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Allgemeinmedizin 12. Juli 2005

Let's talk about Sex...

Nach aktuellen Umfragen sollen 40 Prozent aller Menschen beiderlei Geschlechts mit ihrem Sexualleben nicht nur gelegentlich, sondern dauerhaft unzufrieden sein. Viel häufiger als körperliche Erkrankungen können psychische Konflikte zu tief greifenden Sexualstörungen führen.

"Sexueller Genuss hängt entscheidend davon ab, wie der Mensch mit sich, seinem Körper und seinen Gefühlen umgeht", so der Sexualtherapeut Volker van den Boom, Aachen. Deshalb seien sexuelle Probleme fast immer das Symptom einer Problematik im gesamten Gefühlshaushalt.

Ejakulatio präcox: Jeder zweite Mann betroffen

Die häufigste Störung bei Männern ist der vorzeitige Samenerguss, gefolgt von der erektilen Dysfunktion. Umfragen zufolge leiden 49 Prozent aller Männer daran. Für 14 Prozent stellt der vorzeitige Samenerguss sogar eine dauerhafte Beeinträchtigung des Sexuallebens dar. Organische Ursachen wie Vorhautverengung oder eine Verkürzung des Bändchens zwischen Vorhaut und Eichel finden sich nur bei ca. 2 Prozent der Betroffenen.

Dass vorzeitiger Samenerguss eine Reaktion des Mannes auf seine Angst vor der emanzipierten und deshalb starken Frau sei, ist für van den Boom ein modernes Märchen. Vielmehr signalisiere diese Störung eine tief greifende Unzufriedenheit des Mannes mit seiner eigenen Person. Typisch für den Mann sei, dass er ständig nach neuen - auch beruflichen - Herausforderungen strebe. Er bemühe sich, allen Anforderungen gerecht zu werden und stelle sehr hohe Erwartungen an sich selbst. Sein Ziel erreicht er jedoch nie, da er seine Maßstäbe immer höher setzt. Folge ist eine körperliche und psychische Dauerüberlastung mit einer permanent hohen "Grundspannung", die nach einem Ventil sucht. Viele Männer versuchen, dies mit Sport oder auch Alkohol zu dämpfen.

Befreiung von der zu hohen Grundspannung

Die dauernde Anspannung äußert sich jedoch nicht selten in Aggressionen, körperlichen Erkrankungen oder Sexualstörungen. Gerade der Sexualakt bedeutet für den Mann einen schnellen Spannungsabbau, um sich von der Last der Grundspannung zu befreien. Überschreitet diese jedoch ein bestimmtes Maß, so entledigt sich der Körper ihrer zu schnell - es kommt zum vorzeitigen Samenerguss.

Typisch männlich heißt für viele Männer auch, leistungsstark im Beruf, potent in der Sexualität und grundsätzlich hart im Nehmen zu sein. Nur so glauben sie, die an sie gestellten Erwartungen, nämlich ein idealer Partner, der beste Vater oder ein hervorragender Kollege zu sein, erfüllen zu können. Dieser Anspruch an die eigene Potenz im weitesten Sinn zeigt sich auch dann, wenn er sich ängstlich oder unsicher fühlt. Eine starke innere Unsicherheit führt jedoch unweigerlich zu Schwankungen der sexuellen Potenz, im Extremfall zur Erektionsstörung.

Eine weitere in den letzten Jahren vermehrt beobachtete Sexualstörung ist die allgemeine Lustlosigkeit. Sexuelle Abweichungen bzw. Perversionen oder Sexsucht sind dagegen sehr selten.

Lustlosigkeit: Häufigste weibliche Sexualstörung

Lustlosigkeit ist die häufigste weibliche Sexualstörung. Die Gründe liegen fast immer in der aktuellen Partnerschaft. Auf seelische Verletzungen reagieren Frauen typscherweise mit Libidoverlust. Besonders traumatisierend empfinden es Frauen, wenn ihre Gefühle missachtet werden. Kritische Situationen sind Geburten, Schwangerschaftsabbrüche, Tod einer nahe stehenden Person oder ein Seitensprung des Partners. Betroffen von dieser Lustlosigkeit sind insbesondere Frauen, die eine konsequente Auseinandersetzung und Konfrontation mit ihrem Partner scheuen und die erfahrenen Verletzungen nicht verbalisieren können. Sie reagieren mit Rückzug, das heißt, sie bringen ihre verletzlichen Seiten in Sicherheit. Ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Sexualität erlischt. Wenn Frauen die Lust auf körperlichen Kontakt verlieren, werden sie nicht selten von ihrem Partner sexuell bedrängt. Dies kann sogar zur Anwendung von körperlicher Gewalt führen - es beginnt ein Circulus vitiosus.

