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Allgemeinmedizin 11. Juli 2005

Alle Jahre wieder: an Borreliose denken

Wir befragten Prof. Dr. Fritz Gschnait, Vorstand der Hautabteilung und ärztlicher Direktor im Krankenhaus der Stadt Wien-Lainz, zur Borreliose, die ein sehr variables klinisches Bild hervorruft und damit mehrere Disziplinen der Medizin beschäftigt. Die Haut ist fast immer betroffen.

Ärztewoche: Führt jeder Biss einer mit Borrelia burgdorferi infizierten Zecke zur Erkrankung?

Gschnait: Nein. In einer deutschen Studie an 91 Menschen, die durch 105 Zecken gebissen wurden, von denen man wusste, dass sie mit Borrelia burgdorferi infiziert sind, erkrankte nur eine Person manifest, bei 27 trat eine Serokonversion als serologischer Beweis einer subklinischen Infektion auf.
Es wurde die Übertragung von Borrelien auf den Menschen auch durch bestimmte Fliegen und Moskitos beschrieben. Derartige Transmissionen dürften aber sehr selten sein.

Ärztewoche: Was kann man tun, um die Infektion zu verhindern?

Gschnait: Grundsätzlich sollten sich beruflich exponierte Personen, zum Beispiel Jäger oder Waldarbeiter mit entsprechender Kleidung schützen. Da bekannt ist, dass die Infektionshäufigkeit mit der Dauer des Zeckenbefalles zunimmt, ist es zielführend, die Zecke so bald wie möglich, am besten innerhalb der ersten Stunde nach dem Befall zu entfernen. Es ist also sinnvoll, sich unmittelbar nach Ausflügen in den Wald abzusuchen.

Ärztewoche: Welche Symptome macht die Lyme-Borreliose an der Haut?

Gschnait: An der Haut können drei verschiedene Dermatosen auftreten und zwar das Erythema migrans, das Lymphocytom und die Acrodermatitis chronica atrophicans.

Ärztewoche: Bei welchen Hautsymptomen soll man auch an die Borreliose denken?

Gschnait: Die Differentialdiagnosen sind zahlreich und erfordern viel dermatologische Erfahrung. Das Erythema migrans ist von banalen zum Beispiel Insektenstichreaktioen, Granuloma anulare, Erysipel, Pilzinfektionen, fixen Arzneiexanthemen und dem Erythema multiforme abzugrenzen.
Lymphocytome können verwechselt werden mit der Hautsarkoidose, dem Lupus erythematosus und dem Granuloma eosinophilicum faciei. Die Acrodermatitis chronica atrophicans wird sehr leicht übersehen und vor allem mit chronisch venöser Insuffizienz, Stauungsdermatitis an den Beinen oder Kälteschäden verwechselt. Livide Verfärbungen vor allem an den Extremitäten sollten immer auch an die Borreliose denken lassen.

Ärztewoche: Welche Organe können bei Borreliose betroffen sein?

Gschnait: Vor allem das Nervensystem, die Gelenke, das Herz und das Auge. Das Gehirn kann in Form einer Meningitis, cranialen Neuritis und Radiculoneuritis erkranken. Unspezifische Zeichen wie mildes Fieber unbekannter Genese, Kopfschmerzen, leichte Nackensteifigkeit können an Borreliose denken lassen. Sind periphere Nerven betroffen kommt es am häufigsten zur Lähmung von Hirnnerven mit Ptose der Augenlider, Schielen infolge Augenmuskellähmungen und radikulären Schmerzen.
Die Gelenksmanifestationen umfassen Episoden von Arthralgien, die nicht immer das gleiche Gelenk betreffen und Muskelschmerzen. Meist ist der Befall asymmetrisch an den großen Gelenken, am häufigsten ist das Kniegelenk betroffen.
Am Herzen kommen AV-Blocks, Rhythmusstörungen, Myo- und Pericarditis vor. Am Auge wurden unter anderem Conjunktivitis, Keratitis, Iritis, Iridocyclitis beobachtet.

Ärztewoche: Wie kann man die Borreliose einfach und sicher in der Praxis diagnostizieren?

Gschnait: Die endgültige Diagnose der Erkrankung wird in der Praxis nicht immer möglich sein. Wichtig ist, dass man an dieses komplexe Krankheitsbild denkt und weitere fachärztliche Untersuchungen veranlasst. Im Labor können sich unter Umständen eine leicht erhöhte Senkung, abnorme Leberfunktionsproben, ein erhöhtes IgM und zirkulierende Immunkomplexe zeigen. Für die Diagnose sind auch serologische Methoden hilfreich, allerdings sind auch diese Resultate mit Vorsicht zu interpretieren.

Ärztewoche: Wie sicher sind die serologischen Verfahren für die Diagnose?

Gschnait: Leider kommen sowohl falsch positive als auch falsch negative Resultate vor. Außerdem können Anti-Borellien - IgG-Antikörper auch bei asymtomatischen Personen vorkommen. Die Serologie sollte daher die klinische Diagnose nur unterstützen. Ein positiver Antikörpertiter alleine sagt jedenfalls nichts über eine aktuelle Erkrankung aus und es sollten zumindest zwei Untersuchungen vorgenommen und der Nachweis der Titererhöhung geführt werden. Serologische Untersuchungen fallen bei Erythema migrans bei Verwendung der ELISA Technik nur in 20 bis 50 Prozent positiv aus, bei Acrodermatitis chronica finden sich praktisch in 100% der Patienten Antikörper. Als Bestätigungstest kann eine western-blot Untersuchung in klinisch bedeutsamen Fällen durchgeführt werden.
Eine Hautbiopsie mit nachfolgendem Erregernachweis ist grundsätzlich möglich, in den meisten Fällen, die klinisch und/oder serologisch erkannt werden können allerdings entbehrlich und wird nur in bestimmten Zentren durchgeführt.

Ärztewoche: Wie behandelt man die Lyme-Borreliose?

Gschnait: Bei frühen Formen genügen Doxycyclin, Ampicillin oder Cefuroxim per os für 3 Wochen. Spätere Stadien sollen intravenös für 3 bis 4 Wochen behandelt werden. Als Mittel der Wahl wird Ceftriaxon (2 g/die) angesehen. Chronische Organmanifestationen kann man mit auch hoch dosiertem Penizillin, 4x5 Millionen Einheiten täglich, therapieren. Bei Gelenksbefall werden auch symptomatisch Corticosteroide oder nicht steroidale Antiphlogistica gegeben. Eine prophylaktische Antibiotikabehandlung nach Zeckenbiss ist nicht angezeigt. Eine aktive Impfung könnte künftig zur Verfügung stehen.

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