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Allgemeinmedizin 30. Juni 2014

Schlag zu, ich bin Sportler

Besonderheiten in der Schmerzverarbeitung bei Menschen mit überdurchschnittlicher Fitness.

Das Schmerzempfinden von Sportlern wird von außen höchst unterschiedlich wahrgenommen. Zum einen haben die Fußballer den Ruf eher Mimosen zu sein. Andererseits gibt es eindrucksvolle Geschichten, die man sich von Athleten erzählt, etwa von Skifahrern, die mit starken Gelenksschmerzen schwierige Abfahrten bezwingen. Eine Studie stellt den direkten Vergleich dar.

Basierend auf eindrucksvollen Anekdoten von Athleten, die ihren Sport trotz Schmerz fortsetzen, wird angenommen, dass sich die Schmerzwahrnehmung zwischen Sportlern und Nichtsportlern unterscheidet. Betrachtet man die Zusammenhänge von körperlicher Aktivität und Schmerzwahrnehmung genauer, so ergibt sich ein komplexeres Bild.

Körperliche Aktivität hemmt das Schmerzempfinden „akut“ und für einen begrenzten Zeitraum. Durch körperliche Aktivität werden unterschiedliche endogene schmerzmodulierende Mechanismen angeregt, beispielsweise das System der diffuse noxious inhibitory control (DNIC), das System der baroreflexvermittelten Analgesie oder auch das System der stressinduzierten Analgesie. Darüber hinaus sind verschiedene psychologische Faktoren, wie Coping-Fähigkeiten bedeutend.

Ballsportler entsprechen nicht ihrem schlechten Ruf

Eine kürzlich publizierte Metaanalyse zur Schmerzwahrnehmung bei Sportlern zeigt, dass sich die Schmerzwahrnehmung in Ruhe zwischen Sportlern und Nichtsportlern signifikant unterscheidet. Die Auswertung von 15 internationalen Studien zeigte, dass Sportler im Vergleich zu Nichtsportlern insgesamt schmerztoleranter sind, d. h., schmerzhafte Stimuli wurden von den Sportlern länger ertragen als von Nichtsportlern. Interessanterweise hatten Ballsportler die größte Schmerztoleranz, gefolgt von Ausdauer- und Kraftsportlern. Mit einer mittleren Effektstärke (ES) von Hedges‘ g=0,87 war die Schmerztoleranz der Sportler vergleichbar hoch wie die Wirkung von starken Opiaten bei Akutschmerz. Hinsichtlich der Schmerzschwellen zeigte sich dagegen ein sehr heterogenes Ergebnis. Ursächlich war eine starke Abhängigkeit der Schmerzschwellenwerte von den in den einzelnen Studien verwendeten Schmerzstimuli (Eiswasserbad, Druckklemmen, Temperatursonden). Bisher ist jedoch noch keine vergleichende Untersuchung unter systematischer Verwendung unterschiedlicher Stimulusarten durchgeführt worden, sodass eine klare Aussage hierzu bisher nicht möglich war.

Die hier vorgestellte Untersuchung wollte erstmals bei Sportlern funktionelle Veränderungen innerhalb der endogenen schmerzmodulierenden Systeme mittels quantitativer sensorischer Testung (QST) und cold pressor task systematisch erfassen und den DNIC-Effekt zu untersuchen. Die untersuchte Stichprobe umfasste insgesamt 25 Ausdauersportler und 26 in Bezug auf den Body-Mass-Index und Alter „normal“ aktive Kontrollprobanden.

Studiendesign und Ergebnisse

Bei den Teilnehmern erfolgte eine QST-Messung der Wahrnehmungsschwellen für Temperatur sowie für Vibration und Berührungsreize. Zudem wurden thermische Schmerzschwelle, Druckschmerzschwelle sowie Schmerzschwelle und Schmerzhaftigkeit für spitze Nadelreize untersucht. Danach wurde der DNIC-Effekts getestet. Die DNIC-Testung zeigte eine signifikant geringere Aktivierung der endogenen Schmerzhemmung bei Sportlern (9%ige Reduktion) im Vergleich zu Nichtsportlern (25%ige Reduktion).

Die Studie zeigt erstmalig, dass ein Reiz bei Sportlern zu einer geringeren Aktivierung der endogenen Schmerzmodulation führt als bei Nichtsportlern. Es wurde daher vorgeschlagen, dass intensives körperliches Training zu einer Veränderung in der Baseline-Aktivität der endogenen Schmerzhemmung führt. Durch diese Verschiebung könnte eine Art Ceiling-Effekt entstehen, der sich im Experiment als eine geringere Aktivierung der endogenen Schmerzhemmung nachweisen lässt.

Im Rahmen dieser „Schwellenhypothese“ wurde vorgeschlagen, dass die endogene Schmerzhemmung bei Sportlern höhere Stimuli zur Aktivierung benötigt als bei Nichtsportlern. Dafür sprechen auch die Daten einer rezenten Studie, die eine gesteigerte konditionierte Schmerzhemmung bei Sportlern nachweisen konnte, wenn der zweite Testreiz nicht direkt im Anschluss an die Immersion der Hand in Eiswasser, sondern schon während des Eiswasserbads verabreicht wurde.

Eine andere Erklärung liefert die „Defizithypothese“, nämlich dass intensive körperliche Aktivität langfristig zu einem „Defizit“ der endogenen Schmerzhemmung führen kann. Eine Erklärung könnte sein, dass eine U-förmige Beziehung zwischen dem körperlichen Aktivitätslevel und dem Auftreten von Schmerzen besteht. So konnte in epidemiologischen Studien gezeigt werden, dass sowohl sehr wenig als auch sehr viel körperliche Aktivität gleichermaßen für das Auftreten von Schmerz prädisponiert.

Fazit für die Praxis

Es lässt sich somit festhalten, dass Sport einen analgetischen Effekt auf das Schmerzempfinden hat. Mögliche Langzeitfolgen sind jedoch noch unklar. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass sich das Schmerzempfinden von Sportlern in spezifischer Weise von Nichtsportlern unterscheidet und dass das System der konditionierten Schmerzmodulation involviert zu sein scheint. Ein Erklärungsmodell könnte eine U-förmige Beziehung zwischen dem körperlichen Aktivitätslevel und dem Auftreten von Schmerz sein. Jetzt gilt es, herauszufinden, wie die körperliche Aktivität sich auf molekulare Abläufe in Nervenzellen auswirkt, welche psychologischen Aspekte dabei eine Rolle spielen und wie diese Ergebnisse für die Therapie bei chronischen Schmerzen genutzt werden können.

Der ungekürzte Originalartikel von Dr. Jonas Tesarz ist unter „Schmerzwahrnehmung bei Sportlern“ in „Der Schmerz“ 2/2014, © Springer Verlag erschienen.


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