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Allgemeinmedizin 3. Juni 2014

„Die Voraussage des Pollenflugs ist ein paneuropäisches Konzert“

Für die Polleninformation auf www.pollenwarndienst.at werden vielschichtige Informationen von Aerobiologen, Botanikern und Medizinern aus ganz Europa ausgewertet.

Auf einer österreichischen Polleninformationsseite können Benutzer ihre persönlichen Symptomatiken eingeben, die dann in die Prognose der Polleninformation einfließen – ein weltweit einzigartiges System.

Neue Wege geht das Forscherteam hinter der Website www.pollenwarndienst.at mit innovativen, preisgekrönten Applikationen für Smartphones auch im technischen Bereich. Uwe Berger MBA, Leiter der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation an der HNO-Klinik der Medizinischen Universität Wien, gibt einen Überblick über Geschichte und Zukunft der modernen Polleninformation. Und die geht weg von der Information, die alle Betroffene über einen Kamm schert, hin zu einer simplen individualisierten Ampelaussage, hinter der allerdings mehr Daten stecken als jemals zuvor

 

Wie ist die Idee zu dieser Website entstanden?

Berger: Im Laufe meiner Karriere an der Klinik ist unserem Team immer stärker bewusst geworden, dass die Polleninformation für Patienten stetig verbessert werden muss. So wurden vor Jahren noch Blühkalender mit historischen Werten zur Vorhersage verwendet. Das ist naürlich gerade in Zeiten des Klimawandels unzureichend. Wir steckten uns das Ziel, wesentlich vielschichtiger zu informieren, doch dafür braucht es wesentlich mehr Daten.

Woher kommen nun all die vielen Informationen?

Berger:An unserer Klinik erhalten wir – Aerobiologen, Botaniker und Mediziner – täglich Daten aus 25 Messstellen in Österreich und verfeinern die Analyse mit Daten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, kurz ZAMG. Darüber hinaus haben wir in Zusammenarbeit mit dem meteorologischen Institut in Helsinki ein Rechenmodell entwickelt, das die Verbreitung von Pollen in ähnlicher Weise voraussagt, wie die Verbreitung radioaktiver Wolken nach einem Reaktorunglück.

Mittlerweile liefern europaweit etwa 500 Messstellen Daten in die europäische Datenbank EAN, die ebenso von der Forschungsgruppe entwickelt wurde und an der Medizinischen Universität Wien beheimatet ist. Die aus den Daten der Datenbank gewonnen Erkentnisse sind bemerkenswert. So konnten wir beobachten, wie sich Ambrosia aus Serbien nach Finnland ausbreitete. Hier zeigt sich klar, dass die akkurate Voraussage des Pollenflugs gewissermaßen ein paneuropäisches Konzert darstellt, das nur in Zusammenarbeit mit anderen Ländern funktionieren kann. Hinter so einer scheinbar banalen Pollenmeldung steckt also eine Menge Tüftelarbeit.

Die wichtigsten Daten stammen demnach aus Pollenfallen aus ganz Europa?

Berger: Nicht ganz! Der Quantensprung in der Polleninformation kam mit der Erkenntnis, dass Allergiker viel sensiblere Messstellen darstellen als jede Pollenstation. Wir haben daher damit begonnen, unsere Benutzer – bislang etwa 60.000 – im sogenannten ‚Pollentagebuch‘ nach ihren Symptomen zu befragen, und lassen diese Daten dann in die Prognose mit einfließen. Ein weltweit einzigartiges System! Durch die Daten unserer Patienten konnten wir beispielsweise auch feststellen, dass das Gefährliche nicht (oder nur zum Teil) die Gesamtmenge des Pollenfluges ist, sondern dass Allergiker besonders empfindlich auf plötzlich auftretende Belastungsspitzen reagieren. Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelten wir den sogenannten Symptom Load Index, der den Schweregrad einer Saison unabhängig von der Pollenmenge darstellt.

Der Schwellwert ist also nicht so wichtig, wie bisher geglaubt?

Berger: Doch der Schwellwert ist nach wie vor sehr wichtig, nur gibt es keinen generellen Schwellwert. Der Schwellwert ist unseren Forschungsergebnissen folgend nicht nur länder- oder regional-spezifisch, sondern kann auch von Jahr zu Jahr und Person zu Person unterschiedlich sein. Zusätzlich kann sich der Schwellwert auch im Verlaufe der Pollensaison noch individuell verändern. Dieser Schwellwert ist aber enorm wichtig zur Erstellung einer korrekten Polleninformation. Wir möchten aber noch einen Schritt Schritt weiter gehen, weg von der Information der Pollenbelastung hin zu einem einfachen ‚Allergierisiko‘ für den Patienten. Dieses Service basiert ebenfalls auf Symptomdaten aus dem Pollentagebuch und läuft über eine Applikation auf einem Smartphone: Man startet die App, sieht einen Kreis in einer Ampelfarbe – also rot, gelb oder grün – und hat damit schnell und übersichtlich sein persönliches ‚Risiko‘ für den Tag. In einem zweiten Schritt kann man dann immer noch nachschauen, ob es jetzt um Gräser- oder Birkenpollen handelt. Unsere Pollen-App wurde übrigens bereits mehr als 100.000 Mal heruntergeladen und ist vielfach ausgezeichnet.

Der Patient hat also alle Information auf seinem Smartphone?

Berger: Ja, aber es müssen nicht immer Patienten sein! 20 bis 30 Prozent unserer App-Nutzer benutzen das Pollentagebuch beispielsweise ‚nur‘ als Diagnosetool, um zu überprüfen, ob sie tatsächlich ein allergisches Verhalten zeigen oder nicht. In der neuen App ist zudem auch ein Fragebogen eingebaut, wobei am Ende eine Risikoabschätzung steht – mit der Empfehlung, bei Hinweis auf eine Allergie einen Arzt aufzusuchen. Praktischerweise gibt es in der App auch die Möglichkeit, sich über die Lokalisation des nächstgelegenen Facharztes zu informieren.

Wie sieht die Zielgruppe Ihrer Applikationen nun aus?

Berger: Wir wollen alle Altersgruppen erreichen. Die meisten App-Benutzer sind jüngere Menschen zwischen 20 und 35 Jahren. Das ist wenig überraschend, das ist eben die techniknahe Generation. Wir haben uns aber bemüht, die Webseite auch für ältere Semester ansprechend zu gestalten, beispielsweise kann sie für Sehbehinderte automatisch abgelesen werden. Nach Rückmeldungen wissen wir, dass unsere Webseite-User auch 70 oder 80 Jahre alt sind. Auf unserer Facebook-Seite wiederum tummeln sich vor allem die 40- bis 50-Jährigen.

Ich glaube, die Bereitschaft der Benutzer, uns ihre Daten mitzuteilen, liegt daran, dass die Menschen Vertrauen in den Namen der Medizinischen Universität Wien haben. Worauf es uns ankommt: Wir möchten bestmöglich informieren und bieten alle Services kostenfrei an – und das wird auch in Zukunft so bleiben!

Und die Zukunft des Pollenfluges? Macht sich der Klimawandel auch hier bemerkbar?

Berger: Unsere Forschungsgruppe ist in der bemerkenswerten Lage, auf historische Pollendaten bis in die späten 1970er zugreifen zu können. Anhand dieser Daten lassen sich deutlich Veränderungen im Pollenflug beobachten. Wir sehen beispielsweise, dass Saisonen generell länger dauern, dass Frühblüher etwa 14 Tage früher zu blühen beginnen und vice versa die Herbstallergene wie zum Beispiel Ragweed (Ambrosia) länger belastend bleiben. Diese Veränderungen der Saison bedeuten natürlich eine Verlängerung der Gesamtleidenszeit für Allergiker.

Für Österreich lautet die Hitliste der Pollen Gräser, Birke, Esche, Beifuß und Ragweed. Allerdings: Bei Betrachtung des gesamteuropäischen Raums kann man nicht von einer generellen Verstärkung des Problems sprechen. Einige Arten bekommen zum Beispiel Probleme, wie etwa Gräser im Mittelmeerraum, die mit der Trockenheit kämpfen müssen.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt.

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