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Allgemeinmedizin 28. April 2014

Gesund, aber ...!

Formen der vegetarischen Ernährung sollten hinsichtlich ausreichender Nährstoffversorgung überprüft werden.

Mit zunehmender industrieller Bearbeitung von Lebensmitteln und chemischen Zusätzen macht sich in manchen Bevölkerungsschichten eine gegenläufige Tendenz bemerkbar: Hier wird Wert gelegt auf möglichst naturbelassene, biologisch kontrollierte Lebensmittel und aus unterschiedlicher Motivation auch die vegetarische Ernährung in verschiedene Abstufungen. Bewusste Ernährung wird zur Frage des Lebensstils und der Weltanschauung. Der Ausschluss bestimmter Lebensmittel kann sich auf die Gesundheit durchaus positiv auswirken, er birgt in bestimmten Formen aber auch das Risiko der Unterversorgung mit bestimmten Nährstoffen.

Die vegetarische Ernährung ist in den meisten alternativen Ernährungsformen eine Grundsäule. In Deutschland liegt Umfragen zufolge der Anteil der Menschen, die sich ganz allgemein vegetarisch ernähren bei sieben bis zehn Prozent. Die Zahlen in Österreich dürften ähnlich sein. Diese Kostform liefert meist weniger Energie, weniger gesättigte Fettsäuren, weniger Cholesterin und tierisches Protein, aber mehr Ballaststoffe und Antioxidantien. Auf häufige Wohlstandserkrankungen vor allem des Herz-Kreislaufsystems und des Stoffwechsels, wie Diabetes, aber auch bestimmte Krebserkrankungen kann sich diese Form der Ernährung präventiv auswirken. Diesen gesundheitlichen Vorteilen einer vegetarisch ausgerichteten Ernährung stehen jedoch, so Ströhle et al., einige potentielle Schwachpunkte gegenüber: „Dies betrifft insbesondere die Versorgung mit den vornehmlich in Lebensmitteln tierischer Herkunft enthaltenen Spurenelementen Eisen und Jod sowie den Vitaminen B12 und D.“

Was in der Nahrung fehlt, sollte supplementiert werden

Als häufigste praktizierte Form der vegetarischen Ernährung gilt die lakto-(ovo-)vegetarische Kost. Bei streng vegetarischer Ernährung wird allerdings auf jegliche Lebensmittel tierischer Herkunft verzichtet und bei der aus dem Fernen Osten stammenden Makrobiotik, so erklärt Kersting, wird die Lebensmittelauswahl noch weiter eingeschränkt. So wurde bei erwachsenen Veganern in Deutschland in einer Untersuchung eine unbefriedigende Zufuhr von Vitamin B12 und B2, von Kalzium, Jod und Protein und auch von Energie festgestellt. Zu bedenken ist dabei stets, dass alternativ eingestellte Eltern ihre Ernährungsvorstellungen in guter Absicht, so Kersting, auch für ihre Kinder anwenden. Sie sind sich jedoch meist nicht über die Folgen bewusst, die bei einer Fehlernährung bei Kindern wesentlich schwerwiegender sind als bei Erwachsenen. Bei langjährig vegan ernährten Müttern mit erschöpften Vitamin-B12-Speichern kann der gestillte Säugling einen Vitamin-B12-Mangel mit (reversibler) makrozytärer Anämie und (irreversiblen) neurologischen Ausfallerscheinungen entwickeln. Da Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln in ausreichender Menge vorliegt, muss, Experten zufolge, bei veganer Ernährung in jedem Alter supplementiert werden.

Schlechtere Eisenresorption aus pflanzlichen Quellen

Die Versorgung mit dem Spurenelement Eisen ist auch in der Allgemeinbevölkerung nicht immer ausreichend, bei vegetarischer Ernährung ist sie es besonders. Allgemein steigt das Risiko eines Eisendefizits mit sinkendem Fleischkonsum an, fassen Ströhle et al. zusammen. Dies liegt auch an der schlechteren Resorption von Eisen aus pflanzlichen Quellen. Die Aufnahme lässt sich durch Vitamin C und organische Säuren wie Citrat oder Milchsäure verbessern. Allerdings: Bei extremen und einseitig zusammengestellten vegetarischen Kostformen wird die Situation problematisch. Bei Veganern und bei Rohkost- sowie makrobiotischer Ernährung zeigen sich gehäuft Eisenmangelerscheinungen.

Die zu geringe Zufuhr von Jod ist zwar kein spezifisches Problem der vegetarischen Ernährung, der empfohlene Wert wird von Vegetariern allerdings noch einmal deutlich unterschritten, da die Hauptlieferanten Fisch und Schalentiere hier wegfallen. „In der veganen Ernährung liegt die Jodzufuhr aufgrund des fehlenden Verzehrs von Milch und Milchprodukten“, so Ströhle et al., „noch etwas niedriger. Entsprechend ist das Risiko für eine unzureichende Jodversorgung bei veganen Kostformen deutlich erhöht.“

Vitamin D liegt in Lebensmitteln fast ausschließlich als Cholecalciferol (Vit D3) in fettreichen Seefischen und Milchprodukten vor. Daher führt bei Vermeidung dieser Lebensmittel, wie sie vor allem bei Veganern erfolgt, zu einer deutlich niedrigeren Vitamin D-Aufnahme. Niedrige Vitamin D-Spiegel und eine verminderte Knochenmasse wurden bei einigen Veganer-Populationen in nördlichen Breitengraden beobachtet, die keine Supplemente oder angereicherten Lebensmittel verwendeten.

Der Großteil der Lebensmittel, die gute Vitamin B12-Lieferanten sind wird in der veganen Ernährung vermieden, da sie tierischer Herkunft sind: Fleisch, Fisch, Muscheln, Eier sowie Milch und Milchprodukte. Die „Deutsche Vegan Studie“ fand denn auch, dass der Vitamin-B12-Status bei 26 Prozent der 149 vegan lebenden Personen als unzureichend zu bewerten war. Algen oder Hefe enthalten überwiegend kein für den Menschen verfügbares Vitamin B12. Allerding kann die enge Verbindung von Vitamin B12 und Folsäure einen Vitamin B12-Mangel über längere Zeit überdecken. Denn Vegane Kostformen sind in der Regel reich an frischen Blattgemüsen und damit auch an Folsäure. Während dadurch die Entwicklung einer Vitamin B12-Mangelbedingten Anämie verzögert wird, gehen durch den Vitamin B12-Mangel hervorgerufene neurologische Veränderungen weiter vor sich. Zum Zeitpunkt der Diagnosestellung einer Anämie können daher bereits schwere und irreversible Schädigungen des Zentralnervensystems vorliegen, geben Ströhle et al. zu bedenken und empfehlen: „Aufgrund der Gefahr irreversibler neurologischer Schädigungen und einem potenziell erhöhten kardiovaskulären Risiko ist es unabdingbar, dass alle Veganer ihre Vitamin B12-Zufuhr in Form von angereicherten Lebensmitteln oder Supplementen sichern.“

Allgemein lässt sich feststellen, dass eine Supplementierung von Jod, Vitamin B12 und Vitamin D insbesondere bei veganer Ernährung und in Zeiten des erhöhten Bedarfs (Wachstum, Schwangerschaft und Stillzeit) von allen vegetarisch lebenden Personen in Betracht gezogen werden sollte. Je nach Ausrichtung der gewählten Ernährungsform sollten auch andere Mikronährstoffe auf ihre ausreichende Zufuhr überprüft und bei Defiziten zusätzlich zugeführt werden.

Quellen: M. Kersting: Alternative Ernährung, in: B. Rodeck, K.-P. Zimmer (Hrsg.), Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung, Berlin Heidelberg 2013

Alexander Ströhle et al.: Vegetarische Ernährung: Präventives Potenzial und mögliche Risiken, in: Wien Klin Wochenschr (2006) 118/23-24: 728-737

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