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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Dubiose Geschäfte mit dem Übergewicht

Nach einer Schätzung der WHO sind weltweit mehr als 300 Millionen Menschen übergewichtig oder fettleibig - Adipositas ist also eine weltweite "Epidemie". Allein in Österreich ist der Anteil der "Fresssüchtigen" von 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 1991 auf 11 Prozent im Jahr 2000 gestiegen - was einer Zunahme von 30(!) Prozent entspricht. Tendenz: weiter steigend (wir berichteten darüber).

Folgeerkrankungen 

Die schweren Folgen der Adipositas sind eine Reihe von Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen, Gallensteine, Brust- und Darmkrebs sowie Arthrose. Die Adipositas gilt als unabhängiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Herztod und ist häufigste Ursache für Bluthochdruck. Mehr als zwei Drittel aller Herzerkrankungen gehen zu Lasten von Übergewichtigkeit. Mit zunehmendem Gewicht steigt aber auch das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. 

Übergewicht ist kein kosmetisches Problem, es ist eine chronische Erkrankung und bedarf daher einer langdauernden Betreuung. Die drei Therapiesäulen in der Therapie der Fresssucht lauten "Ernährung-Bewegung-medikamentöse Unterstützung". Bewährte Präparate am Markt sind der periphere Lipasehemmer Orlistat (Xenical®) und das zentral wirksame Sibutramin (Reductil®).  Aber auch aus dem OTC-Bereich werden viele Produkte angeboten: "Schlank in nur zwei Wochen...!"; "Fettpölsterchen einfach wegsaugen...!" - die Werbeindustrie verspricht abnehmbegierigen Lesern in bunten illustrierten Boulevardgazetten Wunder. 

Alternative Produkte 

"Die kommerziellen Kräfte, die zur Bekämpfung der Adipositas in Gang gesetzt werden, sind enorm", erklärte Prof. Dr. Stefan Rössner, Präsident der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung der Adipositas, Universitätsklinik Stockholm, Schweden, am diesjährigen internationalen Adipositaskongress in der Wiener Hofburg.  Rössner beschreibt die Vor- und vor allem Nachteile kommerziell einträglicher alternativer Produkte: Einen unbestrittenermaßen günstigen Effekt auf das Körpergewicht haben Faserprodukte. Die faserhältigen ballaststoffreichen Naturprodukte sind nachweislich hilfreich zur Gewichtsreduktion. Es kommt neben einer vermehrten Speichelsekretion, einer verstärkten Kauaktivität oder einer generellen Anregung der Verdauung auch zu einer verminderten Insulinsekretion. Niedrigkalorische Diäten (VLCD) mit einer Tageskaloriendosis von unter 800kcal pro Tag über acht bis sechzehn Monate sind laut Rössner bei einem Body Mass Index von über 30 oder auch darunter (wenn mit Komplikationen vergesellschaftet) zu empfehlen. 

Skepsis bei Wundermitteln 

"Diese Diät sollte jedoch nur Teil eines strukturierten Schemas zur Gewichtsreduktion sein", so Rössner. Derartige Maßnahmen sind unter Überwachung als sicher und effektiv einzustufen. Produkte wie "Herba-Life" zeichnen sich, so Rössner, eher durch ihr Nichtvorkommen in medizinischen Publikationen aus. Das "Pre-Con-Programm", ein unter ärztlicher Leitung stehende Methode zur langfristigen Gewichtsreduktion über spezielle Substitutionsprodukte, sei hingegen eine durchaus sinnvolle Maßnahme. Bezüglich der Unzahl von Schlankheitskuren, Pillen oder Wundermitteln, die meist bar jeder medizinisch-wissenschaftlichen Grundlage sind, rät Rössner größte Skepsis an: "Wann hat man jemals die Guru-Professoren der diversen Sensationsdiäten und Ernährungsprogramme auf internationalen Adipositaskongressen gehört?" Denn die Produkte zeichnen sich, so Rössner, neben ineffizienter und teilweise auch schädigender Wirkung vor allem durch einen Mangel an kontrollierten Studien aus. 

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