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Allgemeinmedizin 5. Oktober 2005

Wenn die Lust zur Last gerät...

Laut aktuellen internationalen Umfragen haben rund 22 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer keinen Spaß mehr am Sex. Die „European Sexual Awareness Week“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Tabus zum Thema Sexualstörungen abzubauen.

„Über Sexualität zu sprechen ist nach wie vor ein Tabu“, sagte Prof. Dr. Siegfried Meryn, Präsident der International Society for men`s health and gender (ISMH), bei einer Pressekonferenz anlässlich der European Sexual Awareness Week, die heuer vom 10. bis 14. Februar in 14 Staaten Europas und erstmals auch in Österreich begangen wurde. Heuer stand die Kampagne der Sexual Awareness Week unter dem Motto: „Nicht hängen lassen – sprechen“ und wollte bewirken, dass mehr Menschen bei ÄrztInnen Rat und Hilfe suchen. Denn sexuelle Funktionsstörungen beeinträchtigen nicht nur die seelische Befindlichkeit, vielfach können sie auch auf ernsthafte organische Erkrankungen hindeuten. „Bei rund 80 Prozent aller Männer über 60 Jahren deutet eine sexuelle Funktionsstörung auf eine organische Erkrankung hin“, sagte Meryn.
Bei jüngeren Männern sind es häufig psychische Schwierigkeiten, wie etwa Stress, Versagensängste oder eine generelle Lustlosigkeit, die zu Problemen in der Sexualität führen. Trotzdem sprechen häufig nach wie vor weder PatientInnen noch ÄrztInnen dieses Thema an. Besonders Frauen hätten oft Schwierigkeiten, über Sexualität zu sprechen, erklärte Dr. Elia Bragagna, Allgemeinmedizinerin und Leiterin der ersten österreichischen Sexualambulanz am Wiener Wilhelminenspital. Durch Scheu, Scham oder Verdrängung werden sexuelle Störungen von Betroffenen beim Arzt oft nur äußerst selten erwähnt. „Das verhindert, dass Sexualstörungen fachlich abgeklärt und therapiert werden“, so Bragagna.

Frauen benachteiligt

So würden Frauen, wenn sie über sexuelle Probleme klagen, häufig erst zum Gynäkologen überwiesen und dann gleich weiter zum Psychiater, weil organisch nichts gefunden werde. „Das greift zu kurz“, sagte Bragagna, „vielmehr wäre es wichtig, sowohl den somatischen als auch den psychischen und psychosozialen Status abzuklären, um dann eine adäquate Therapie zu finden.“
Das ist nicht immer ganz einfach: Während Männern inzwischen eine ganze Reihe von Pharmaka zur Therapie der erektilen Dysfunktion zur Verfügung stehen, bestehen diese Möglichkeiten für Frauen nicht. „Es gibt Hinweise darauf, dass Phosphordiesterase-Hemmer auch bei Frauen wirksam sind, harte Studiendaten fehlen dafür allerdings“, sagte Bragagna. Generell hofft Bragagna auf eine Erweiterung des Beratungsangebotes für Erwachsene mit sexuellen Problemen. Denn bereits jetzt ist ihre Ambulanz, derzeit die einzige ihrer Art in Österreich, überlastet. Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet sexuelle Gesundheit mittlerweile als fundamentales Menschenrecht. Um dieses Grundrecht umzusetzen, fordern die ISMH-ExpertInnen eine freiere Einstellung zur Sexualität, eine verbesserte Ausbildung der MedizinstudentInnen in diesem Bereich, adäquate ärztliche Fortbildung und die Einrichtung von Spezialambulanzen, die möglichst flächendeckend über ganz Österreich verteilt werden sollten.

Lachen: Auch beim Sex erlaubt

Einen augenzwinkernden Zugang zum Thema bietet seit vielen Jahren der Kabarettist und Psychologe Bernhard Ludwig. Seine Programme zur Sex Awareness hat er bereits vor mehr als 200.000 Personen, medizinischen Fachleuten ebenso wie Laien, gespielt. Für ihn ist „Kabarett auch Therapie“, wie er sagt. Dies will er auch Ende März gemeinsam mit dem Psychologen Prof. Uli Klement von der Universität Heidelberg unter Beweis stellen: Im Audimax der Wiener Universität sollen erstmals in großem Rahmen Beckenbodenübungen, deren Nutzen für die sexuelle Gesundheit unbestritten ist, präsentiert werden.

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