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Allgemeinmedizin 4. Juli 2005

Alternative: Nicht rauchen

Etwa 2,3 Millionen Menschen rauchen in Österreich - 1,3 Millionen Männer und 1 Million Frauen - also insgesamt 29 Prozent der Bevölkerung. Innerhalb der Europäischen Union sterben jährlich rund 550.000 Personen an den Folgen des Tabakkonsums. 

Drei Viertel der Raucher wollen aufhören

In Österreich sind es etwa 14.000. Die häufigsten Todesursachen der Raucher sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs - vor allem Lungenkrebs, chronische Bronchitis und obstruktive Atemwegserkrankungen. "Es war hoch an der Zeit, österreichweit eine Initiative zu setzen, um viele RaucherInnen zu erreichen", leitete Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin, die Pressekonferenz "Auf ein Leben ohne Rauch" zum ersten österreichweiten Rauchertherapie-Tag ein. 

Dieser Tag wurde vom Nikotininstitut in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Apothekerkammer, unterstützt von Pharmacia Austria, ins Leben gerufen. Am 17. November 2001 wird in allen österreichischen Apotheken die Möglichkeit bestehen, sich zur Raucherentwöhnung beraten zu lassen und mit einer Nikotinersatztherapie zu beginnen sowie Nicorette®-Produkte gratis zu testen. "Frauen holen nicht nur beim Rauchen auf, sondern auch bei den Folgeerkrankungen. In einzelnen Altersgruppen weist der Lungenkrebs schon höhere Mortalitätsraten als andere Krebsarten auf", warnt Prim. Dr. Wolfgang Popp, "Gesunde Lunge" - Institut für Atemwegs- und Lungenerkrankungen. Prof. Dr. Rudolf Schoberberger vom Institut für Sozialmedizin der Universität Wien: "Eine gemeinsam von der Psychiatrischen Universitätsklinik und dem Institut für Sozialmedizin der Universität Wien durchgeführte Multicenterstudie ergab, dass nahezu drei Viertel aller Raucher im vergangenen Jahr den ernsthaften Wunsch hatten, mit dem Rauchen aufzuhören. Konkrete Angebote in diese Richtung sind daher außerordentlich wichtig."

Aus der erwähnten Studie geht hervor, dass 90 Prozent der 430 diagnostizierten Raucher entsprechend den ICD 10-Kriterien eine Nikotinabhängigkeit aufweisen. Mehr als ein Drittel der Raucher - deutlich mehr Frauen als Männer - gibt an, zur Stressbewältigung zu rauchen. Ein Viertel der Tabakkonsumenten raucht, um die Stimmung zu verbessern, und etwa 20 Prozent greifen wegen Langeweile zur Zigarette. Für 20 Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer stellt Rauchen eine Art "Appetitzügler" dar.

Der Anteil der jugendlichen Raucher steigt nicht nur in Österreich, sondern in den meisten Ländern der Europäischen Union. Auch hier ist besonders bei Mädchen die Tendenz steigend. 

Neugierde und Gefühl des "Erwachsenseins"

"Der Beginn des Rauchens ist von der Neugierde und dem Gefühl des „Erwachsenseins“ geprägt. Da Nikotin jedoch direkt und sehr rasch über Dopaminrezeptoren am so genannten endogenen Suchtzentrum, „Pleasure Highway“, wirkt, kommt es bald zum biologischen Nikotinverlangen", erklärt Prof. Dr. Otto-Michael Lesch von der Universitätsklinik für Psychiatrie, AKH Wien, "Wir konnten in der vorgestellten Studie vier Untergruppen von Nikotinabhängigen definieren. Gemeinsam ist allen Gruppen, dass eine chronische Nikotinvergiftung vorliegt und es daher wichtig, ist den Entzug entsprechend zu behandeln. Es reicht nicht aus die Patienten ruhig zu stellen. In allen Gruppen ist der Nikotinersatz wichtig - die Dopaminrezeptoren müssen ?edient?werden, um Rückfälle zu vermeiden."

