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Allgemeinmedizin 21. Juli 2014

Polymedikation im Alter

Wenn der Pillencocktail zur Gefahr wird

Mit zunehmendem Alter steigt auch die Multimorbidität. Typische Erkrankungen sind zu hoher Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen, Muskel- und Skeletterkrankungen. Die gutartige Prostatavergrößerung und Harninkontinenz gehören zu den millionenfach verbreiteten altersbedingten urologischen Erkrankungen. Dazu kommen oftmals psychische Störungen, Demenz und Depression. In der Folge nehmen die meisten Senioren im Durchschnitt fünf und mehr Medikamente gleichzeitig ein, im Extremfall bis zu 15 Pharmaka, was allgemein als Polymedikation bezeichnet wird und aufgrund gefährlicher Wechselwirkungen eine Herausforderung für die Therapie darstellt.

Durch Wechselwirkungen der unterschiedlichen Arzneimittel kann es zu ernsten unerwünschten Wirkungen oder zur Verminderung des therapeutischen Effekts einzelner Wirkstoffe kommen. Medikamente zu finden, die miteinander harmonieren und diese in einer dem alternden Organismus adäquaten Dosierung zu verordnen, ist eine interdisziplinäre Herausforderung. Doch nicht allein die Gabe von vielen verschiedenen Medikamenten gleichzeitig ist problematisch. „Kompliziert wird die Situation vor allem bei hochbetagten Menschen", erläutert Dr. Wolfgang Bühmann, Urologe und Pressesprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V. „Viele alte Menschen sind durch ihre verminderte Kommunikationsfähigkeit nicht mehr in der Lage, ihre Symptome präzise zu schildern, was die Diagnose- und Indikationsstellung erschwert." Zudem nehmen nur rund die Hälfte der Patienten ihre Medikamente mit dem Maß an Zuverlässigkeit ein, das zur Erreichung der Behandlungsziele  erforderlich wäre.

Der Medikationsplan schafft den Überblick

Gerade bei älteren Patienten ist es daher notwendig, anhand eines aktuellen und vollständigen Medikationsplans zu prüfen, ob das geschilderte Symptom des Patienten Nebenwirkung einer bisherigen Therapie oder tatsächlich eine neue Diagnose ist, die ein weiteres Medikament erfordert. Geschieht das nicht und wird ein weiteres Mittel verordnet, entsteht oftmals eine Verschreibungskaskade, die, inklusive der Selbstmedikation mit Schmerzmitteln oder pflanzlichen Mitteln, das Risiko von pharmakodynamischen oder pharmakokinetischen Wechselwirkungen erheblich erhöht.

„Eine Polymedikation kann viele, zum Teil schwerwiegende Probleme verursachen", stellt Pharmakologin Prof. Dr. Petra Thürmann, Direktorin des Philipp Klee-Instituts für Klinische Pharmakologie
des HELIOS Klinikums Wuppertal und Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke, fest. Wechselwirkungen der Wirkstoffe können Verwirrtheitszustände auslösen, die wiederum zu Stürzen, schlimmstenfalls zu Krankenhausaufnahmen oder gar zu Todesfällen führen. Bis zu zehn Prozent aller stationären Aufnahmen beruhen auf Medikamentennebenwirkungen, wobei rund die Hälfte dieser medikamentös bedingten Hospitalisierungen durch Wechselwirkungen verursacht wird.

Wichtig: Internet-Check auf Wechselwirkungen

„Bei jeder neuen Verordnung sollte kritisch hinterfragt werden, ob es sinnvoll ist, ein weiteres Medikament dem ohnehin schon wirkstoffreichen Pillencocktail hinzuzufügen", so Thürmann. Sie plädiert dafür, getreu dem Motto „Weniger ist mehr" grundsätzlich eine kritische Haltung der Polymedikation gegenüber einzunehmen und empfiehlt, Risiko und Nutzen der Medikamente stets genau abzuwägen, nur das Wichtigste zu verschreiben und das stets im Internet-Check auf Wechselwirkungen mit den anderen Medikamenten zu prüfen.

Quelle: Presseaussendung Berufsverband der Deutschen Urologen e.V.

 

ki/red

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