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Ärzte verfolgen die Therapieziele bei depressiven Bluthochdruckpatienten weniger zielstrebig.
 
Allgemeinmedizin 15. Juli 2014

Träge Therapie bei depressiven Patienten

Die Diagnose Depression löst bei Ärzten offenbar eine gewisse therapeutische Trägheit hinsichtlich der Blutdrucksenkung aus.

Leiden depressive Menschen an weiteren Erkrankungen wie einer Hypertonie, schlägt sich die Depression auch auf die kardiovaskuläre Prognose nieder. Möglicherweise hat das aber nicht nur mit der depressiven Erkrankung an sich zu tun.

Es scheint auch eine gewisse „Trägheit“ (inertia) auf Seite der Ärzte zu herrschen, wie Dr. Nathalie Moise und Kollegen von der Columbia Universität in New York herausgefunden haben. Ärzte verfolgen demnach die Therapieziele bei depressiven Bluthochdruckpatienten weniger zielstrebig. Ist eine solche klinische Untätigkeit aber auch ein Grund für die schlechtere Prognose von depressiven Hypertonikern?

Die Studienautoren analysierten die Daten von 158 Patienten, die an einer unkontrollierten Hypertonie litten, also Blutdruckwerte von mindestens 140/90 mmHg oder höher aufwiesen (bei Diabetikern oder Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen ≥ 130/80). Alle Teilnehmer nahmen mindestens ein Antihypertensivum ein.

Als „träge“ eingestuft wurde ein ärztliches Verhalten, wenn etwa die behandelnden Ärzte trotz des Vorhandenseins der unkontrollierten Hypertonie die medikamentöse Behandlung ihrer Patienten nicht intensivierten oder ihre Patienten nicht zu einem Bluthochdruckspezialisten überwiesen.

Bei 45 Prozent der Studienteilnehmer wurde eine Depression diagnostiziert. Ein „klinisch untätiges Verhalten“ fand sich bei 70 Prozent dieser depressiven Patienten, aber nur bei 51 Prozent der nicht depressiven Teilnehmer. Die Diagnose einer Depression war also mit einer gewissen „klinischen Trägheit“ assoziiert – auch dann, wenn auf Faktoren wie z. B. Adhärenz adjustiert wurde.

Vielleicht ist ein wenig Zurückhaltung gar nicht schlecht

Der Umstand, dass Ärzte den Bluthochdruck depressiver Patienten unentschlossener behandelten, könne somit ein Grund für die schlechtere kardiovaskuläre Prognose depressiver Patienten sein, so die Schlussfolgerung der Studienautoren. „Doch ist eine solche ärztliche Trägheit wirklich immer schlecht?“ – diese Frage stellt Dr. Kenneth Covinsky von der Universität California San Francisco in seinem begleitenden Editorial.

Viele haben eben nicht nur das eine medizinische Problem

Vielleicht hätten sich die Ärzte in einigen Fällen dafür entschieden, erst einmal die Depression ihrer Patienten zu behandeln, gibt Covinsky zu bedenken. Eine erfolgreiche Behandlung der Depression könne dann ja auch eine bessere Blutdruckeinstellung zur Folge haben. „Die Studie von Moise N et al. hat also deutlich gemacht, dass man sich im Falle von Patienten, die mehrere medizinische Probleme haben, überlegen sollte, welche Behandlungsstrategie die beste ist“, schreibt Covinsky. Viele Leitlinien und Erfolgsmessgrößen für chronische Erkrankungen gingen nämlich davon aus, dass Patienten nur dieses eine medizinische Problem – etwa einen Bluthochdruck – hätten. Doch bei vielen sei das eben nicht der Fall.

Originalpublikationen:

Moise N et al.: JAMA Intern Med 2014; 174 (5): 818–19

Covinsky KE: JAMA Intern Med 2014; 174 (5): 819

springermedizin.de, Ärzte Woche 28/2014

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