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Allgemeinmedizin 9. September 2014

Gesundheit und Migration

Was gesund hält und was krank macht.

Zuwanderung hat einen beträchtlichen Einfluss auf den Gesundheitsbereich, auch in Österreich. Insbesondere aufgrund von unterschiedlichem sozialen Status, Herkunft und Geschlecht steht die Gesundheitsversorgung vor Herausforderungen, wie Christine Binder-Fritz und Anita Rieder vom Institut für Sozialmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien in der aktuellen Ausgabe des deutschen „Bundesgesundheitsblatts" zeigen.

Die Begegnung mit Menschen, die einen Migrationshintergrund oder eine Fluchterfahrung haben, ist im Gesundheitsbereich heute alltäglich. Die damit verbundene große soziale, ethnische, kulturelle und religiöse Diversität macht sich in den Einrichtungen zur allgemeinen Gesundheitsversorgung bemerkbar – Spitalspersonal, praktische Ärzte und Fachärzte, Apotheker und Therapeuten sehen sich mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Denn der Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit ist komplex. Besonders Geschlecht, Herkunft und sozioökonomischer Status sind wichtige Ansatzpunkte, um gesundheitlichen Ungleichheiten wirksam entgegenzutreten.

Migrantinnen stärker betroffen

Insbesondere Frauen haben es schwer. Der häufig niedrigere soziale Status innerhalb der Familie, verbunden mit schlechteren Arbeitsbedingungen und geringeren finanziellen Mitteln, sowie eine schlechtere Wohnsituation, wirken sich negativ auf die Gesundheit aus. „Migrantinnen erfahren oft zusätzliche Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft und zählen deshalb sicher zu den am wenigsten privilegierten sozialen Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft", erklärt Christine Binder-Fritz. Die psychischen Belastungen durch die Migration sind jedoch für Männer und Frauen gleichermaßen erheblich.

Nachteile durch Sprach-, Geschlechter- und Zugangsbarrieren

„Das am häufigsten genannte Problem im medizinischen Alltag ist das Verständigungs- und Versorgungsproblem auf Grund von sprachlichen Barrieren", so Anita Rieder, Leiterin des Zentrums für Public Health der MedUni Wien. Darüber hinaus gibt es verschiedene soziokulturelle Prägungen, wie etwa das von Männern und Frauen erlernte geschlechtsspezifische Rollenverhalten, das z.B. bei ärztlichen Routineuntersuchungen zum Tragen kommt.

Aber selbst der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen kann für Zuwanderer aus unterschiedlichen Gründen erschwert sein. Das gilt insbesondere für neu ankommende Migranten und Asylwerber. Dazu Christine Binder-Fritz: „Zu diesen Barrieren zählen Sprachschwierigkeiten, Informationsdefizite über das Gesundheitssystem, ein niedriger sozioökonomischer Status, die eigene Einschätzung von Gesundheitsproblemen oder kulturspezifische Vorstellungen über Krankheitsursachen."

Lebensstil und genetische Risikofaktoren

Mit Blick auf sogenannte „non-communicable diseases" (nicht-übertragbare Krankheiten) verweisen zahlreiche Studien auf Unterschiede in den jeweiligen Migrantengruppen. Einige haben ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, was sowohl an lebensstilbezogenen Risikofaktoren (wie ungesunde Ernährung, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel) als auch an genetischer Prädisposition (z.B. Diabetes mellitus bei Migranten aus Pakistan) liegt.

Europa-Premiere: Neuer Universitätslehrgang

Um den migrationsbedingten Herausforderungen im Gesundheitsbereich zu begegnen, startet im Oktober 2014  der neue Universitätslehrgang „Transkulturelle Medizin und Diversity Care" an der MedUni Wien. Der bislang im europäischen Raum einzigartige Master-Lehrgang vermittelt berufsbegleitend in fünf Semestern ein fundiertes Fachwissen aus Medical Anthropology, Transkultureller Psychiatrie, Gender-Studies  und Migrationsforschung. Die vielfältigen Themen werden von international renommierten Referenten vermittelt. Geleitet wird der neue Lehrgang von Christine Binder-Fritz und Türkan Akkaya-Kalayci.

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