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© Corinne Baker/MSF
Es geht den MSF-Planern nicht nur darum, neue Gebäude zu errichten, sondern auch daneben den hiesigen Arbeitern Wissen zu vermitteln, das sie später bei der Instandhaltung brauchen.
 
Allgemeinmedizin 2. September 2014

Architekten in der Savanne: Grenzenlos gefinkelt

Wie Architekten bauen, damit Ärzte inmitten eines Krisengebietes keimfrei operieren können.

Wie ein Behandlungszentrum aufgebaut wird, zeigt im September 2014 die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Rahmen der Freilichtausstellung „Hilfe aus nächster Nähe“ am Wiener Karlsplatz. Dabei wird ersichtlich, welcher logistischer Aufwand hinter humanitären Einsätzen dieser Art steckt. Was etwa Architekten in diesem Rahmen leisten, geht bei der Berichterstattung oft unter.

1971 gründete eine kleine Gruppe französischer Ärzte die humanitäre Bewegung Médecins Sans Frontières (MSF), zu Deutsch Ärzte ohne Grenzen, mit der Vision eine Organisation zu schaffen, die sich auf medizinische Nothilfe in Krisengebieten über nationale Grenzen hinweg spezialisiert. Über vierzig Jahre später hat das Thema nicht an Bedeutung verloren, im Gegenteil. Das Netzwerk ist gewachsen und leistet überall auf der Welt Hilfe, wo die Gesundheitsversorgung unzureichend, oder gar zusammengebrochen ist.

Ende September zeigt die Hilfsorganisation nun in zehn Zelten und Holzbauten, wie humanitäre Nothilfe funktioniert – und welch logistische Meisterleistung nötig ist, um solch ein Netzwerk aufzubauen.

Vielfältig Aktivitäten

Neben der medizinischen Nothilfe werden auch Krankenhäuser und Ernährungszentren gebaut, sowie Wasser- und Sanitärprojekte initiiert. Aus diesem Grund ist bei MSF nicht nur medizinisches Personal gefragt. Die Gemeinschaft ist desgleichen auf die Arbeit der vielen Logistiker, Administratoren, Bauingenieure, Architekten und anderer Spezialisten angewiesen, die (wortwörtlich) zuerst das Fundament errichten, bevor das medizinische Personal die ersten Menschenleben retten kann.

Einer von Ihnen ist der Architekt DI Ricardo Baumgarten, der Ende September auch durch die MSF-Ausstellung am Karlsplatz in Wien führen wird. Als der Argentinier Ende 2012 die Arbeit in seinem Linzer Architekturbüro niederlegte, um im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen nach Kenia zu reisen, reagierten Freunde und Verwandte überrascht: „Hast du nebenbei heimlich Medizin studiert?“ fragten sie staunend. Dass hinter den Kulissen ein großer logistischer Aufwand nötig ist, um die mittlerweile mit dem Nobelpreis geehrte Organisation am Laufen zu halten, ist vielen gar nicht bewusst. Bevor der erste Chirurg in einem Krisengebiet das Skalpell zückt, muss zunächst der dafür nötige Operationssaal errichtet werden. In vielen Ländern ist die medizinische Infrastruktur unzureichend, insbesondere in ländlichen Krisengebieten sind die Krankenstationen in der Regel miserabel ausgerüstet – wenn es sie überhaupt gibt.

Nicht nur Zeltlager

Baumgarten war 2013 ein Jahr lang in Kenia und dem Südsudan unterwegs, um vor Ort den Ausbau von vier bestehenden Krankenhäusern von Ärzte ohne Grenzen zu betreuen. Seine Aufgaben reichten von eingehender Analyse, Konzept- und Kostenerstellung, bis hin zur baulichen Umsetzung neuer Krankenstationen für bestehende Einrichtungen. Von Chirurgie- bis zu Geburtenstationen und Laboratorien wurden kleine Pavillons in massiver Bauweise errichtet, um zu ergänzen, was den Krankenhäusern teils völlig fehlte.

Doch nicht immer ist es möglich, permanente Krankenhausbauten zu errichten. MSF unterscheidet drei Arten von Krankenstationen: Temporäre, semipermanente und permanente. Die temporären Stationen bestehen aus Zelten, Semipermanente aus einfachen Holzkonstruktionen, mit – je nachdem was zur Verfügung steht – Blech und Plastik verkleidet, bis hin zu aufwendigen, permanenten Massivbauten mit sehr hohem Standard, wie beispielsweise in Kenia. „Solche Bauten würde man so ähnlich auch im ländlichen Europa finden können“, sagt der Architekt.

Keimfrei in der afrikanischen Savanne

Doch nicht überall kann man auf permanente Krankenstationen zurückgreifen. In Krisengebieten, etwa nach einer Naturkatastrophe, müssen diese erst errichtet werden. „Beispielsweise nach einem Erdbeben ist es aufgrund möglicher Gebäudeschäden selten möglich, gleich wieder in die Krankenhäuser zurückzukehren. Es ist in solchen Fällen oft zweckmäßiger, in wenigen Stunden auf einer Wiese ein Zeltlager aufzubauen“, so Baumgarten. Der Aufbau dieser sechs bis neun Meter langen Zelte ist einfach und unproblematisch. Sie können zu größeren Einheiten miteinander verbunden oder getrennt aufgestellt werden, damit die Schwangeren beispielsweise nicht neben Patienten mit Infektionskrankheiten liegen müssen.

