zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Sexualstörung: Therapie beim Allgemeinmediziner

Sexualität trägt zum Wohlbefinden des Menschen bei und gilt als bedeutsamer Faktor der seelischen Gesundheit. Die Vielgestaltigkeit der Sexualität, ihre Veränderungen und die sich daraus ergebenden Konflikte sollten in der Arztpraxis kein Tabuthema mehr sein.

Der Umgang mit Sexualstörungen kann für eine Arzt-Patient-Beziehung eine Belastungsprobe, aber auch eine Chance darstellen. Hand aufs Herz, wie sehen Ihre Sexualanamnesen aus? Eine deutsche Studie brachte ans Tageslicht, dass nur 2 Prozent aller Anamnesen eine korrekte und vollständige Sexualanamnese beinhalten. In der Praxis beschränken ich Ärzte auf den Zeitpunkt von Menarche und gegebenenfalls Menopause bei der Frau und Miktionsbeschwerden beim Mann. Viele Mediziner lassen diesen Punkt überhaupt aus. Dabei sind sexuelle Probleme nicht selten.
Während beim Mann vorzeitige Ejakulationen und Erektionsschwierigkeiten im Vordergrund stehen, klagen Frauen vor allem über Orgasmusprobleme, vermindertes sexuelles Verlangen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Neben manifesten Störungen stellen geschlechts- und alterstypische Befürchtungen sehr häufig eine große psychische Belastung dar. Die Angst der Frau, nicht attraktiv genug zu sein, steht sexuellen Versagensängsten des Mannes gegenüber.

Verständlich bei der Wortwahl

Nicht jedes sexuelle Problem bedarf einer spezifischen Behandlung. In einer intakten Arzt-Patient-Beziehung sollten Schwierigkeiten erkannt, aufgegriffen und offen besprochen werden. Ein Gespräch über Sexualität muss in der Regel vom Arzt begonnen werden. Er ist es auch, der das Augenmerk behutsam auf Probleme in der Partnerschaft richtet. Angst und Scham blockieren das Sprechen über Sexualität. Rasch stellt sich die Frage: "Wie nennen wir ES überhaupt?" Mediziner neigen in der Wortwahl zu Fachausdrücken, mit denen Patienten häufig wenig anfangen können.
"Es ist nicht unbedingt notwendig, die Wörter des Patienten zu übernehmen, wohl aber, verständlich zu bleiben", empfiehlt der Innsbrucker Sexualtherapeut Johann F. Kinzl. Oft reiche es aus, kritische Themen anzusprechen. Nur selten findet sich eine vollständige Erklärung dafür, dass gerade diese Person, dieses Paar ein anhaltendes sexuelles Problem hat, auch wenn man oft einen Zusammenhang erahnen kann. Körperliche Faktoren wie endokrine Veränderungen, vor allem aber auch Medikamentenwirkungen wie Blutdruckmittel oder Antidepressiva und Alkohol sind gängige Ursachen, welche im Vorfeld abgeklärt werden können. Hinter einer körperlich wahrgenommenen sexuellen Funktionsstörung können Kommunikationsprobleme, Unbeholfenheit, Missverständnisse oder Machtkämpfe der Partner stehen. Frauen vermissen Zärtlichkeit, Einfühlungsvermögen und Erotik, während Männer sich am häufigsten mehr sexuelles Interesse, mehr Aktivität und mehr Leidenschaftlichkeit von ihren Partnerinnen erwarten.
Eine ausreichend stabile und belastungsfähige Beziehung ist die Grundbedingung für eine erfolgreiche Sexualtherapie. Daher sollten in der Abklärung nicht nur Fehlfunktionen, sondern auch intakte Zusammenhänge der Partnerschaft erfasst werden.

Quelle: 3. Jahrestagung der Österr. Ges. für Psychiatrie u. Psychotherapie, 2.-4.10.2003,Bad Ischl

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben