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Allgemeinmedizin 2. Jänner 2015

Kommunikation mit Patienten

Der Arzt wirkt immer

Ein Medikament kann man zur Not absetzen, einen Arzt nicht. Aber um die richtige Wirkung zu erzielen, kommt es auf gute Kommunikation mit dem Patienten an. Und die ist manchmal gar nicht so leicht.

In einer "arte"-Fernseh-Dokumentation über den Placebo-Effekt wurde ein spannendes Experiment vorgestellt. Ein Arzt gab seinem Asthma-Patienten einmal ein Placebo und einmal ein tatsächliches Medikament. Erwartungsgemäß nahmen die Asthma-Anfälle zu, wenn das Placebo verabreicht wurde, und die Zahl der Anfälle nahm ab, wenn der Patient den tatsächlichen Wirkstoff einnahm. Was der Arzt aber nicht wusste und erst am Schluss des Experimentes erfuhr: Er hatte stets ausschließlich Placebos verabreicht. Schon die unbewusste Kommunikation zwischen Arzt und Patient hat also einen Effekt. Es reichte, dass der Arzt glaubte, ein wirksames Medikament zu verabreichen. Mit anderen Worten: Kommunikation braucht Haltung, beziehungsweise: Das Medikament ist der Arzt.

Der Arzt erzielt immer eine Wirkung

Natürlich, ein selbstsicher verabreichtes Placebo ist keine wirkliche Therapie. Und mit Zuckerpillen anstelle moderner Wirkstoffe wird sich der Erfolg bei vielen Krankheiten nicht einstellen. Wichtig ist jedoch die Authentizität und das Verständnis für einen einfachen Wirkmechanismus: Der Arzt, die Ärztin wirkt immer. Ein Medikament kann man zur Not noch absetzen, einen Arzt indessen nicht. Er wird gebraucht. Selbst wenn der Patient den Arzt wechselt, dann wirkt eben ein anderer.

In seinem Vortrag erinnerte der Allgemeinmediziner Prof. Ulrich Schwante auf der Tagung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zur Patientenkommunikation an einen Satz aus der Gründungsschrift der American Medical Association von 1847. Dort heißt es: "Das Leben eines Kranken kann nicht nur durch die Handlungen eines Arztes verkürzt werden, sondern auch durch seine Worte oder sein Verhalten." Stets solle sich darum der Arzt fragen: Verstehe ich die Wünsche meines Patienten? Akzeptiere ich ihn wirklich? Höre ich ihm wirklich zu?, so Schwantes.

Also hängt viel daran, dass Ärztinnen und Ärzte sich selbst immer wieder überprüfen: Mit welcher Haltung gehe ich an meine Patienten heran? Wie wirke ich so oder so auf meine Patienten ein? Diese Frage wäre, wenn man das Placebo-Experiment bedenkt, sicher ein interessantes Forschungsfeld für jeden Arzt - und seine Patienten. Denn - wie gesagt - jede Haltung wirkt.

Denn wer als Arzt die Technik etwa des Shared Decision Making bestens beherrscht, hat noch nichts gewonnen, wenn er nicht auch wirklich dahinter steht, sich für seine Patienten interessiert, ihre Meinung schätzt und neugierig bleibt auf den Weg, den die Patienten mit ihrer Krankheit einschlagen wollen. Wie sehr die Haltung des Arztes nicht nur auf seine Patienten, sondern auch auf ihn selbst wirkt, zeigt die Diskussion um den Zeitmangel in der Praxis.

Unterbrechung im Schnitt nach zehn Sekunden

Auf der Fachtagung der KBV zur Patientenkommunikation präsentierte Schwantes interessante Zahlen. Nach seinen Untersuchungen sprechen Patienten im Schnitt 90 Sekunden, wenn sie nicht unterbrochen werden. Allerdings unterbricht der Arzt den Patienten im Schnitt nach zehn bis 20 Sekunden. Zugleich überschätzen die Kolleginnen und Kollegen die Zeit, die sie mit ihren Patienten mit Erklärungen und Gespräch zu bringen, dramatisch, und zwar um 900 Prozent, hat Schwantes festgestellt.

In Berliner Praxen zählte Schwantes, dass von 501 untersuchten Gesprächen nur eine Handvoll länger als 150 Sekunden und nur zwei aus der Stichprobe genau zehn Minuten oder länger gedauert haben. Beide "Ausreißer" waren Folgegespräche, etwa mit einer 69-jährigen Patientin, die an einer multiplen Erkrankung litt.

Quintessenz: Möglicherweise findet die Zeitnot wegen "zu langer" Patientengespräche vor allem in der subjektiven Wahrnehmung der Mediziner statt. Dass sich dieser innere Stress auch auf ihre Haltung auswirkt, ist naheliegend. Und diese Haltung wirkt - und zwar nicht nur auf den Patienten, sondern auch auf den Arzt selber.

 

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