Während bei permanenten Massivbauten hygienische Grundvoraussetzungen einfacher herzustellen sind, ist man bei temporären Zeltlagern vor größere Probleme gestellt. Wenn die tropische Sonne auf das Zeltdach brennt, sind Patienten und Personal tagsüber der Hitze schutzlos ausgeliefert.

Auch Staub und Schmutz sind nur schwierig aus diesen Notunterkünften fern zu halten. Besonders heikel ist das selbstverständlich in einem temporären Operationssaal. Dafür haben die MSF-Techniker eine Lösung gefunden: Damit die heißen Winde Afrikas den Sand nicht bis zum Operationstisch wehen, kommt Hightech ins Spiel, nämlich ein aufblasbares Chirurgie-Zelt aus Kunststoff, das bei Bedarf wie ein Schlauchboot aufgeblasen werden kann. „Einmal aufpumpen, Ventil zu und es steht“, erklärt Baumgarten. Der große Vorteil dabei ist, dass Boden und Wand fugenlos miteinander verbunden sind. Mit Schleuse und Zuluft versehen, kann das Zelt auch belüftet und klimatisiert werden. So kann chirurgische Nothilfe in einem keimfreien Raum selbst mitten in der afrikanischen Savanne geleistet werden.

Auf lokale Ressourcen zurückgreifen

Trotz der technischen Meisterleistungen auf dem Gebiet der temporären Stationen bleibt ein Hauptziel die Errichtung von permanenten Krankenhäusern mit hohem Standard. Doch das kostet Geld – und vor allem Zeit, da die Baumaterialien insbesondere in ländlichen Gegenden aufwendig herangeschafft werden müssen. Baumgarten: „Das größte Problem ist gar nicht die Errichtung an sich, sondern über welche Materialien wir vor Ort verfügen, und hier ist das Gefälle zwischen Stadt und Land extrem. Auch Werkzeug und ausgebildete Hilfskräfte sind fern der Hauptstadt rar. Die wichtigste Frage ist demnach, wie man dies alles im Vorfeld organisiert, weniger was und wie man baut. Die Bauten selbst sind im Vergleich fast simpel.“

Da die Gebäude einfach instand zu halten und günstig herzustellen sein müssen, entwickelte der Architekt ein Struktursystem für die Errichtung von permanenten Krankenstationen. Diese Struktur kann von den hiesigen Arbeitskräften immer wieder kopiert werden. Das ist vor allem dort ein Vorteil, wo Fachkräfte rar sind. „Es geht viel ums Beibringen“, meint Baumgarten. „Nicht immer steht das eigene Tun im Mittelpunkt. Ob Konstrukteur, Logistiker, Hebamme oder Allgemeinmediziner – zu einem immens wichtigen Part der Arbeit in Krisengebieten gehören das Kontrollieren und das Instruieren.“

Resilienz ist unabdingbar

Der Faktor Zeit ist das größte Problem vor Ort, und was die meisten Kosten verursacht. Wenn beispielsweise die Regenzeit zwischen April und Oktober über den Südsudan hereinbricht, bedeutet das nicht nur Verzögerungen auf der Baustelle – sondern aufgrund überschwemmter Straßen auch bei der Logistik. Dann bleibt vieles, was zur Baustelle transportiert werden sollte, irgendwo liegen.

Eine besonders gefragte Eigenschaft im Rahmen der Hilfeleistung ist daher die Resilienz. Der perfekte Helfer lässt sich durch diverse Widrigkeiten nicht unterkriegen, improvisiert und findet trotz schwieriger Umstände für jedes technische Problem eine Lösung. „Und manchmal muss man lernen zu akzeptieren, was nicht geändert werden kann - und rechtzeitig vorplanen, um solche Faktoren zumindest zu erwarten“, sagt Baumgarten.

Die Arbeit für Ärzte ohne Grenzen hat auch die Sicht auf seinen Beruf verändert, sagt der Architekt. „Man denkt man wüsste schon alles, aber es entstehen immer wieder ganz neue, unerwartete und dabei sehr spannende Situationen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in der Architektur noch so viel dazulernen kann. Aber man lernt vor allem auch viel über sich selbst.“ Trotz der physischen und psychischen Belastungen, die ein Einsatz mit sich bringt, überlegt Ricardo Baumgarten noch einmal für MSF nach Afrika zu reisen und dort das Unplanbare zu organisieren.

DI Niel Mazhar ist Architekt in Wien.

Info

Hilfe aus nächster Nähe

Die Ausstellung zeigt, wie Nothilfe funktioniert. In Zelten und Holzbauten erfahren die Besucher, welche Krankheiten in Notsituationen am häufigsten behandelt werden, wie Medikamente in Krisengebiete gelangen und wie die Verteilung von Trinkwasser funktioniert. Anschaulich wird dargestellt, was bei der Organisation einer Impfkampagne zu berücksichtigen ist und wie ein Cholera-Behandlungszentrum aufgebaut wird. Erstmals wird auch ein OP-Saal in einem aufblasbaren Krankenhaus zu sehen sein.

25. September bis 6. Oktober 2014; Karlsplatz (Resselpark) in Wien.

Täglich von 10 bis 18.30 Uhr (4. Oktober bis 22 Uhr – Lange Nacht der Museen).

www.aerzte-ohne-grenzen.at

Niel Mazhar, Ärzte Woche 36/2014

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