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© sandrine chevalier / fotolia.com
Hitzeempfindliche Inhaltsstoffe der Rohmilch sollen entzündungshemmende Effekte haben.
 
Allgemeinmedizin 3. November 2014

Roh macht den Unterschied

Gegen Atemwegsinfekte und Mittelohrentzündung scheinen Inhaltsstoffe der Rohmilch zu schützen.

Säuglinge, die rohe Kuhmilch bekommen, werden seltener krank als H-Milch-Trinker, wie eine europäische Studie zeigt. Die Forscher plädieren für neue Verfahren bei der Milchproduktion, um schützende Inhaltsstoffe zu bewahren.

Rohe Kuhmilch schützt Kinder vor Atemwegsinfekten, Fieber und Mittelohrentzündung. Das zeigt eine europaweite Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Erika von Mutius, Professorin für Pädiatrische Allergologie an der Ludwig Maximilian Universität München (LMU) und Leiterin der Asthma- und Allergieambulanz am Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU. Da Rohmilch jedoch auch krankmachende Mikroorganismen enthalten kann und ihr Verzehr daher ein hohes gesundheitliches Risiko birgt, plädieren die Forscher für neue schonende industrielle Verfahren, bei denen die schützenden Inhaltsstoffe der unbehandelten Milch erhalten bleiben.

Im Rahmen der Langzeitstudie PASTURE hielten rund 1.000 Mütter Ernährung und Gesundheit ihres Kindes bis zum ersten Lebensjahr wöchentlich fest. „Kinder, die unbehandelte Kuhmilch tranken, hatten ein deutlich niedrigeres Risiko für Schnupfen, Atemwegsinfekte, Fieber und Mittelohrentzündungen als Kinder, die kommerziell hoch erhitzte Milch tranken“, sagt Dr. Georg Loss vom Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU und Erstautor der Publikation. Ihr Risiko, etwa an Atemwegsinfektionen zu erkranken, sank um bis zu 30 Prozent. Dieser Effekt schwächte sich etwas ab, wenn die Milch von den Eltern erwärmt wurde. Pasteurisierte Milch, die industriell erhitzt wird, schützte noch vor fieberhaften Erkrankungen, während dieser Effekt bei H-Milch gar nicht mehr bestand. Die Ergebnisse sind der Studie zufolge unabhängig von anderen möglichen Einflussfaktoren wie der Ernährung der Kinder.

Schutz im Blut nachweisbar

„Die unterschiedlich schützenden Effekte der Milchtypen beruhen vermutlich auf bestimmten hitzeempfindlichen Inhaltsstoffen der Milch. Vor allem bei Atemwegsinfekten und Mittelohrentzündung scheinen Inhaltsstoffe, die in Rohmilch vorkommen, aber nicht in erhitzter Milch, eine tragende Rolle zu spielen“, sagt Loss. Im Alter von zwölf Monaten wurde den Kindern Blut abgenommen, das immunologisch untersucht wurde. Säuglinge, die Rohmilch tranken, hatten niedrigere Normalwerte des Entzündungsparameters CRP. „Höhere Entzündungswerte hängen mit der Entwicklung chronischer Erkrankungen wie Asthma und Übergewicht zusammen, wie aus anderen Studien bekannt ist. Der Konsum von Rohmilch könnte also das Risiko senken, später an Asthma zu erkranken“, sagt Loss.

Die Zusammensetzung von Kuh- und Muttermilch ist in vielen Aspekten sehr ähnlich. Darüber hinaus ist schon länger bekannt, dass Stillen Kinder vor Infektionen schützt. Die Mechanismen, wie Mutter- oder Kuhmilch das Immunsystem des Kindes beeinflussen, um vor Infektionen zu schützen, sind noch ungeklärt. Möglich ist zum Beispiel, dass Inhaltsstoffe direkt mit Viren agieren oder dass sie einen Einfluss auf die Darmflora haben, wodurch sich das Immunsystem positiv entwickelt. Die Gabe von Kuhmilch ist heute umstritten, weil Säuglinge und Kleinkinder auch allergisch darauf reagieren können. In der PASTURE-Studie hatten bis zum ersten Geburtstag nur zwei Prozent aller Kinder Allergien auf Kuhmilch oder andere Nahrungsmittel.

An der Studie nahmen Frauen aus ländlichen Regionen in Bayern, Finnland, Frankreich, der Schweiz und Österreich teil, etwa die Hälfte lebt auf Bauernhöfen. Ihre Kinder werden bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wissenschaftlich begleitet, um die Umwelteffekte bei der Entstehung von Asthma und Allergien zu untersuchen. Auch die Ernährung der Mütter während der Schwangerschaft wurde berücksichtigt.


Originalpublikation: Loss et al. Journal of Allergy and Clinical Immunology 2014; DOI: 10.1016/j.jaci.2014.08.044

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