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Allgemeinmedizin 2. März 2015

Kasse machen ohne Bargeld

Zukunftstrend digitales Bezahlen – auch in der Apotheke.

Schlüssel, Geldbeutel und Handy (bei Frauen vielleicht noch ein Lippenstift) – das sind die Utensilien, ohne die die wenigsten Menschen heute das Haus verlassen. Geht es nach Apple, Google oder anderen Mitspielern im digitalen Markt, dann könnte in Zukunft vermutlich das Portemonnaie immer häufiger zuhause bleiben. Denn stattdessen übernimmt das Smartphone die Bezahlung. Ein solches Szenario würde auch die tägliche Arbeit in der Apotheke deutlich verändern.

Eine große Untersuchung zu digitalen Nutzungstrends in Deutschland, Österreich und der Schweiz vom Oktober 2014 (DACH-Studie) zeigt interessante Ergebnisse auf. Demnach geht inzwischen mehr als jeder zweite Internetznutzer per Smartphone ins Netz. Unter den Internettätigkeiten haben Bestellung/Kauf eine sehr hohe Relevanz – vor allem in Deutschland und gleichermaßen bei Männern wie Frauen. In der ganzen DACH-Region haben somit etwa 40 Millionen Onliner im letzten Monat vor der Umfrage per Laptop/Desktop eingekauft, 13 Millionen mit dem Smartphone/Tablet.

Papier bevorzugt

Auch wenn Einkaufen im Internet bei Verbrauchern „in“ ist, so ist ihnen die papierne Rechnung nach wie vor am liebsten, wie eine Untersuchung des ECC-Köln ergab. Unterwegs online zu bezahlen ist noch weniger üblich. Der DACH-Studie zufolge kannten zwar ein Drittel der Befragten Möglichkeiten der mobilen Bezahlung per App, rund 20 Prozent die Bezahloption per NFC (Near Field Communication), bei der das Handy kontaktlos an eine Bezahlstelle gehalten wird (s. Kasten). Genutzt haben diese Optionen jedoch bislang weniger als zehn (App) bzw. vier (NFC) Prozent. Das Consumer Barometer des Instituts für Handelsforschung in Köln war im Sommer zu ähnlichen Zahlen gekommen. Etwa 58 Prozent der Nicht-Nutzer konnten sich aber zumindest vorstellen, künftig von diesen Bezahlfunktionen mit dem Smartphone Gebrauch zu machen, vier von zehn Befragten würden gerne häufiger auf diesem Weg bargeldlos bezahlen.

Trendwende

„Anbieter aus den unterschiedlichsten Bereichen stehen in den Startlöchern und bringen Lösungen auf den Markt“, bestätigt Achim Himmelreich, Vize-Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft.

Kundenbindung: So bauen neben Internetriesen wie Google inzwischen auch alle Telekommunikationsanbieter E-Wallets auf, also digitale Geldbörsen, in der Regel in Kopplung mit Kreditkarten als Bezahlbasis. „Damit lässt sich für diese Unternehmen nicht unbedingt Geld verdienen, aber die Kunden werden besser gebunden, da ein Wechsel schwieriger wird, wenn man erst an den Bezahlservice des Anbieters gewöhnt ist“, erläutert Himmelreich.

Kreditkartenunternehmen arbeiten zugleich an eigenen Lösungen, um ihre Position auszubauen mit Karten, die mit NFC ausgestattet sind. Sie haben dabei den großen Vorteil der vielen Millionen Akzeptanzstellen.

Aber auch spezielle Paymentanbieter wie Paypal, Weltmarktführer für Online-Payment, wollen ihre Position in den mobilen Bezahlbereich verlängern. Und dann gibt es noch die Handelsinitiativen. „Diese haben die Motivation, die Daten aller Transaktionen selbst auszuwerten. Dazu gehört dann auch Payback, die gerade ebenfalls eine eigene E-Wallet bauen“, so Himmelreich. „Das ist interessant, weil sich außer dem Bezahlen darüber auch gleich die Boni und das Couponing managen ließen“.

Neue Anbieter: Daneben gibt es viele Start-ups. Ein Beispiel ist Vero-pay aus Österreich. Die damit gebotene mobile Bezahlmöglichkeit hat in den heimischen Supermärkten schon eine hohe Verbreitung und Nutzung erreicht und will nun auch in Deutschland starten.

Der Einzelhandel bereitet sich auf das Thema „mobile Payment“ vor. Das zeigen auch jüngste Studiendaten des EHI Retail Institute®. Demnach sei bereits ein Viertel der Kassensysteme auf das Bezahlen per Smartphone vorbereitet. 81 Prozent planen, ihr Kassensystem aufzurüsten – vor allem große Händler zeigen sich interessiert. Dabei favorisieren die meisten die NFC-Technologie als Standard vor QR-Code-basierten Lösungen oder Optionen per Bluetooth Low Energy (BLE), am besten eingebunden in eine mobile Geldbörse mit übergreifenden Bezahlmöglichkeiten.