Doz. Dr. Ernest Groman, Institut für Sozialmedizin/Nikotininstitut Wien: "Die Erfolge einer Nikotinersatztherapie sind in erster Linie von der ausreichenden Dosierung der Medikation abhängig." Von den verschiedenen Arten der Nikotinersatztherapeutika -

  • Pflaster, 
  • Kaugummi, 
  • Inhalator, 
  • Subligualtablette oder 
  • Nasenspray - ist nur der Nasenspray rezeptpflichtig.

Prinzipiell sollte der Arzt den Patienten die entsprechende Therapie selbst auswählen lassen und nur beratend zur Seite stehen. Wesentlich ist dabei, den Patienten auf die Unterdosierungsproblematik hinzuweisen. Groman: "Jemand, der 20 Zigaretten pro Tag geraucht hat, wird nicht mit einem Kaugummi täglich erfolgreich sein. Die Gefahr der Überdosierung besteht in der Praxis nicht. Sicherheitsprobleme sind bisher keine aufgetreten."

Außerdem sollte der Patient wissen, dass er Geduld braucht: Im Gegensatz zum Zigarettenrauchen, bei dem die Aufnahme der Zigaretteninhaltsstoffe wesentlich schneller erfolgt, tritt die erwartete Wirkung bei Nikotinersatzmedikamenten erst nach etwa 10-15 Minuten ein. Mag. Dr. Christiane Körner, Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer und selbst Mutter eines rauchenden 18-jährigen Sohnes, sieht die Problematik des Rauchens vor allem in unserer Gesellschaft lokalisiert: "Tagtäglich wird uns durch die Werbung vermittelt, wie „cool“, modern und entspannend das Rauchen ist. Vor allem das Vorleben von Eltern und Lehrern spielt eine wesentliche Rolle. Eine Tages möchten dann aber manche doch wieder aufhören: Nun gibt es eine „coole“ Aktion - den Rauchertherapie-Tag: Die ApothekerInnen werden im persönlichen Gespräch mit jedem Einzelnen erörtern, welche individuellen Möglichkeiten es gibt, von der Zigarette ‚loszukommen‘."
Die drei definierten Therapieziele:

  • Abstinenz
  • Reduziertes Rauchen
  • "Craving-Control"-Einsatz 

von Nikotinersatz in Situationen, in denen nicht geraucht werden darf, kann einen ersten Schritt in Richtung Abstinenz bedeuten. 

Vier Gruppen der Nikotinabhängigkeit
  • Biologische Nikotinabhängigkeit: Rauchen erfolgt situationsunabhängig, bei Rückfall: massiver Kontrollverlust, häufig kombiniert mit Alkoholabhängigkeit; Entzug mit Nikotinersatz - langsam über Monate, dann ausschleichen 
  • Coping-Strategie: Nikotin als Konfliktlösungsmittel, Anxiolytikum - Rauchen unter hohem Leistungsdruck, bei Stress, um Situationen besser durchzustehen; Entzug mit Nikotinersatz, dann abhängig von der Persönlichkeit - psychotherapeutisches Angebot
  • Komorbidität mit anderen Erkrankungen: Nikotin als Antidepressivum, Entzug mit Nikotinersatz, dann entsprechende antidepressive Therapie
  • Impulskontrollschwäche: Rauchen bei "gesellschaftlichem Druck" - wenn Aschenbecher am Tisch steht -, Automatismen - "nicht nein sagen können", Entzug mit Nikotinersatz oft über längere Abstinenzphasen notwendig, sowie eventuell Impulskontrolltraining.
Nikotinersatz - Therapie
  • Richtige Dosierung: Nikotinersatz hochdosiert - Gefahr der Unterdosierung
  • Rechtzeitig: kein Aufschub möglich
  • Kombination verschiedener Produkte steigert die Wirkung
  • Therapiedauer: oftmals Nikotinersatz über längere Zeiträume, manchmal über Jahre notwendig

Dr. Myriam Hanna-Klinger, Ärzte Woche 40/2001

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