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Dr. Walter Fiala, Vorstandsmitglied der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin
 
Allgemeinmedizin 24. Oktober 2014

Jugendliche als Partner gewinnen

Kongress für Allgemeinmedizin stellt heuer Jahr junge Patienten in den Mittelpunkt.

„Der jugendliche Patient in der Allgemeinpraxis“ ist Schwerpunktthema des diesjährigen Kongresses für Allgemeinmedizin in Graz – Kongressleiter Dr. Walter Fiala sprach darüber mit der Ärzte Woche.

Nachdem im Vorjahr der ältere Mensch das Schwerpunktthema beim Kongress für Allgemeinmedizin war, wird heuer der jugendliche Patient im Mittelpunkt der Vorträge stehen. Nun werden Jugendliche eher einen geringen Prozentsatz der Patientenklientel beim Allgemeinmediziner ausmachen. Wieso wurde gerade diese Altersgruppe zum Thema gemacht? Und mit welchen Problemen kommen Jugendliche in die allgemeinmedizinische Praxis?

Fiala: Sicherlich zählen Jugendliche nicht zum Hauptklientel einer Allgemeinpraxis, doch aus diesen Jugendlichen werden auch einmal die älteren Patienten der Zukunft und je besser der „Ersteinstieg“ beim Arzt des Vertrauens ist, desto effektiver wird die vielleicht lebenslange Partnerschaft. Meist werden wir wegen akuter Beschwerden aufgesucht und da ist es Aufgabe, die Jugendlichen als Partner zu gewinnen und auch zu spüren, welche Erkrankungen oder Nöte sich hinter akuten und oft scheinbar banalen Beschwerden verbergen können.

Welche besonderen Fähigkeiten muss der niedergelassene Allgemeinmediziner auf dem Gebiet Jugendheilkunde haben?

Fiala: Am Wichtigsten ist psychosoziale Kompetenz, das Annehmen des Jugendlichen als vollwertiges Wesen, das Verständnis für Nöte und Ängste.

Rauchen ist gerade in Österreich trotz aller Kampagnen bei den Jugendlichen im Vormarsch. Was macht unsere Gesellschaft falsch und wie können Ärzte dieses Thema besser bei ihren jungen Patienten in den Fokus rücken?

Fiala: Rückgratlose Politiker, denen die Lobbys von Wirtschaftlern im Nacken sitzen und die wiedergewählt werden wollen, sind nicht imstande, Gesetze zu erlassen, die bereits auf der ganzen Welt gelten und problemlos exekutiert werden. Gerade in der Jugendszene gehört das strikteste Rauchverbot erlassen, da hier die Schiene zur Sucht gelegt wird. Ärzte sind nach meiner Beobachtung im Nichtrauchen beispielgebend, jedoch kann das Problem nur über ein generelles öffentliches Rauchverbot gelöst werden. Alle meine Kollegen, die bis zum 50. Lebensjahr um die 40 Zigaretten pro Tag geraucht haben, sind mit circa 60 Jahren am Lungenkarzinom verstorben.

„Jugend sucht Genuss“ bzw. „Verhaltenssüchte bei Jugendlichen“ lauten die Themen zweier Vorträge. Sind die heutigen Jugendlichen wirklich genussorientierter als die Altvorderen oder ist das nicht doch ein altes Generationenklischee?

Fiala: Ohne Zweifel befinden wir uns in einer „Spaß- und Genussgesellschaft“, besonders die Jugendlichen. Jedoch muss man sich vor Augen halten, wer an dieser „Suchtgesellschaft“ interessiert ist und wer daran verdient. Wer veranstaltet Events,, betreibt Discos und ähnliche Lokale, stellt Alkohol, Nikotin und Drogen her, bewirbt und vertreibt sie? Doch nicht Jugendliche! Die werden ausgenommen wie die Weihnachtsgänse und merken es nicht. Und der Politik ist dies nur recht, denn so hat man eine Klientel vor sich, die sich keine Gedanken über die Zukunft macht und Politiker können jeden Unsinn als bare Münze verkaufen (siehe neues Gesundheitskonzept).