Verbrauchern fehlt (noch) der Nutzen

Was sich bereits alles bargeldlos regeln ließe, ist vielen Verbrauchern hierzulande bislang gar nicht bekannt. Oft bestehen Sicherheitsbedenken, diese Technik einzusetzen. „Damit Konsumenten dazu gebracht werden, ihr gewohntes Paymentverfahren umzustellen, brauchen sie einen besonderen Zusatznutzen“, so Himmelreich. „Die bisherigen Bezahlmethoden funktionieren ja: Man kann wahlweise bar, mit EC- oder mit Kreditkarte zahlen. Also besteht wenig Grund, etwas zu ändern. Wenn man etwas bietet, das mehr kann und Spaß macht, ist das vielleicht der Umschwung“. Apple habe in dieser Hinsicht ein Signal für die Branche gesetzt durch die Ankündigung, die E-Wallet Applepay einzuführen, bei der die NFC-Technologie kombiniert wird mit BLE, was erweiterte Optionen für Couponing und Rabatte bietet.

Die Relevanz für Apotheken

Auch für Apotheken, traditionell im Bargeschäft verhaftet, ergeben sich daraus neue Servicemöglichkeiten. Deren Zukunft liegt nach Ansicht des Onlineexperten ohnehin in einer Multi-Channel-Strategie, die Online- und Offlinebereiche und den Einsatz verschiedenster digitaler Möglichkeiten umfasst.

Cashcloud-Geschäftsführer Olaf Taupitz geht ebenfalls davon aus, dass es in den nächsten zwei Jahren im Zahlungsverkehr zu einem großen Umschwung mit vielen Innovationen kommen wird, vergleichbar dem Wechsel von Telephonen mit Kabel zur drahtlosen Kommunikation in den 90er-Jahren.

Doch zuvor gilt es noch, Sicherheitsbedenken bei den Verbrauchern abzubauen. Für Taupitz birgt gerade die NFC-Technologie keinen Grund für Vorbehalte, auch wenn es keine 100prozentige Sicherheit gebe. So brauche es einen durch Bank/Kreditkartenunternehmen autorisierten Händler, um eine Zahlung annehmen zu dürfen. Fordert er eine Zahlung an und signalisiert das Smartphone die Bezahlung, muss diese aktiv bejaht werden. Zudem haben sich alle Zahlungsnetzwerke auf eine neue Sicherheitsstufe geeinigt, die so genannte Tokenisierung. Dabei wird die Kartennummer syntaktisch umgewandelt, und bei jedem Kauf wird nur noch eine einmal gültige Nummer zur Authentifizierung verwendet. Taupitz: „Insgesamt ist das Risiko beim Verlust einer Kreditkarte viel höher. Und Bargeld ist bei Diebstahl immer weg“.

springer-gup/Ruth Ney

NFC oder BLE? So funktionieren die technischen Systeme

NFC (Near Field Communication) ist ein internationaler Übertragungsstandard, der mittlerweile von knapp zehn Prozent der verfügbaren EC-Kartenterminals Deutschlands unterstützt wird. Dabei werden Daten per Funktechnik über Distanzen von wenigen Zentimetern (max. 20 cm) bei einer Übertragungsrate von 424 Kilobit pro Sekunde übertragen. Aufgrund der kurzen Reichweite gilt das Verfahren als recht sicher vor (Auslese-) Angriffen. Die Technologie kann bei Kreditkarten, in Form von NFC-Aufklebern und von Smartphones genutzt werden und bezieht ihre Energie über ein Magnetfeld. Zur Nutzung ist nicht unbedingt eine App nötig.

BLE (Bluetooth Low Energy) ist eine auf Bluetooth gründende Funktechnik, die auf dem Sender-Empfänger-Prinzip basiert. Die Reichweite ist mit bis zu 30 Metern deutlich höher als bei NFC. Sender (Beacons) schicken ein kontinuierliches Signal. Dieses können in der Nähe befindliche Empfänger, etwa ein Smartphone, erkennen. So können auch Werbung, Coupons, Rabatte auf ein Handy geschickt werden.

Gebühren gesenkt

Seit Jänner 2015 gelten EU-weit neue Kreditkartenkonditionen. Für Händler beträgt danach bei Kreditkartenzahlung (Mastercard, Visa) das Disagio nur noch 0,3 Prozent vom Umsatz. Das entspricht etwa dem Niveau der Girocard (Bankomatkarte, EC-Card). Im Vergleich: Erhebungen zeigen, dass auch das Bewegen, Verwalten und Zurückführen von Bargeld je nach Branche mit Kosten in Höhe von 0,4 bis 0,7 Prozent des Umsatzes zu Buche schlägt.

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