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Allgemeinmedizin 13. Oktober 2014

Wundversorgung aus dem Wasserhahn

Klares Wasser ist die billigste Alternative zur Wundreinigung. Die Evidenzlage ist aber unklar.

Leitungswasser ist nicht steril, auch wenn es Trinkwasserqualität hat. Das Ausduschen von Wunden hat aber auch Vorteile.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Maßstäbe für Qualität in der Wundversorgung stetig angehoben. Die sterile Wundversorgung ist allgemein anerkannter, gültiger Standard. Leitungswasser ist selbst bei Erfüllung aller Voraussetzungen nicht steril, auch wenn es Trinkwasserqualität hat. Zusätzlicher Schaden etwa durch das Einbringen oder Verschleppen von Keimen in der Wunde oder durch eine mögliche Zytotoxizität können nicht ausgeschlossen werden und machen das Ausduschen von Wunden aus juristischer Sicht bedenklich.

Angesichts des dennoch schon lange praktizierten Ausduschens von Wunden, der unbestrittenen Vorteile und vor allem der erwarteten Kosteneinsparung wird versucht, dies als sichere Alternative zu gewohnten Wundspülprodukten zu etablieren. In Studien vor allem in England, Australien und den USA wurde die Wirkung des Ausduschens mit Leitungswasser gegenüber Spüllösungen auf Wundheilung und Infektionsrate untersucht. Es kam dabei zu durchwegs positiven Ergebnissen, in Reviews wird aber auf methodische Mängel hingewiesen und eine uneingeschränkte Übertragbarkeit in die Praxis meist nicht vorgeschlagen. Weiters bleiben viele Fragen im Setting, in der Übertragbarkeit auf diverse Wundarten, in der Anwendungstechnik und mikrobiologische Fragen offen.

Allgemein kann gesagt werden, dass aufgrund des Dogmas der sterilen Wundversorgung und des Wissens um die Nicht-Sterilität des Leitungswassers zu beweisen wäre, dass dies keinen zusätzlichen Schaden verursacht. Dazu ist die Studienlage wohl noch zu unbefriedigend.

Vorteil der mechanischen Reinigungswirkung

Durch die zeitgemäße Wundversorgung können Produkte angewendet werden, mit denen ein Patient im Sinne der Lebensqualität dennoch duschen kann, ohne dass seine Wunde mit dem Wasser in Berührung kommt. Die meist länger mögliche Verweildauer dieser Verbandsstoffe mit weniger häufig nötigen Verbandswechseln, kombiniert mit neueren konservierten Wundspüllösungen mit langer Haltbarkeit führen ebenso zu einer Kosteneinsparung. Wichtiges Argument für das Ausduschen von Wunden bleibt die mechanische Reinigungswirkung.

Sterilwasserfilter

Eine Möglichkeit den guten Reinigungseffekt bei sicherer Anwendung zu nützen wären Sterilwasserfilter. Bezüglich deren Anwendung, den Umgebungsvoraussetzungen und Kostenerstattungen gibt es jedoch noch nicht viele aufzufindende Daten oder Studien. Stellungnahmen und Standards dazu wären wünschenswert. In der im Juni 2012 erschienenen S3-Leitlinie „Lokaltherapie chronischer Wunden mit den Risiken periphere arterielle Verschlusskrankheit, Diabetes Mellitus, chronische venöse Insuffizienz“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) wird darauf aufmerksam gemacht, dass auch diese Möglichkeit noch nicht sicher als probates Mittel gesehen werden kann.

Bezüglich des Standes der medizinischen Wissenschaft zum Thema Ausduschen von Wunden konnten bei der Recherche durchaus unterschiedliche Angaben gefunden werden. So legt sich das Robert-Koch-Institut wie auch die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene klar fest (kein Ausduschen ohne sterilen Wasserfilter). Der Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ nimmt darauf Bezug. Die Initiative Chronische Wunden (ICW) und das Wundzentrum Hamburg fordern den Einsatz von Sterilwasserfiltern. In drei Leitlinien des AWMF finden sich positive Stellungnahmen zum Ausduschen von Wunden, in der im Juni erschienenen S3-Leitlinie „Lokaltherapie chronischer Wunden mit den Risiken periphere arterielle Verschlusskrankheit, Diabetes Mellitus, chronische venöse Insuffizienz“ konnte kein Konsensus erzielt werden, die Autoren empfehlen das Abwägen der individuellen Wundsituation sowie des individuellen Risikopotentials und das Erfragen der persönlichen Präferenz des Patienten nach Aufklärung über Vor- und Nachteile.

In Krankenhausleitlinien, Fachbüchern und Stellungnahmen von Ärzten und Pflegepersonen finden sich durchaus verschiedene Meinungen- von der Empfehlung bis zum Verbot des Ausduschens von Wunden. Auch diverse Kompromisslösungen werden angeboten. Die in der Wundbehandlung Tätigen müssen sich an die rechtlichen Voraussetzungen wie auch auf Standards und Leitlinien anerkannter Gesellschaften halten können, um zum Wohle der Patienten die besten Entscheidungen – mit zu ihrem Wohle rechtlicher Sicherheit – treffen zu können.

Die Diskrepanz jedoch zwischen den Vorteilen, diversen Studien, den hygienischen Richtlinien, widersprüchlichen Leitlinien/Standards und juristischen Äußerungen wird weiterhin für Verunsicherung bei in der Wundversorgung Tätigen sorgen, wenn kein breiter Konsensus in dieser Frage gefunden werden kann.

Peter Johannes Jäger, DGKP (Wundmanagement), Krankenpflegeverein Bregenz/Vorarlberg.

Der Originalartikel ist erschienen im wmw-Skriptum 9/2014, ©Springer Verlag.

Peter Johannes Jäger, Ärzte Woche 42/2014

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