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© Hans Krist
Prof. Dr. Max Wunderlich, Erster Vorsitzender der MKÖ
 
Allgemeinmedizin 5. September 2014

„Inkontinenz ist ein Leiden – keine Schande!“

Prof. Dr. Max Wunderlich, Vorsitzender der MKÖ, im Gespräch.

Kaum ein anderes medizinisches Problem ist mit so viel Scham und Leid besetzt wie die Inkontinenz. Für kompetente Hilfe gegen unwillkürlichen Harn- und/oder Stuhlverlust ist sowohl fachübergreifende wie auch interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen gefragt. Die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ), engagiert vertreten durch ihren Vorsitzenden Prof. Dr. Max Wunderlich, lässt darüber hinaus nichts unversucht, um die Thematik zu enttabuisieren.

Eigentlich könnte Max Wunderlich längst den wohlverdienten Ruhestand in seinem gemütlichen Heim in Perchtoldsdorf, südlich von Wien genießen. Als er aber infolge eines Missverständnisses vor zwei Jahren Vorsitzender der MKÖ wurde, entwickelte sich die Präsidentschaft für den engagierten, ehemaligen Abteilungsvorstand der Chirurgie bei den Barmherzigen Schwestern in Wien beinahe zum Fulltime Job.

Angetreten war er mit dem Plan, die Gesellschaft zu einer Vernetzungsplattform auf breiter, aber sehr spezieller Basis auszubauen: „Die Inkontinenz ist ein Problem von Urologie, Gynäkologie, Chirurgie, Koloproktologie, Gastroenterologie, Geriatrie. In all diesen Fächern gibt es auch wieder Subgesellschaften wie z. B. die Arbeitsgemeinschaft für Koloproktologie in der Gesellschaft für Chirurgie oder die Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie. Mein Anliegen ist es, die Gesellschaften mehr zu vernetzen, unter anderem durch die Durchführung von gemeinsamen Veranstaltungen. Und das ist im Vorjahr schon ganz konkret mit der Jahrestagung in Linz gelungen.“

Vernetzung in Sachen Inkontinenz fordere fachübergreifende Zusammenarbeit nicht nur im ärztlichen Bereich, sondern auch die aktive Beteiligung von diplomierten Schwestern und Pflegern, aber auch Physiotherapeutinnen mit Spezialisierung auf Beckenbodentraining, wie der Präsident der MKÖ betont.

Umso mehr freut er sich darüber, dass es letztes Jahr erstmalig gelungen sei, eine Akkordierung mit der Gesellschaft der Kontinenz- und Sondenberaterinnen zu erzielen, deren Jahrestagung einen Tag vor jener der MKÖ begann und dann in gemeinsame Fortbildung überging. So kam der Veranstaltung nicht nur ein besonders hoher didaktischer Wert zu, bei der intensiver Erfahrungsaustausch geübt wurde, sondern es ergaben sich zusätzlich ökonomische Vorteile für alle Beteiligten.

Neben der Vernetzung der verschiedenen Disziplinen möchte die MKÖ über die Inkontinenz hinaus andere Probleme in der Beckenregion untersuchen. Als Beispiel aus der Koloproktologie nennt Prof. Wunderlich die Enddarmentleerungsstörungen, eine Spielart der Obstipation. Oder das Thema Schmerz. Unter dem griffigen Titel „Großer Schmerz im kleinen Becken“ werden im Rahmen der heurigen Jahrestagung auch weniger bekannte Schmerzursachen thematisiert, wie die interstitielle Zystitis im Bereich der Blase oder die Pudendus-Neuralgie im Gebiet des Anorektums.

Wunderlich unterstreicht die Tragweite des Themas: „Es geht einerseits um die fassbaren Schmerzen, die ein Substrat haben, andererseits um die nicht fassbaren, die sehr schwer zu behandeln sind, weil man ja die Ursache oft nicht kennt. Dazu werden Vorträge gehalten von Schmerzspezialisten – Ärztinnen und Ärzte – wie auch von Pflegedienst und Physiotherapie. Erstmalig sind heuer, und das ist sehr wichtig, Hebammen mit dabei.“ Denn eines der behandelten Themen sind Schmerzen und Inkontinenzprobleme im Zusammenhang mit der Geburt.

Jeder Zehnte leidet unter Inkontinenz

Dass Inkontinenz kein Randgruppenphänomen ist, belegen drastische Zahlen, nach denen in der westlichen Welt rund zehn Prozent der Bevölkerung von unwillkürlichem Harn- oder Stuhlverlust betroffen sind. In Österreich also etwa 800.000 Menschen, Frauen etwa neunmal so häufig wie Männer. Aber kaum ein anderes Leiden ist derart tabuisiert, sodass die Betroffenen es nach Möglichkeit verschweigen.

Angesichts dieser Zahlen ermuntert Wunderlich die ärztliche Kollegenschaft, Patienten gezielt zu befragen und bekennt darüber hinaus: „Ein großes Anliegen ist mir, das Thema der Inkontinenz unter die Leute zu bringen. Das ist ein schwer lösbares Problem, gegen das wir nun schon seit mehr als zwanzig Jahren ankämpfen. Das Thema ist tabuisiert, die Menschen genieren sich!“

Weil das jedoch kein spezifisch österreichisches, sondern ein weltweit relevantes Phänomen ist, hat die International Continence Society die „World Continence Week“ etabliert. Jährlich in der letzten Juniwoche werden von den Kontinenzgesellschaften in vielen Ländern Veranstaltungen organisiert, um eine breitere Öffentlichkeit über das Thema zu informieren. Zielgruppe sind Laien – sowohl Betroffene als auch deren Angehörige. Der Zustrom zu den heuer im Raum Wien und Umgebung durchgeführten Veranstaltungen war allerdings trotz großen Engagements der Veranstalter enden wollend.

Doppeltes Tabu: Patienten sagen nichts – Ärzte fragen nicht

Wunderlich berichtet: „Wir versuchen, mit Plakaten, Flyern, mit Sensibilisierung in der Gemeinde, mit Inseraten und Artikeln in diversen Zeitungen, die Menschen aufmerksam zu machen, doch diese Informationsveranstaltungen sind trotz aller Publicity sehr schlecht besucht. In kleinen Orten hat man den Eindruck, die Leute fürchten es könnte jemand sehen, dass sie dort hingehen und dann sind sie als inkontinent abgestempelt, was die Leute noch immer für eine Schande halten. Inkontinenz ist ein Leiden, aber keine Schande! Es kann ja keiner was dafür! Aber auch die Veranstaltungen in Wien waren nicht so gut besucht. Das liegt an der Tabuisierung. Es ist zum einen der Patient, der sich nicht outet, sein Leiden verheimlicht und daher unbehandelt bleibt. Das zweite Tabu ist aber jenes der Ärzte, die nicht danach fragen oder die, wenn sie gefragt werden, nicht recht wissen, wohin sie die Patienten schicken sollen und sagen ‚Damit müssen’s halt leben‘. Dazu zählen leider auch Fachärzte. Diese zwei Tabus gilt es zu bekämpfen, und daher hätten wir gerne mehr Ärzte, die uns zuhören und zu Tagungen kommen. Der ärztliche Besuch der Tagungen ist zwar allmählich steigend, aber immer noch viel geringer als der von Pflegediensten und Physiotherapeuten.“

Gezielt sollen also ärztliche Kollegen nicht nur aus den betroffenen Fachbereichen, sondern auch jene aus der allgemeinmedizinischen oder internistischen Praxis mit geriatrischem Interesse motiviert werden, sich in Richtung Inkontinenz fortzubilden und Informationen über die Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten einzuholen und entsprechend weiter zu geben.

Wohin können Betroffene überwiesen werden?

Wunderlich betont: „Unsere profiliertesten Beratungsstellen abgesehen von ein paar sehr spezialisierten Abteilungen sind die KBBZ Kontinenz- und Beckenbodenzentren in Korneuburg, Ried im Innkreis, Wels und Innsbruck. Es wird heuer noch ein Zentrum im AKH in Wien zertifiziert werden, und eines in Linz, die Barmherzigen Schwestern. Und Steyr hat sich für KBBZ interessiert.“

Für die Einrichtung eines solchen Zentrums seien zumindest drei mitarbeitende Fächer Voraussetzung, in der Regel eine gynäkologische, eine urologische und eine chirurgische Abteilung. „Nach Möglichkeit“ ergänzt Wunderlich, „werden noch andere Fächer dazu kooptiert wie z. B. die Radiologie im AKH, weil die Bildgebung sehr wichtig ist, wie der anale Ultraschall um Sphinkterdefekte festzustellen, Neurologie, weil ja sehr viele neurologische Erkrankungen mit Inkontinenz einhergehen, Gastroenterologie, die physikalische Therapie. Die sind da alle beteiligt. Im Idealfall ist es so, dass Patienten in eine solche Spezialambulanz kommen, dort abgeklärt werden mit ihrer Harn- oder Stuhlinkontinenz oder beiden, wenn es eine kombinierte Inkontinenz ist. Diese Fälle werden dann interdisziplinär besprochen. Die Abklärung erfolgt nicht nur durch die Anamnese und die klinische Untersuchung, sondern auch durch zusätzliche apparative Untersuchungen. Dann wird mit den Patienten ein Therapieplan entworfen. Hier steht in der Regel die konservative Therapie an erster Stelle. Patienten mit Harninkontinenz müssen z. B. ein Miktionstagebuch führen, damit man sieht, wie oft sie inkontinent sind, wann sie Flüssigkeit zu sich nehmen, wie oft sie zur Toilette gehen müssen. Dann werden die Patienten von erfahrenen Physiotherapeutinnen im KBBZ lernen, ihren Beckenboden durch Beckenbodentraining zu stärken. Nur wenn die konservative Therapie versagt, zu der auch medikamentöse Unterstützung gehört, kann man an operative Eingriffe denken.“

Eine detaillierte und umfassende Übersicht über die Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten findet sich auf der Homepage der MKÖ unter www.kontinenzgesellschaft.at.

Das Gespräch führte Dr. Claudia Mainau

Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ)

Die MKÖ ist ein gemeinnütziger Verein, der seit dem Gründungsjahr 1990 gegen Harn- und Stuhlinkontinenz kämpft, unter denen rund zehn Prozent der Bevölkerung in Österreich leidet. In der Fachgesellschaft sind Spezialisten aus Urologie, Gynäkologie, Chirurgie und Innerer Medizin, aber auch aus den Bereichen Pflege und Physiotherapie vereint.

Der Austausch von aktuellsten Erkenntnissen aus Forschung und Therapie steht im Mittelpunkt der regelmäßig abgehaltenen Jahrestagung der Gesellschaft, die meist im Herbst stattfindet.

Zusätzlich findet jährlich Ende Juni die „Welt Kontinenz Woche“ statt, mit Informationsveranstaltungen in ganz Österreich. Betroffene und deren Angehörige werden darüber hinaus ganzjährig in Seminaren und Vorträgen informiert.

Informationen unter: www.kontinenzgesellschaft.at

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