An Orgasmusproblemen selten Partner schuld

Etwa 25 Prozent aller Frauen, die einen Sexualberater aufsuchen, klagen über Orgasmusstörungen. Einige von ihnen haben noch nie einen Orgasmus erlebt, andere nur bei Selbstbefriedigung, wiederum andere nur ganz selten, beispielsweise im Urlaub. Die Ursachen für Orgasmusprobleme liegen laut van den Boom nur selten beim Partner, sondern in der Kindheit der betroffenen Frau. Die meisten hatten einen despotischen, tyrannisierenden Vater, der jedes Aufkeimen von eigener Persönlichkeit unterdrückte. Die Mutter dagegen war meist schwach und konnte dem Kind keinen Schutz bieten. Diese psychologische Konstellation empfindet ein Kind als intensive Missachtung und Zerstörung seiner körperlichen und seelischen Identität. Nicht selten finden sich in solchen Familien auch körperliche Gewalt und sexuelle Übergriffe. Folge ist die Ablehnung der eigenen Identität und Gefühle. Die daraus resultierenden Schwierigkeit, sich einem Partner psychisch und körperlich hinzugeben, führt letztendlich zu Orgasmusproblemen oder Vaginalschmerzen beim Koitus.

Frauen stellen eigene Bedürfnisse zurück

Frauen nehmen emotionale, aber auch körperliche Signale viel bewusster wahr. Ihr Problem besteht jedoch darin, dass sie nicht entsprechend dieser Signale handeln. Für den Bereich der Sexualität bedeutet dies, auch sexuelle Bedürfnisse zu verdrängen. "Bevor Frauen sich etwas Gutes gönnen, müssen erst alle andere Dinge erledigt und andere Personen zufrieden gestellt sein", so van den Boom. Die Verdrängung der eigenen Bedürfnisse führt dazu, dass Frauen sich häufig ausgenutzt und somit verletzt fühlen. Folge ist ein innerlicher Rückzug, ja sogar Aversionen bis Ekel vor Körperkontakten.

Nicht jede Sexualstörung ist Ausdruck einer tief greifenden psychischen Störung. Konfliktsituationen gibt es in jeder Partnerschaft. Hier kann ein einfühlsames hausärztliches Gespräch gelegentlich Wunder bewirken. Bei dauerhaften Sexualproblemen, die die Partnerschaft bedrohen, sollten Sie nicht zögern, eine Sexualtherapie zu empfehlen. Die meisten Betroffenen werden Ihren Vorschlag nicht direkt begeistert aufnehmen. Deshalb sind oft mehrere Gespräche notwendig, um beide Partner von der Notwendigkeit einer solchen Behandlung zu überzeugen.

Behandlungsziele bei Männern und Frauen

Bei Männern mit vorzeitigem Samenerguss liegt das Behandlungsziel darin, dem Mann die Diskrepanz zwischen seinen Ansprüchen und den realen Möglichkeiten zu verdeutlichen. Er muss lernen, die Erwartungen auf ein realistisches Maß zu reduzieren. Wichtig ist auch, nach Möglichkeiten der Entspannung bzw. Entlastung zu suchen. Auch informative Gespräche mit der Partnerin sind zu suchen: Viele Frauen interpretieren den vorzeitigen Samenerguss falsch, indem sie glauben, ihr Partner liebe sie nicht mehr.

Bei Frauen, die an Lustlosigkeit leiden, fehlt den Männern leider oft jegliche Einsicht, dass ihr Verhalten etwas mit der Sexualstörung ihrer Partnerin zu tun hat, weiß van den Boom. Die Männer sind zu einem gemeinsamen Gespräch meist nicht bereit. Ziel einer Sexualtherapie bei diesen Frauen ist die Stärkung des Selbstbewusstseins; denn nur so können sie die notwendige Auseinandersetzung mit ihrem Partner wagen. Sie müssen lernen, ihre Bedürfnisse zu verbalisieren und zu realisieren. Vorraussetzung ist allerdings auch, dass Männer ihren Partnerinnen mit mehr Respekt begegnen. "Denn nur, wenn es dem Mann gelingt, mehr Interesse an den Bedürfnissen und Gefühlen seiner Frau zu entwickeln, kann dies bei vielen Paaren zu einer liebevollen Atmosphäre führen, eine unverzichtbare Voraussetzung, damit auch Frauen wieder Lust auf Sexualität entwickeln können", so der Sexualtherapeut.

MMW 13

Dr. med. Peter Stiefelhagen, Ärzte Woche 18/2001

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