitbestimmen. Das Schlimmste, was Wissenschaftskommunikation in Krisensituationen tun kann, ist es, irrationelle Ängste einfach zu ignorieren

Die Geschichte und die Wirksamkeit der Impfung sind naturgemäß mit der Bedrohung verknüpft, gegen die sie schützen soll. Ein Beispiel, welche Dynamik die Impfdiskussion erfährt, wenn sich die Gefahr einer grassierenden Infektionserkrankung erhöht, ist gerade in Deutschland zu beobachten. Wie riskant leben Kinder in Mitteleuropa, wenn sie keine Impfung gegen Masern erhalten? Sind die Masern ein normaler Teil der Kindheit oder ein gefährliches Übel, das es abzuwenden gilt? Was ist ein kleiner Nadelstich und möglicherweise wenige Stunden mit erhöhter Temperatur gegen das Risiko an einer Virenerkrankung schwer zu erkranken? Es ist erstaunlich, dass gerade in bildungsnahen Bevölkerungsschichten, irrationale Ängste gegen das Impfen geschürt werden konnten. Was wurde hier falsch gemacht und wie kann Risikokommunikation im Bereich des gesundheitlichen Verbraucherschutzes konkret umgesetzt werden?

Zäsur nach der BSE-Krise

Angewandte Risikowahrnehmungsforschung und zielgruppenspezifische Risikokommunikation sind Kernelemente einer funktionierenden Kommunikation, die Krisen vermeidet, bevor sie überhaupt entstehen. Hierzu gehört auch eine angemessene und verständliche Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit, die Menschen transparent erklärt, wie sicher die Datenlage derzeit ist, welche Erkenntnisse in nächster Zeit zu erwarten sind und was für Verbraucher konkret zu tun ist.

Bedingt durch die Lebensmittelkrise um gesundheitsschädliches Rindfleisch (BSE-Krise) in den 1990er Jahren erfolgte in mehreren europäischen Ländern im Jahr 2002 die institutionelle Trennung von Risikomanagement und Risikobewertung. Dies soll gewährleisten, dass die Bewertung von Risiken im gesundheitlichen Verbraucherschutz unabhängig von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Einflüssen erfolgt. Mit gesundheitlichem Verbraucherschutz ist die Sicherheit von Lebensmitteln, Chemikalien und Produkten des täglichen Gebrauchs wie Kosmetika, Kleidung und Spielzeug sowie die biologische Sicherheit gemeint, die den Bereich der Gentechnik ebenso einschließt wie die mikrobielle Sicherheit von Lebensmitteln.

In Österreich spielt in diesem Rahmen die staatliche AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) eine zentrale Rolle. Sie kontrolliert Zulassung und Prüfung landwirtschaftlicher Betriebsmittel (z. B. Saatgut), führt Lebensmitteluntersuchungen durch, bekämpft (prophylaktisch) Infektionskrankheiten bei Menschen und Tier und überwacht die Zulassung von Arzneimitteln und Medizinprodukten.

In Deutschland fungiert das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) als unabhängige Institution im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Das BfR hat neben der wissenschaftlichen Risikobewertung auch den gesetzlichen Auftrag zur Risikokommunikation und ist die einzige Bundesinstitution, in der die Risikokommunikation als eigene Abteilung institutionalisiert ist.

Verbraucher beobachten

Für eine adäquate Risikokommunikation ist es erforderlich, die Wahrnehmung, den Umgang und das Informationsverhalten von Verbrauchern hinsichtlich einer Thematik zu analysieren, um daraus geeignete kommunikative Maßnahmen abzuleiten. Auch die Kommunikation von Unsicherheit ist für die Risikoforschung ein zunehmend wichtiger Aufgabenbereich. Glaubwürdig ist nur, wer auch sagt, was er heute (noch) nicht weiß.

Eine wesentliche Aufgabe der Risikokommunikation besteht in der sachlich fundierten Aufklärung über den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu den Wirkungen von Stoffen auf Umwelt und Gesundheit. Ziel ist die Information über und das Erklären von Risiken. Als Beispiel dient etwa die Information des BfR über die Funde von erhöhten Werten der gesundheitsschädlichen Chemikalie Dioxin in Futter- und Lebensmitteln zu Beginn des Jahres 2011. Aus Sicht der wissenschaftlichen Risikobewertung bestand aufgrund der geringen Dioxinkonzentration keine gesundheitliche Gefährdung. Aufgabe der Risikokommunikation war es, über das Thema Dioxin in Futter- und Lebensmitteln zu informieren und dabei zu erläutern, warum trotz gemessener Grenzwertüberschreitungen keine akute gesundheitliche Gefährdung für den Verbraucher vorlag. Auf diese Weise kann eine gelungene Risikokommunikation ein breites Fundament für stabile, nachhaltige Beziehungen auch in Krisenzeiten schaffen.

