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Allgemeinmedizin 12. Juli 2005

Das Alter als sexuell bewegte Zeit

"Auch das Alter kann eine sexuell bewegte Zeit sein. Der Eros kann als Entfaltungsprozess bis ins hohe Alter, ja bis zur letzten Lebensminute reichen", betont Prof. Dr. Leopold Rosenmayer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Alterforschung, Wien.

Wenig gute Studiendaten

Sexualität im Alter spiegelt sich in wenig verändertem Maße in Träumen und Phantasien wider, wird aber vom Gesundheitszustand beeinflusst: kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen haben Auswirkungen auf das Sexualleben älterer Menschen. Die Abwertung der Alterssexualität durch junge Menschen und ist im Abnehmen begriffen. Es wird vielfach akzeptiert, dass auch Witwen und Witwer eine neues Leben beginnen - auch von den eigenen Kindern! Allerdings gibt es in Europa ein starkes Nord-Südgefälle in der Akzeptanz der Alterssexualität.

Laut Rosenmayer gibt es kaum echte epidemiologische Untersuchungen, da die meisten ihre Ergebnisse nicht aus echten Stichproben, sondern aus der Befragung Freiwilliger beziehen. Es gäbe aber doch eine Reihe von Kohortenstudien: 60 bis 90 Prozent aller Männer zwischen 60 und 70 bezeichnen sich selbst als sexuell aktiv, bei den über 70-Jährigen sind es zwischen 48 und 79 Prozent. Bei den Daten der über 60- bis 70-jährigen Frauen gibt es große Unterschiede zwischen den USA und Deutschland: 70 bis 90 Prozent der amerikanischen Frauen geben an, sexuell aktiv zu sein, hingegen nur 45 bis 55 Prozent der deutschen Frauen. Bei den über 70-jährigen Frauen sind es in den USA an die 50 Prozent, in Deutschland jedoch weniger als 10 Prozent.

Frauen akzeptieren eher Verlust des Partners

"Bei Frauen sind diese niedrigeren Zahlen auch durch Partnerverlust bedingt. Frauen sind eher bereit, Verluste zu akzeptieren, und suchen sich eher keinen neuen Partner", kommentiert Rosenmayer, ist aber überzeugt, dass sich das in Zukunft vermehrt ändern wird. Und weiter: "Vergleicht man Unfragen aus den 70er- Jahren mit solchen aus den 90ern ist ein Zuwachs an positiver Einstellung zur Sexualität zu bemerken. Auch sind die heute 70-Jährigen etwa so aktiv wie die 50-Jährigen vor 40 Jahren."

Ersatzhandlungen für Liebe und Sex

An potenzielle Ersatzhandlungen für Liebe und Sex bei älteren Menschen sind Überernährung, Konsumrausch, stark affektiv besetzte Hobbies oder Sammlertätigkeiten und Überarbeitung bekannt. Häufiges Phänomen sei auch die so genannte "Triangulierung": das Aufopfern für Dritte, etwa das intensive Kümmern um Enkelkinder oder Kinder kann Ersatz für Zuwendung zum eigenen Partner sein und eine Partnerschaft beeinträchtigen.
Ein weiteres Phänomen in alten Partnerschaften nennt Rosenmayer: "Jeder erwartet vom andern, dass dieser einen Schritt zu mehr Nähe tut." Aber auch Partnerschaftskrisen sind potenzielle Erfüllungschancen, "bei einer lösungsorientierten Grundhaltung", betont Rosenmayer.

Das bedeutet, dass entschieden werden muss, inwieweit Seitensprünge oder eine Nebenbeziehung geduldet werden oder ob nach einer Scheidung eine Beziehung mit einem neuen Partner versucht wird. "Im Gegensatz zu der von Sigmund Freud vertretenen Ansicht, dass jemand über 50 nicht mehr für eine Psychotherapie in Frage kommt, gibt es heute dokumentierte Erfolge in Einzel- oder Paartherapien auch bei über 60-Jährigen”, weiß Rosenmayer.

Sexualität im Alter ist gekennzeichnet durch Verluste, aber auch durch Gewinne: Auf der Verlustseite seien Defizite des Organismus, ästhetische Verluste, belastende Erinnerungen und Versagensängste zu verzeichnen, als Gewinn können mehr Einsicht in Komplexitäten, ein Offensein für Andersartigkeit, mehr Leidensfähigkeit und Vertiefung der Lustkompetenz gewertet werden. Kohortenstudien zeigten auch, dass viele Alte sich nicht mehr für liebens- oder begehrenswert halten.
Rosenmayer dazu: "Wir wollen dafür geliebt werden, wofür wir uns selbst liebenswert finden - aber wofür wir uns selbst lieben, ändert sich auch im Lauf des Lebens!" Und weiter: "Den Stereotypen, dass man im Alter nur mehr abbauen kann, versteinert und zwanghaft wird, muss auch von Ärzten entschieden entgegengetreten werden!”

Vortrag im Rahmen des Menopausenkongresses in Wien, 11.-13.Okt. 2001

Dr. Irene Lachawitz, Ärzte Woche 38/2001

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