Der Festvortrag heißt: „Das Gehirn des Jugendlichen – Schicksal und Chance.“ Ist es nur fehlende Erfahrung, die das jugendliche Hirn vom Erwachsenen unterscheidet?

Fiala: Dass unser Gehirn sich ständig verändert, umbaut und dazulernt, ist inzwischen schon Allgemeinwissen. Eine der wichtigsten Funktionen, die psychosoziale Kompetenz, die Emotion, die Zuwendung oder Aggression soll sich gerade beim Jugendlichen in diesem Alter im Stirnhirn entwickeln. Dieses Wachstum des Stirnhirns wird jedoch messbar durch zu intensivem Umgang mit digitalen Medien gehemmt. Nur durch das Vorleben der sogenannten erwachsenen Gesellschaft, können diese Fähigkeiten entwickelt werden. Und dies lässt massiv zu wünschen übrig.

Was erwarten Sie von der neuen Gesundheitsministerin bzw. was wünschen Sie sich von ihr für die Allgemeinmediziner?

Fiala:Wünschen kann man viel, aber in den erstarrten Strukturen unseres beamteten Gesundheitssystems könnte auch ein kluger Kopf nichts ausrichten. Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, (der letzte Allgemeinmediziner das Handtuch wirft), werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann (dass man gute Medizin nur mit einer optimalen Basisversorgung garantieren kann).

Ministerin Oberhauser favorisiert das Modell der Primärversorgungszentren, vor allem in Hinblick auf die Entlastung der Spitalsambulanzen. Was halten Sie davon?

Fiala: Von wem fordert sie das? Und was sind Primärversorgungszentren? Betriebe für Allgemeinmedizin? Freie Niederlassung, freie Zusammenschlüsse von Ärzten zu eigenen Zentren, Selbstbeteiligung der Patienten, betriebswirtschaftliche Honorargestaltung und dann hätten wir die meisten Probleme gelöst.

In Vorarlberg gibt es seit Kurzem fünf Lehrpraxen für Allgemeinmediziner – ein guter Anfang oder ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Fiala: Es gibt in ganz Österreich genug Lehrpraxen, jedoch wurde immer nur ein Bruchteil davon bezahlt. Ich selbst habe an die 30 Ärztinnen und Ärzte ausgebildet und die Hälfte davon selbst bezahlt. Jetzt zaubert man ohne eine Idee der Finanzierung die Turnuslehrpraxis als Rettung für den aussterbenden Landarzt hervor. Die Dauer von sechs Monaten stellt das unterste und nicht zu akzeptierende Limit für so eine Ausbildung dar. International zum Beispiel Belgien und Chile: 36 Monate, Finnland 33, Portugal 30, Australien und Niederlande 24, Kanada 18 und Italien 12 Monate!

Der einheitliche Honorarkatalog für alle Kassen und Bundesländer ist Allgemeinmedizinern seit Langem ein Anliegen. Getan hat sich diesbezüglich noch nichts. Woran liegt es, dass diese Forderung nicht in Angriff genommen wird?

Fiala:Die Bastion der Beamtenburgen wird von den Bünden und Gewerkschaften mit Zähnen und Klauen verteidigt. Es gibt keinen rationalen Grund gegen eine einheitliche Krankenkasse und ein Honorarsystem. Dann müssten zwar tausende Beamte in Pension geschickt werden, aber wie Mike Stronach „hemdsärmelig“ zu sagen pflegte: „Dann können’s wenigstens keinen Schaden mehr anrichten.“

45. Kongress für Allgemeinmedizin

Veranstalter: Steirische Akademie für Allgemeinmedizin

Termin: 27. – 29. November 2014

Ort: Stadthalle Graz

Anmeldung: www.stafam.at

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