Risikocharakterisierung

Aus wissenschaftlicher Sicht beschreibt ein Risiko die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens. Die Bewertung von toxikologischen Risiken erfolgt aufgrund der Betrachtung der Gefährlichkeit eines Stoffs an sich und in Kombination mit der möglichen Exposition eines Menschen und damit der Menge des Stoffs, der ein Mensch unter üblichen Bedingungen ausgesetzt ist. Erst aus der Betrachtung dieser beiden Komponenten kann eine Aussage über das möglicherweise von diesem Stoff ausgehende gesundheitliche Risiko getroffen werden. Die Toxizität wird entweder in vitro oder in vivo getestet, um jene Dosis zu ermitteln, unterhalb derer keine gesundheitlichen Schädigungen zu beobachten sind. Um hierbei die Übertragbarkeit von tierexperimentellen Daten auf den Menschen sowie die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch zu berücksichtigen, wird generell ein (Un-) Sicherheitsfaktor von 100 in die Berechnung von Grenzwerten eingerechnet. Im Tierexperiment wird neben der Toxizität stets die mögliche erbgutschädigende, kanzerogene und die reproduktionstoxische Wirkung von Stoffen geprüft. Zudem wird grundsätzlich die empfindlichste Bevölkerungsgruppe betrachtet, das sind in aller Regel Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, die eine im Verhältnis zum geringen Körpergewicht vergleichsweise hohe Nahrungsaufnahme aufweisen.

Subjektive Risikowahrnehmung

Menschen nehmen Risiken unterschiedlich wahr; insbesondere zwischen der Wahrnehmung von Laien und Experten gibt es signifikante Unterschiede. Dies hat diverse Gründe. Zunächst gibt es prinzipielle Unterschiede in der Risikowahrnehmung aus demografischer Sicht. Lebensalter, Geschlecht oder auch der Bildungsstand beeinflussen die Risikoeinschätzung. Die Wahrnehmung von Risiken kann darüber hinaus durch mediale Berichterstattung verstärkt werden. Risiken werden individuell nach verschiedenen Kriterien eingeschätzt. Je bekannter ein Risiko persönlich eingestuft wird, desto geringer ist das Risikoempfinden. Risiken werden dagegen höher eingeschätzt, wenn nach Abwägung verschiedener Handlungsoptionen keine Wahlfreiheit verspürt wird. Ein zusätzlicher relevanter Faktor ist die Risikokontrollierbarkeit. Ein Risiko erscheint geringer, wenn Kontrollmöglichkeiten des Einzelnen bestehen. Wird das Eingehen auf das Risiko, beispielsweise beim Rauchen, in der persönlichen Abwägung mit einem Nutzen assoziiert, wird das Risiko geringer eingeschätzt. Zudem ist bekannt, dass die Schrecken der Folgen eines Risikos eine wichtige Rolle spielen. So wird das Risiko umso höher bewertet, je mehr Personen bei einem Ereignis zu Schaden kommen, beispielsweise bei einem Terroranschlag. Dabei erfolgt die Risikoeinschätzung unabhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens. Darüber hinaus beziehen Menschen in ihre persönliche Risikobewertung die Vertrauenswürdigkeit der Person oder der Institution ein, die ihnen diese Information zukommen lässt. Hierbei werden Auskünfte aus weniger vertrauenswürdigen Quellen eher ausgeblendet, ignoriert oder umgedeutet, während Personen oder Institutionen des Vertrauens als Multiplikatoren fungieren. Natürliche Risiken, etwa Wirbelstürme oder mögliche negative Folgen des Klimawandels, werden von der Bevölkerung klassischerweise geringer eingestuft als anthropogene, also vom Menschen verursachte Risiken, z. B. Risiken durch neue Technologien. Treten Schäden direkt auf, etwa bei akuten Vergiftungen, ist das Risikoempfinden signifikant höher als bei Schäden, die erst nach vielen Jahren deutlich werden, z. B. Herz-/Kreislaufprobleme durch Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung.

Neue Wege der Öffentlichkeitsarbeit

Die Art und das Ausmaß der Risikokommunikation haben einen erheblichen Einfluss auf die individuelle Risikowahrnehmung. Dies gilt besonders auf der Ebene der Massenkommunikation über Zeitungen, Fernsehen und Internet. Häufig übernehmen die Medien im Hinblick auf die Wahrnehmung von Risiken eine wichtige Verstärkerfunktion. Einige Themen werden dabei stärker betont, als dies aus wissenschaftlicher Perspektive geboten ist und Verbraucher erfahren von bestimmten Themen oder Risiken vorrangig zunächst aus den Medien. Die Art der medialen Präsentation hat daher auch einen Einfluss auf die Wahrnehmung und Einschätzung einer Thematik durch die Bevölkerung. Die Gestaltung von effektiver Risikokommunikation basiert somit auf der Kenntnis der Faktoren, die maßgeblich die Risikowahrnehmung beeinflussen.

Am BfR wird Risikokommunikation als ein kontinuierlicher und interaktiver Prozess verstanden, der die klassische Öffentlichkeits- und Pressearbeit ergänzt, die häufig eher in Form einer Einwegkommunikation die wissenschaftlichen Bewertungsergebnisse und die daraus resultierenden Handlungsempfehlungen darlegt. Die frühe Information der Öffentlichkeit über mögliche Risiken gesundheitlicher Art bildet die Grundlage für diesen Dialog. Typische Formate der Öffentlichkeitsarbeit des BfR sind

• wissenschaftliche Stellungnahmen, denen stets ein laienverständlicher Vorspann vorangestellt wird;

• strategisch positionierte Pressemitteilungen, die von den Medien wörtlich zitiert werden, sowie

• häufig gestellte Fragen (FAQ) zu definierten Themen.

Ergänzend werden von Verbrauchern aktiv über die Homepage gewünschte Themen als Videoformate angeboten, um wissenschaftliche Sachverhalte verständlich zu erklären sowie Apps, die z. B. über Vergiftungen informieren.

Risikokommunikation und Risikotypen

Die Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit war in der Wissenschaft lange eher ein Tabuthema. Es wurden lediglich Dinge öffentlich transparent gemacht, die gesichert schienen. Dies entspricht jedoch nicht dem heutigen Stand der Unsicherheitsforschung. Verbraucher haben zudem einen Anspruch darauf, sich durch frühe, gegebenenfalls noch unsichere Daten und eine diesbezügliche mögliche Verhaltensänderung selbst schützen zu können. Zudem ist die Akzeptanz einer solchen Art von Kommunikation, auch wenn sie sich selbst im Laufe des Geschehens korrigieren muss, signifikant höher als die einer Kommunikation, die erst dann öffentlich wird, wenn alle Fakten erhärtet sind.

Neben den üblichen demografischen Merkmalen empfiehlt es sich, durch entsprechende repräsentative Befragungen und tiefenpsychologische Interviews in Nichtkrisenzeiten themenspezifisch Risikotypen zu definieren. Diese spezifischen Zielgruppen lassen sich dann über gezielte Kommunikationsmaßnahmen besser erreichen als über pauschale Kommunikationswege. So sind etwa pragmatisch agierende Personen für konkrete Handlungsempfehlungen empfänglich, um Kontrolle über die Situation zu erlangen. Ängstliche Menschen wird man eher über Personen ihres Vertrauens, also über Multiplikatoren wie Ärzte oder Apotheker, erreichen können.

Kommunikation von Nichtwissen

Nicht zuletzt bei der EHEC-Krise im Frühjahr 2011 wurde deutlich, wie verschieden die Kommunikationsansprüche der unterschiedlichen Zielgruppen in gesundheitlich bedrohlichen Situationen sind. Im Anschluss an diese Krise wurde vom BfR eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Diese zeigte, dass 71 Prozent der Personen, denen EHEC ein Begriff war, glaubten, dass die zuständigen Stellen genügend zum Schutz der Bevölkerung vor dem EHEC-Erreger unternommen hatten. Darüber zeigten 74 Prozent, denen die EHEC-Problematik bekannt war, Verständnis dafür, dass es zunächst eine Empfehlung gab, auf rohen Salat, Tomaten und Gurken zu verzichten, diese Empfehlung dann aber aufgrund neuer Informationen wieder aufgehoben wurde. Transparenz und aktive Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit werden also keineswegs als Inkompetenz von Wissenschaftlern wahrgenommen, sondern genießt hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Hierzu gehört insbesondere die Kommunikation von Nichtwissen. Klar zu formulieren, was man heute weiß bzw. (noch) nicht weiß und was derzeit unternommen wird, um die Wissenslücken zu schließen, ist ein Merkmal kompetenter Kommunikation.

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Gefühlte und tatsächliche Risiken“ von PD. Dr. Gabi-Fleur Böl in „Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie“ 5/2014, © Springer Verlag. Die Autorin ist an der Abteilung Risikokommunikation am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin tätig.

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