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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Die posttraumatische Belastungsstörung

Bei der "Posttraumatischen Belastungsstörung" (PTBS), im Englischen "Post Traumatic Stress Disorder" (PTSD), handelt es sich um eine massive psychische Entgleisung, die nach schockhaften Erlebnissen auftritt. Die Lebenszeit-Prävalenz beträgt nach internationalen Studien 7,8 Prozent - das bedeutet, mehr als 600.000 ÖsterreicherInnen sind demnach von einer derartigen Symptomatik einmal im Leben betroffen. Ob Holocaust-Opfer oder deren Kinder, vergewaltigte Frauen oder Betroffene von Unfällen beziehungsweise von Katastrophen - die psychischen Konsequenzen können Jahrzehnte dauern. Hilfe muss angeboten, sollte aber auch gesucht werden, betonten Experten bei einer Pressekonferenz in Wien. 

"Bei der ,Posttraumatischen Belastungsstörung?handelt sich um ein Syndrom, das nach ,emotional schrecklichen?Situationen auftritt", erklärte Prim. Dr. David Vyssoki, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychotraumatologie - ESRA, in Wien-Leopoldstadt. Vyssoki und sein Team kümmern sich seit 1994 (ESRA - Hebräisch "Hilfe") um Holocaust-Überlebende, deren ebenfalls traumatisierte Nachkommen sowie Patienten, die aus anderen Gründen an schweren psychischen Konsequenzen von Schockerlebnissen leiden. Der Experte über die eigentliche Charakteristik von Ereignissen, die Menschen in eine solche Belastungsstörungen hinein rutschen lassen: "Das Eigenbild des Mensch ist das eines unversehrten Menschen. Der traumatisierte Mensch ist jener, der erleben musste, dass alle diese Vorstellungen nun zerstört sind." Für das psychische Wohlbefinden und die psychische Gesundheit des Menschen sind bestimmte Erwartungen beziehungsweise Einstellungen fundamental: Er braucht Geborgenheit, das Gefühl, sein Leben in relativer Sicherheit und einigermaßen planbar sowie unverletzt führen zu können. 

Zerstörtes Gefühl der Unversehrtheit

Die minütliche Todesgefahr im Konzentrationslager samt der dort von den Machthabern betriebenen völligen Erniedrigung der Opfer, das plötzliche Überfallen einer Frau durch den Vergewaltiger, Ereignisse wie "Kaprun", "Lassing" oder die Terrorattacken auf das World Trade Center in New York - all das vernichtet die Basis der psychischen Grundverfassung der Betroffenen. Jahrelang können solche Erlebnisse beiseite geschoben werden, bis sie mit ihren Langzeitkonsequenzen wieder an die Oberfläche der Psyche kommen:

  • Plötzliche massive Angst-Attacken mit Erregungszuständen
  • Undefinierbare Schuldgefühle (Beispiel KZ-Überlebende: "Ich konnte überleben, weil die anderen gestorben sind")
  • Gefühl seelischen Totseins mit Depressionen, Apathie, Rückzug, Erstarrung, geistiger Abstumpfung
  • "Flash-Back": Ansatzloses Wieder-Erleben der erlittenen Misshandlungen in physischer und psychischer Form
  • Ermüdbarkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Sexuelle Störungen
  • Psychosomatische Beschwerden wie Herzklopfen, Kopfschmerz, Schlafstörungen, Schweißausbrüche, Magen-Darm-Beschwerden.
  • Psychoseartige Symptome, Verfolgungswahn, Derealisation

In der Behandlung wird auf zwei Ebenen operiert: Zum einen auf der psychotherapeutischen Ebene (zum Beispiel Verhaltenstherapie, Angstmanagement...), zum anderen mit Hilfe von Antidepressiva, vor allem SSRIs. Sehr wichtig und nützlich sind auch Selbsthilfegruppen.

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