zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 18. Juli 2005

Den Tod zulassen - nicht herbeiführen

Die zweite Kammer des niederländischen Parlaments beschloss Ende November mit Mehrheit ein Gesetz, das Ärzten aktive Sterbehilfe bei unerträglich leidenden Patienten ohne Aussicht auf Heilung erlaubt. Eine dreiköpfige Kommission (ein Arzt, ein Jurist, ein Experte für ethische Fragen) entscheidet die einzelnen Fälle.

Dr. Günter Virt, Priester, Professor für Moraltheologie und Leiter des Institutes für Ethik in der Medizin: "Sterben muss zugelassen, nicht herbeigeführt werden." Virt lehnt - nicht zuletzt als Verfasser des Dokuments "Schutz der Menschenrechte und der Würde der Todkranken und Sterbenden" (www.univie.ac.at/ethik-und-recht-in-der-medizin) das vom Europarat mit großer Mehrheit angenommen wurde - aktive Sterbehilfe ab. Wie viele andere auch. Was aber sagen MedizinerInnen, die in ihrer täglichen Praxis auch mit Leid und Sterben und damit nicht zuletzt auch mit Todeswünschen von Patienten konfrontiert sind?
"Todessehnsucht ist etwas, womit wir häufig konfrontiert werden. Diese Sehnsucht hat aber nichts mit dem Wunsch zu tun, getötet zu werden." - So die Erfahrung von Dr. Franz Zdrahal, Leiter des mobilen Hospiz der Caritas.

Auch Dr. Brigitte Jurik-Cihak, Ärztin des Caritas socialis Hospiz Rennweg, äußert Kritik am leider immer noch üblichen Umgang mit Schwerkranken: "Man glaubt nicht, wie alleingelassen und gequält, oft nur halbherzig therapiert die Leute zu uns kommen. Der Tod, den die Leute bis sie zu uns kommen schon gestorben sind, ist oft grausam."

Übereinstimmung herrscht bei jenen, die im Umgang mit Sterbenden vertraut sind: Wenn die "Rundum-Betreuung" angefangen hat, das heißt eine gute körperliche Symptomenkontrolle und die entsprechende psychosoziale Stützung, dann tritt die Frage nach Sterbehilfe praktisch nicht mehr auf. Auch für OA Dr. Michaela Werni-Kourik, Leiterin der Hospizstation des Geriatriezentrums am Wienerwald steht fest: "Eine effiziente Schmerztherapie und palliativmedizinische Betreuung, verbunden mit psychologischer Hilfestellung und seelsorgerischer Begleitung, gewährleisten für den Betroffenen ein Leben in Würde bis zuletzt." 96 Prozent der Hospizpatienten sind nahezu schmerzfrei oder haben erträgliche Schmerzen.

Werni-Kourik: "Für die meisten Patienten im Hospiz erscheint das Leben mit einer todbringenden Erkrankung bis zum letzen Tag lebenswert." Ein ganz wesentlicher Punkt im Umgang mit todkranken Menschen ist, ihre Würde zu erhalten und ihnen zu signalisieren, dass sie ernstgenommen, nicht allein gelassen werden. Hierzu gehört auch, dass der Patient bis zum Schluss über seine Therapie mit entscheidet. Meist geht es bei unheilbar kranken Karzinompatienten um Fragen nach Fortsetzung einer Infusions-oder Ernährungstherapie, das Setzen einer PEG-Sonde, Verabreichung von Transfusionen, Radio- oder Chemotherapie.
"Der Patient hat selbstverständlich das Recht, eine Behandlung anzunehmen oder abzulehnen." so Werni-Kourek.

Zdrahal: "Voraussetzung, um Entscheidungen treffen zu können, ist die geeignete Information des Patienten." Zdrahal sieht hier die Schwierigkeit vor allem in der Arzt-Patienten-Beziehung: "Der Arzt hat natürlich eine persönliche Meinung darüber, was in seinen Augen das Beste für den Patienten ist. Er muss allerdings akzeptieren, dass der Patient anders entscheidet und dann gemeinsam mit diesem nach einer für alle akzeptablen Alternative suchen."

Dr. Günther Linemayr, Internist und Psychoonkologe, spricht ein heikles Thema an: "Die Grenzen zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe verfließen oft. Wenn es aber vorangig um das Sterben geht und die Symptomenkontrolle zweitrangig wird, dann ist das für mich aktive Sterbehilfe - und eindeutig Mord."

In einem Punkt sind die Mediziner einig: Sterben muss zugelassen werden können. Werni-Kourek: "Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase adäquat betreut sind, mit ihren Wünschen und Ängsten nicht allein gelassen werden und deren physische und psychische Schmer- zen erträglich sind, verlangen nicht nach aktiver Sterbehilfe. Die Legalisierung der Euthanasie wäre eine Bankrotterklärung an die Palliativmedizin."

Denn: "In Österreich ist die Palliativmedizin bisher ein ausgeblendetes Feld. Seit dem Vorjahr gibt es für Ärzte einen einjährigen Palliativlehrgang, veranstaltet von der Österreichischen Palliativgesellschaft und der Ärztekammer für Wien. Anzustreben wäre ein Diplom 'Palliativmedizin', um endlich auch in Österreich eine standardisierte Weiterbildung anzubieten."

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben