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Allgemeinmedizin 12. Juli 2005

"Kollektives Versagen der Medizin"

Niederschmetternde Erkenntnis: Seit 1995 hat sich in Europa nicht einmal der ungesunde Lebensstil von bereits Herzkranken zum Besseren verändert. Im Gegenteil. "Die neue 'Euroaspire-Studie' hat ergeben, dass die Patienten im Vergleich von 1995/1996 zu 1999/2000 vor allem noch dicker geworden sind. Fettsucht dürfte die Seuche unserer Tage werden. Die an der wissenschaftlichen Untersuchung beteiligten Experten sind durch diese Ergebnisse ernüchtert", erklärte dazu Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien.

Übergewicht, Bluthochruck, zu hohe Cholesterinspiegel im Blut und Rauchen sind die größten Risikofaktoren für das Entstehen von Herzerkrankungen, insbesondere des Herzinfarkts. Gesunde sollten diese Faktoren im Griff haben.

Umso mehr müssten aber Menschen, die bereits eine Verkalkung der Herzkranzgefäße haben (koronare Herzkrankheit) diese Gefährdungsmomente bekämpfen.

Ob sich hier etwas geändert hat, wollten die Wissenschafter mit den beiden Euroaspire-Studien der Jahre 1995/96 und 1999/2000 untersuchen. An der ersten Erhebung nahmen 3.569 Patienten teil, an der zweiten 3.379 Kranke. Die Patienten stammten aus Tschechien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, den Niederlanden, Slowenien und Spanien. Dabei wurden jeweils die genannten Risikofaktoren erhoben und die Werte verglichen. Die durchaus negativ zu bewertenden Ergebnisse:

  • 1995/96 rauchten 19,4 Prozent der Herzpatienten, 1999/2000 waren es 20,8 Prozent.
  • Der Anteil der krankhaft dicken Personen unter den Herz- patienten stieg von 25,3 Prozent auf 32,8 Prozent.
  • Mit 55,4 Prozent bzw. 53,9 Prozent an dokumentiertem Bluthochdruck änderte sich bei der Hypertonie unter den Herzkranken nichts.

Allerdings nahm der Anteil der Personen mit erhöhten Cholesterinwerten von 86,2 auf 58,8 Prozent ab.

Insgesamt wurden bei der zweiten Erhebung (1999/2000) mehr Arzneimittel eingenommen.

Dazu schrieben die beteiligten Wissenschafter vor kurzem in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" (31. März): "Es gibt ein kollektives Versagen der Medizin in Europa bei der Nutzung des erheblichen Potenzials zur Verhinderung des neuerlichen Auftretens von Herzkrankheiten bzw. zur Vermeidung von Todesfällen bei Herzpatienten."

Kunze: "Wir müssen den Lebensstil der Menschen verändern. Das geht nicht zwischen ‘Tür und Angel’. Im Akutspital ist dazu keine Zeit. Der Allgemeinmediziner ist auch oft überlastet. Wir brauchen Lebensstil-medizinische Zentren oder Abteilungen." Mit dem bloß häufigeren Verschreiben von Arzneimitteln sei es nicht getan.

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