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Wenn Beschwerden länger anhalten, verlieren sie für viele Menschen den Alarmcharakter.
 
Allgemeinmedizin 24. Februar 2015

Warum die Leute nicht zum Arzt gehen

Was hält Menschen mit Alarmsymptomen, die auf Krebs hinweisen könnten, davon ab, sich untersuchen zu lassen?

Die Antwort auf die Frage, warum man trotz möglicherweise ernster Beschwerden nicht zum Arzt geht, ist komplex. Die einen meinen, sie können mit den Symptomen selbst fertig werden, die anderen wollen den Arzt nicht wegen „Lappalien“ belästigen. Wieder anderen scheint es grundsätzlich an Vertrauen in das Gesundheitssystem zu mangeln.

Die Forscher um Katriina L. Whitaker von der Universität Surrey hatten 482 über 50-jährige Patienten aus Londoner Allgemeinarztpraxen eingeladen, Fragebögen auszufüllen, und diese ausgewertet ( Whitaker KL et al.: Br J Gen Pract 2015; online 1. Februar ). Daraufhin hatten sie ausführliche Gespräche mit 48 Teilnehmern geführt, die in den vergangenen drei Monaten mindestens ein als krebsverdächtig definiertes Symptom bei sich verspürt hatten. Dazu gehörten beispielsweise anhaltender Husten oder Heiserkeit, eine ungeklärte Umfangsvermehrung, veränderte Stuhlgewohnheiten, ungeklärter Gewichtsverlust oder neu aufgetretene Schmerzen unbekannter Ursache. Das Wort „Krebs“ hatten die Wissenschaftler bewusst nicht von sich aus zur Sprache gebracht.

Nur jeder Zweite ließ sich untersuchen

Nur etwas mehr als die Hälfte (54,8 %) der Befragten hatten wegen eines oder mehrerer der oben genannten Alarmzeichen einen Arzt aufgesucht. Die Gründe, die sie hierfür angaben, ließen sich in vier Kategorien einteilen:

• bestimmte Symptomcharakteristika, beispielsweise ungewöhnliche oder anhaltende Beschwerden

• Instinkt, d. h. das „Bauchgefühl“, dass etwas nicht stimmt

• Einfluss von anderen, vor allem Ehepartnern oder Freunden

• Bewusstsein/Angst, dass die Beschwerden mit einer Krebserkrankung zusammenhängen könnten.

Letzteres wurde häufig im Zusammenhang mit TV-Spots berichtet, in denen bei entsprechenden Symptomen zum Arztbesuch geraten wurde. Eine Reihe von Patienten berichtete, sie hätte die Angst vor „dem Bogeyman“ oder dem „Big C“ (in England häufige Umschreibungen für Krebs) zum Doktor getrieben.

Die Argumente der Personen, die den Arztbesuch verweigert hatten, fassten die Forscher in folgenden Gruppen zusammen:

• die Annahme, dass es sich um ein banales Symptom handle

• Selbstbeherrschung („das kann man doch aushalten“)

• Angst vor der Krebsdiagnose, vor bevorstehenden Untersuchungen oder einschneidenden Veränderungen

• die Sorge, dem Arzt seine Zeit zu stehlen

• mangelndes Vertrauen in das Gesundheitssystem („die können auch nichts machen“).

„Nicht der Rede wert!“

Als „banal“ wurden Symptome vor allem dann bezeichnet, wenn sie nicht mit Schmerzen verbunden waren („Ich dachte, das sei nicht der Rede wert“). Lang anhaltende Beschwerden hatten viele nach einer gewissen Zeit als „normal“ empfunden. Manches wurde auch als Teil des Alterungsprozesses angesehen, beispielsweise Geschwüre, die nicht heilen wollten.

Das Gefühl, auch einmal etwas aushalten zu müssen, war ebenfalls nicht selten. Die Forscher halten es nicht für ausgeschlossen, dass die Zurückhaltung dem Arzt gegenüber („Warum sollte ich ihm mit so etwas Albernem kommen?“) ein britisches Spezifikum sein könnte.

Beschwerden abklären ist keine „Last“

Was sich daraus lernen lässt, ist nach Whitaker et al. Folgendes: Hausärzte sollten ihren Patienten klar machen, dass es für sie keine Last bedeutet, wenn ein Patient zur Abklärung von Beschwerden zu ihnen kommt.

Über die Bedeutung von lang anhaltenden Symptomen sollten die Menschen besser aufgeklärt werden. Öffentliche Gesundheitskampagnen seien hier der ideale Rahmen; dies gelte auch für die Schärfung des Bewusstseins für potenzielle Krebssymptome. Dass entsprechende Spots im Fernsehen oder Kino Beachtung finden, und zwar über alle Bevölkerungsschichten hinweg, hat die Studie immerhin gezeigt.

springermedizin.de, Ärzte Woche 9/2015

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